Königinnenmörderin (Alathaia)

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Steff
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Königinnenmörderin (Alathaia)

Beitrag von Steff » Fr 15. Apr 2016, 17:23

Wer möchte etwas darüber lesen, wie sich Alathaia als junge Mutter gibt? Diese Kurzgeschichte spielt kurz nach den Ereignissen des Drachentempels (Zusatzgeschichte in Elfenkönigin) und behandelt noch einmal ausführlich die Beweggründe einer jungen Elfe, gegen die Krone zu rebellieren.

Viel Spaß!


Königinnenmörderin


Alathaia fühlte die Sommersonne auf ihrer Haut kitzeln. Ein frischer Wind liebkoste ihre Wangen. Er trug den salzig-herben Duft des Meeres in sich, gleichwohl wie die weitgetragenen Schreie der Seevögel, die am klaren Himmel ihre Bahnen zogen.

Auf der Palastterrasse wurde gekühltes Beerenwasser ausgeschenkt. Eis klirrte in Kristallgläsern, zarte Töne im Klangteppich der angeregten Gespräche. Schillernd bunt gekleidete Höflinge, Musiker, Beamte und einige Gaukler aus dem Volk der Lutin erfüllten den gleißend heißen Sommertag mit ausgelassenem Leben. Alathaia fühlte sich wie eine Fremde, als sie aus den kühlen Kaminhallen ins Freie trat. In ihrem ledernen Harnisch, der feinwollenen, dunkelgrünen Unterkleidung und den zu oft getragenen Reitstiefeln gab sie ein verwegenes Bild ab. Ihr langes, rußschwarzes Haar lag in einem schweren Zopf um ihre Schultern. Bis zu ihrer Ankunft hatte sie sich recht wohl in dieser ungezwungenen Aufmachung gefühlt, doch nun merkte sie, wie ein Blick nach dem anderen an ihr hängen blieb. Das Interesse der Höflinge an Alathaia war seit jeher von zwei Dingen geprägt gewesen: Respekt und Distanz. Besonders die Lutin maßen sie mit zurückhaltenden, ja scheuen Blicken. Die Fuchslinge wussten, dass sie nur wenig Geduld mit ihrem durchtriebenen Volk aufbringen konnte.

Alathaia war anders als ihr Vater. Und das schmeckte den wenigsten.

Die Elfe war es gewohnt, dass ihr mit Unbehagen begegnet wurde. Meist war ihr das sogar willkommen. Während dem Fürsten die Herzen geradewegs zuflogen, blieb für sie das mimische Rügen, wenn sie mehr nach der Sippe ihrer Mutter schlug. Blicke waren ihr kleinstes Problem, schalt sie sich.

Die Zauberweberin maß die Terrasse mit langen Schritten. Je näher sie ihrem Ziel kam, desto schneller pochte ihr Herz in ihrem Brustkorb. Ihre Finger kribbelten. Zu lange war sie fort gewesen.

Der Überfall des Drachenpalasts hatte sich in die gefühlte Unendlichkeit gezogen. Ein Heer hatte sie ausgebildet, einen verzweifelten Schlachtplan gefasst, Verrat, Verlust und Mord durchlebt, ehe sie den Dienst im Namen der Elfenkönigin vollbracht hatte. Eine andere Königin hatte sie in Emerelles Namen gemordet – und ihrem eigenen Schicksal in die Augen geblickt.

Dies wäre es zumindest, wenn sie sich nicht wappnete.

Sie musste ihren Vater sprechen!

Die Rosengärten standen in reicher Blüte. Ein ätherischer Duft von sinnlichen, süßen Kapriolen wehte ihr entgegen. Stück für Stück streifte sie den Modergestank der Mangroven und den widerlich faulen Geruch von Elfenlichts Lügen ab, um aufzublühen in der Vertrautheit ihrer Heimat.

Langollion war ihr stets wie ein aufregendes Geheimnis erschienen. Das märchenumschlungene Reich ihres Vaters, in dem sie bereits mit ihren ersten Schritten die große Freiheit gesucht hatte. Und gefunden hatte sie sie! Hundertfach in Liebe, Schmerz und Wahrheit. Gern ging sie dabei einen Schritt zu weit – viel zu weit. So manches Mal war es nur dem Einfluss ihres Vaters zu verdanken, dass sie nicht in gewaltige Schwierigkeiten geriet. Und nicht selten war es ihr Vater gewesen, der ihr Schwierigkeiten bereitete, wenn sie ihre Grenzen vergaß.

