Keine Rose ohne Dorn

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Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Di 7. Apr 2015, 22:03

@chrisantiss: Vielen Dank für dieses große Lob! Es freut mich das du noch dabei bist!

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen des vorletzten Kapitels und hoffe, es gefällt euch!

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In den Palastgärten


Jornowell hatte seine Erschöpfung in dem Moment vergessen, als er sie heute Nacht das erste Mal erblickte. Er würde Anarion noch einmal danken müssen, dass er ihm vom Zustand des langollischen Fürsten berichtet hatte und wie sehr Morwenna ihre Kräfte aufzehrte, um ihren Bruder aus dem Heilschlaf zurückzuholen.

Trotz der beschwerlichen Reise in das Fjordland und wieder zurück in die Albenmark hatte er nicht gezögert, direkt zum Turm der Fürstenfamilie zu gehen, um die Heilerin dort abzufangen. Es hatte mehrere Stunden gedauert, bis die schwarzhaarige, zierliche Elfe erschienen war.

Das Warten hatte sich gelohnt, dachte er bei sich, als er sie nun ansah. Die Fürstenschwester trug ein Kleid in der Farbe von Beerenwein, das einen tiefen Rückenausschnitt zeigte und ebenso Arme und Schultern freiließ. Darunter zeigte sich die blasse Haut des Adels, die einen Kontrast zu ihrem dunklen Haar bildete und ihn immer wieder dazu verleitete, sie zu berühren. Er fragte sich, was ihr wohl durch den Kopf ging, als sie erneut in das Wasserbecken sah.

Lange nach seiner durchwachten Nacht in Vahan Calyd hatte er noch über sie nachgedacht. Immer wieder versuchte er sich selbst auszureden, dass sie mehr als ein aufregendes Abenteuer sein mochte. Immer wieder hatte er sich in Erinnerung gerufen, auf welche Vergangenheit die Tochter Alathaias zurückblickte.

Doch wie er sie so ansah, wurde ihm klar, dass es schwer werden würde, sie zu vergessen. Morwenna vereinte all das, was eine Frau in seinen Augen begehrlich erscheinen ließ. Sie besaß die Schönheit und Anmut einer Nymphe, war ebenso geheimnisvoll wie faszinierend wie eine junge Selkie. Wenn sie nur nicht den Dickkopf eines Minotaurs besäße, und diese scharfe Zunge, die zustechen konnte wie ein Wüstenskorpion. Außerdem schien sie verschlossen wie ein Kobold-Greis, der den natürlichen Zenit seiner Lebensspanne längst überschritten hatte und verhärmt wie eigenbrötlerisch durch die Welt ging.

All das zog ihn jedoch in seiner Gesamtheit so sehr an, dass er langsam glaubte, er habe zu lange nicht bei einer Frau gelegen, um sie noch objektiv betrachten zu können. Wahrscheinlich würde er ganz anders über sie denken, wenn er auf ihre Forderungen in Vahan Calyd eingegangen wäre.

Als sie seinen forschenden Blick bemerkte, wandte sie sich zu ihm und bedachte ihn nach wie vor mit einem Schleier der Unnahbarkeit ihren Augen.

„Was denkst du?“

„Warum bist du heute Nacht zu mir gekommen?“ Sie verschränkte die Arme. „Ich weiß, was du von meiner Sippe hältst und was du vermutlich wirklich von mir denkst.“

„Sieh mich an! Du kanntest meinen Vater …“ Er bedachte sie mit zusammengezogenen Brauen. „Glaubst du wirklich, ich würde andere nach ihrer Abstammung beurteilen? Ich sah deinen Mut in Vahan Calyd. In diesen Stunden sah niemand die Tochter einer Abtrünnigen in dir. Sie sahen zu dir auf und blickten in das Gesicht einer Anführerin, die Mitgefühl und Edelmut zeigte. Diese Elfe interessiert mich, nicht Alathaias Tochter.“

„Sie ist ein Teil von mir, das kannst du nicht ändern …“ Sie hatte ihre Arme enger um sich geschlungen, die Augen sprühten vor Angriffslust. Doch etwas in ihren Gesten verriet ihre Unsicherheit. Sanft ergriff er erneut ihre Hände und war erleichtert, dass sie ihn nicht von sich wies.