Der Fürst war ein Pol, der untrennbar mit den Lebensadern der Albenmark verbunden zu sein schien. Seine Ruhe waren die tiefen Wälder, seine Bestimmtheit die brandungstrotzenden Küstenklippen, seine Weisheit der unendliche Himmel, seine Güte die Kristallseen auf den höchsten Bergen und sein Lächeln die tiefen Wunder der Rosenlabyrinthe Langollions. Seine Stärke und sein Vertrauen waren das Rückgrat und die Schutzwälle seines Reichs.

Seine Tochter wusste, wie gern er an solch herrlichen Tagen in den Rosengärten Tee trank und allein mit sich selbst war. Schon als Kind hatte sie lernen müssen, dass seine Stunden der Einsamkeit heilig waren. Doch dieser Umstand hatte sich vor einigen, wenigen Jahren geändert. Gewaltig geändert.

Alathaia hielt inne, als sie an einen Pavillon kam. Inmitten von kirschfarbenen Blüten war er errichtet, vom Schwirren farbenfroher Schmetterlinge umwebt. Marmorne Pilaster, Eufeuberankte Wuchsgitter und ein kupfernes Kuppeldach umgaben, was Alathaia mit einem zaghaften Lächeln bedachte.

Der Anblick ließ sie fühlen und denken, als sei sie Löwin und Lamm zugleich.

Ihr Vater, der Fürst Langollions, saß an einem gläsernen Tisch, weit heruntergebeugt. Ein lehriges Lächeln zierte seine asketischen Züge und die Zuneigung war warm in seinen Augen. Er hielt ein Buch in den Händen, dessen Seiten völlig von Farbklecksen entstellt waren. Doch den Fürsten störte dies wenig: Geduldig hielt er es seiner Gesellschafterin hin, deutete auf die Lettern, lachte auf und zog das Buch zum genauerem Studium näher an sich heran. Neben ihm saß ein Mädchen, das wenig von den Versuchen des Fürsten zu halten schien, sie immer wieder zum Lauschen seiner Geschichten animieren zu wollen. Beherzt schwang sie den Pinsel über ein großes Pergamentblatt, während ihre dunklen Locken ihr beständig ins Gesichtchen fielen. Mehrmals hob sie die Hand, um sich die Haare hinters Ohr zu klemmen – und damit grün-gelbe Farbflecke auf ihrer Haut, den Locken und den Ohren zu verteilen.

Alathaia fühlte einen Stich in ihrer Brust.

Sie war gewachsen.

Unsicher trat sie näher an den Pavillon heran. Eine unbegründbare Angst, das Mädchen würde sie nicht wiedererkennen, erfüllte sie. Oder würde sie ihr gar grollen?

In diesem Moment löste die Kleine den Blick von ihrer Pergamentmatscherei. Ein waches, grünfunkelndes Augenmerk traf Alathaia und der Fürstentochter wurde einmal mehr bewusst, wie sehr ihre Tochter nach ihr schlug.

„Mama!“, hallte es durch die Palastgärten.

Sofort war das Elfenmädchen auf den Beinen, huschte am Stuhl ihres Großvaters vorbei, sprang die drei Stufen des Pavillons herunter und flog förmlich in die Arme Alathaias. Diese ging augenblicklich in die Knie, fühlte, wie sich die Ärmchen ihrer Tochter um ihren Hals schlangen und dankte den Alben dafür, dass ihre Ängste nicht wahr geworden waren. Sie hob das Mädchen an ihre Hüfte, umschloss es fest, sodass sie bald fürchtete, es zu erdrücken.

Die Kleine drückte ihr das Gesichtchen in die Halsbeuge und murmelte: „Ich hab‘ dich so vermisst!“

„Ich dich auch“, erwiderte Alathaia tränenerstickt. Bei den Alben! Wie sehr sie sich auf diesen Augenblick gefreut hatte – nicht nur auf der langen Mission in den Mangrovenwäldern, sondern auch zurück auf Burg Elfenlicht, wo sie Emerelle Bericht über die Vorkommnisse erstattet hatte – wurde ihr erst in diesem Augenblick klar. Sie war leichtsinnig gewesen. Auch das wurde ihr nun überdeutlich bewusst. Ihre Tochter hätte binnen eines Herzschlags zur Waisen werden können. Zur Halbwaisen, zumindest. „Jeden Moment meiner Reise habe ich an dich gedacht, kleine Luana“, murmelte sie, während sie ihre Tochter zitternd vor Glück in den Armen wog. „Ich habe den Mond und die Sterne angefleht, dir einen ruhigen Schlaf zu schenken, jede Nacht. Und jeden Tag bat ich die Sonne darum, dir ein Strahlen aufs Gesicht zu zaubern und dich zu wärmen, wo ich es nicht konnte.“

Alathaia sah hinüber zu ihrem Vater. Er hatte sich erhoben und nickte ihr stumm zu, eine Geste so leicht, dass sie diese beinahe übersehen hätte. Sie war ihm dankbar dafür, so viel seiner Zeit für ihre Tochter zu opfern. Auch wenn er einen gewaltigen Narren an seiner Enkelin gefressen hatte, so war das leidige Thema ihrer unverhofften Schwangerschaft mit Luana noch nicht zwischen ihnen begraben. Es half auch nicht, dass Luana beständig nach ihrem Vater frug. Dabei war es dem Mädchen völlig gleich, wen es über das Verbleiben des Elfen aushorchte – Sekretäre, Händler, Musikanten, Hofdamen …

Nein, ihr Vater war nicht glücklich über Alathaias Wahl gewesen, doch mittlerweile war sich auch die Zauberweberin darüber bewusst, dass der Kapitän der mystischen Walbucht nur ein Strohfeuer gewesen war. Auch wenn sie unter ihrem Herzen längst ein weiteres Aufleben dieses Feuers vermutete. Sie würde den Seefahrer der Eismeere nie mehr wiedersehen.

Luana strampelte in ihrem Griff. „Mama, ich hab‘ was für dich gemalt!“

Lächelnd ließ die Fürstentochter ihren Derwisch auf die Steinplatten los. Luanas gelbes Kleid wehte in der Meeresbrise, als sie Momente später mit einem farbfeuchten Pergamtenbogen zurück trippelte.

Alathaia griff gedankenverloren nach den beiden rauen Steinen in dem Beutel an ihrer Seite. Sie dachte an die Entscheidung, die sie nach dem Tod der Schlangenkönigin getroffen hatte. In ganz Langollion würden sich die überlebenden Krieger aus ihren Reihen niederlassen – ihre Schatten würden das Land heimsuchen. Sie würden die Waffen der Fürstentochter sein, ebenso die Karfunkelsteine, welche sie aus dem Besitz der Schlangenkönigin mit sich führte. Zwei Steine, zwei bedeutende Schläge gegen Emerelle.

Alathaia ging erneut in die Hocke zu Luana, die atemlos das Bild in ihren Händen hielt. Lange blickte sie ihre Tochter nur an. Zwei Kinder, zwei fatale Schwachstellen.

Es würde Opfer fordern. Doch ihre Entscheidung stand fest.

Nur schwer konnte sie sich von den Gedanken lösen und auf das Bild schauen, das Luana ihr emporreckte. Alathaia fiel es nicht leicht, etwas auf dem Pergament zu erkennen. Kleckse, Streifen, Kreise …

„Bin das ich?“, wagte sie einen halbherzigen Versuch und blickte um Verzeihung haschend über den Rand des Pergaments zu ihrer Tochter. Wenn irgendjemand auch nur ahnte, was für eine miserable Mutter sie abgab …

Doch Luana reagierte anders als erwartet: Begeistert nickte ihre Tochter und strahlte über das gesamte verschmierte Gesichtchen.

Und tatsächlich glaubte Alathaia bei einem zweiten Versuch, etwas in der Zeichnung ihrer Tochter zu deuten, so etwas wie Arme und einen Kopf zu erkennen. Da stach ihr etwas ins Auge, was sie die Stirn runzeln ließ: „Was ist das da auf meinem Kopf?“

Sie zeigte mit dem Finger darauf und Luana zog eine Schnute, als sie den silbergrauen Strich auf der Stirn ihrer Zeichnung erblickte: „Das hat Großvater gemacht. Obwohl ich es ihm verboten habe!“ Luana verschränkte in einer bockigen Manier die Arme und wirkte wenig glücklich darüber, dass ihrer Mama ausgerechnet dieses Detail auf der Zeichnung aufgefallen war.

Irritiert sah Alathaia auf zu ihrem Vater, welcher noch immer am Pavillon ausharrte. Die Elfe erstarrte. Etwas war anders als sonst … etwas … fehlte. Auf der Stirn ihres Vaters. Der Fürstenreif. Mit angehaltenem Atem blickte Alathaia zurück auf das Pergament. Der silbergraue Streifen …

Sie erhob sich und stellte fest, dass ihre Knie wachsweich wurden. Bedeutete das … war dies die Art ihres Vater, ihr zu sagen, dass …

Alathaia wagte nicht, auszuatmen. So lange hatte sie sich nach diesem Augenblick gesehnt und zugleich fürchtete sie ihn, seit sie denken konnte. Und ihr Vater!? Er hielt sie zum Narren!

Erneut füllten sich ihre Augen mit Tränen – wann war sie nur so weich geworden?! Sie suchte den Blick ihres Vaters. Stolz, Belustigung, Zuversicht, Vertrauen und ein klein wenig Neckerei waren in seinen Augen zu sehen. Sie straffte die Schultern, nahm Luana bei der Hand und ging hinüber zu dem Fürsten. Entschlossen trat sie ihm entgegen: „Luana wird meine Erbin. Sollte sie es ausschlagen, dann das Ungeborene. Du wirst mit Bastarden in deiner Dynastie Vorlieb nehmen müssen. Ich werde nicht heiraten.“

„Das hatte ich geahnt und gehofft, Tochter“, erwiderte der Fürst ruhig. „Die Legitimation deiner Erben zweifelt niemand an. Du wirst aber mit viel Missgunst und Ablehnung rechnen müssen. Deine Kinder auch.“

„Ich komme mit Tuscheleien klar und ich werde meine Kinder lehren, dies auch zu tun.“ Alathaia sprach mit fester Stimme. Sie hasste es, von ihm Selbstverständlichkeiten erklärt zu bekommen!

„Gib acht, was du deinen Kindern lehrst, Alathaia“, sagte da ihr Vater, weicher und gütiger als zuvor. „Es könnte passieren, dass sie dich eines Tages überstrahlen.“

Er nahm ihre Hand in seine. Als er seine Finger fortnahm, lag in Alathaias Linker ein goldschimmernder Ring, dessen schwarzes Siegelemblem ihr allzu vertraut war. So ein leichter, verschwindend kleiner Gegenstand, solch eine schwere Bürde, welcher er symbolisierte. Nichts hatte sich je besser angefühlt, als diesen Moment zu kosten.

Alathaia spürte, sie hielt ihr Schicksal in der Hand. „Ich werde es beherzigen, Vater.“


____________


Luana ist ein Original-Charakter aus meiner Feder, deren Schicksalsgeschichte hier behandelt wird: http://www.fanfiktion.de/s/5676c5740000 ... ttenspiele
(Die Story behandelt zudem die Zeit nach den Tjuredkriegen in Langollion.)

Die Rechte an allen anderen Charakteren und Schauplätzen, die im obigen Text Erwähnung finden, gehören einzig und alleine dem genial-liebenswerten Autor Bernhard Hennen. Ich verdiene keine müde Mark damit, diese Texte zu schreiben. Mein einziger Lohn sind eure Reaktionen und der Spaß am Schreiben.
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Re: Königinnenmörderin (Alathaia)

Beitrag von Death of Fantasy » Sa 16. Apr 2016, 16:49

Hui, das ist mal eine sehr interessante Geschichte und ein ganz anderer Blick auf Alathaia. Ich mag' es sehr, sehr gerne! Es ist wirklich schön geschrieben und liest sich flüssig! Immer weiter so!
Veidon anatlâ
Trireinos koilon monis pantos
Volevos kaion moricus
Ni têrsos tenkos sves nâus-anatia
In litaviâ votno-ûrâ
Mê anatlô

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Steff
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Re: Königinnenmörderin (Alathaia)

Beitrag von Steff » Mi 20. Apr 2016, 19:14

Vielen Dank für das liebe Feedback! Das hört man immer gerne! :)
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Tanthalia
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Re: Königinnenmörderin (Alathaia)

Beitrag von Tanthalia » Mi 11. Mai 2016, 18:07

Hallo Steff,

mir gefällt Deine Geschichte auch sehr. Sie ist spannend und so lebendig geschrieben, dass es sich anfühlt, als stünde ich mitten zwischen Alathaia, ihrem Vater und der kleinen Luana.

LG Tanthalia

Steff
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Re: Königinnenmörderin (Alathaia)

Beitrag von Steff » Fr 13. Mai 2016, 12:14

Aww, vielen Dank für die lieben Worte, Tanthalia! Es freut mich sehr, dass dir die Story gefällt.
Ich habe hier auch noch einige weitere Kurzgeschichten gepostet und eine neue stelle ich gleich online.
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