„Ich werde mich von ihr nicht abschrecken lassen!“ Jornowell merkte, wie er bei jedem Wort, das er sprach, sicherer wurde. Endlich ließ sie ihn an sich heran. Seine Stimme wurde eindringlich, bestimmt. „Ganz gleich, was sie versucht, um mich von sich zu stoßen. Aus welchen Gründen auch immer sie nicht will, dass ich ihr nahe bin.“

Bestimmt drückte er ihre Hand: „Lass uns meine möglicherweise letzte Nacht mit angenehmeren Themen gestalten.“

Die schwarzhaarige Elfe sah zweifelnd zu ihm auf. „Solltest du dich nicht ausruhen? Der Morgen ist nicht mehr fern und … die Schlacht …“

„Du machst dir Sorgen um mich“, stellte er fest und zog sie an sich, endgültig ermüdet von diesen erdrückenden Themen. Den Blick ihrer schwarzen Tiefen gefangen nehmend, fuhr er ihr mit den Fingerspitzen über die Wange. Sie bedachte spielerisch warnend und abschätzig seine Finger, doch ließ sie seine Berührungen zu.

„Ganz gleich ob ich wütend bin, oder besorgt, deinem aufmerksamen Feinsinn scheint es nicht zu entgehen“, raunte sie mit einem gewissen Unterton, der ihm klarzumachen versuchte, dass er sich täuschte. Aber Jornowell ließ sich davon nicht beirren: „Ich habe ein gewisses Gemüt, wenn es um die Belange der Frauen geht.“

„Gehört das zu deinen vielzähligen gerühmten Talenten?“ Sie kam ein Stück näher, die Herausforderung stand in ihren Augen – Sie war die fleischgewordene Provokation und Jornowell war kein Mann von großer Selbstbeherrschung...

„Weniger…“, entgegnete er und überwand die letzte Distanz. „Als das.“

‚Endlich‘, schoss es ihm durch den Kopf, als er es wagte, sie zu küssen. ‚Endlich!‘

Er hielt ihren Kopf an ihrem Nacken, verkrallte die Hand in ihren Locken, als seine Lippen sehnsuchtsvoll über ihre fuhren und er unter dem Tanz ihres warmen Atems auf seinem Gesicht erschauerte. Sein Herz begann aufgeregt gegen seine Rippen zu pochen, als er merkte, wie sie sich an ihn schmiegte und ihre Hände unter sein ledernes Wams fuhren. Endlich hatte sie ihre Krallen eingefahren! Still grinste er in den Kuss hinein und schlang einen Arm um die Taille seiner hungrigen Wildkatze. Dieser Moment durfte nicht enden!

Er wusste nicht, wie lange sie hier standen und ihre Nähe teilten. Es schien als würde die Zeit inmitten der Tannen und Farne langsamer vergehen. Doch ganz konnte er sich der Nacht und der Bedeutung, die sie wie den Geruch des Schwefels in sich trug, nicht entziehen.

Jornowell löste sich –und brachte eilig etwas Abstand zwischen sie, als sie ihren fragenden, sehnsuchtsvollen Blick bemerkte. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit und er würde morgen seine ganzen körperlichen Kräfte, die ihm noch blieben, benötigen – Diese Augen vermochten ihm womöglich mehr abringen, als er sich erlauben konnte.

Statt sie erneut zu küssen, schenkte er ihr ein freches Zwinkern, welchem sie nur mit einem unbeeindruckten, müden Lächeln begegnete.

„Du weist mich schon wieder ab …“

„Es würde dir nicht gerecht. Ich muss heute Nacht noch zu den anderen Elfenrittern reiten. Die Schlacht beginnt mit dem Morgengrauen … Also nein, auch keine Ruhe für mich heute Nacht.“ Er hoffte, dass seine Erklärungen sie milde stimmen würden. Er brachte es nicht übers Herz, sie noch einmal zu verärgern oder gar endgültig ihre Ablehnung auf sich zu ziehen.

„Wann musst du gehen?“, fragte sie und zog dabei die Augenbrauen zusammen. „Du hättest dir noch etwas Schlaf gönnen sollen, statt mir aufzulauern …“

Der Weltenwanderer räusperte sich vehement: „Zuallererst, meine Schöne, habe ich dir nicht aufgelauert, sondern dich mit aufrichtigen Absichten besucht. Zweitens benötigst du mindestens genauso dringend Schlaf wie ich, also solltest du mir besser nicht diesbezüglich die Leviten lesen. Und zu guter Letzt haben mir diese Momente mit dir mehr Kraft geschenkt als ein einsamer Schlaf es jemals vermöchte.“

Diese Worte brachten weder den Erfolg, sie aufzuheitern, noch konnte er sich selbst von ihrer Wahrheit überzeugen. In Wahrheit hatte er Angst und wusste nur zu gut, dass ihm ein paar Stunden Schlaf gut getan hätten. Allerdings war er wirklich lieber bei ihr gewesen, als allein mit sich und marternden Gedanken an den morgigen Tag. Er hätte ohnehin keine Ruhe gefunden.

Er wusste, dass sie dieses Wissen aus seinen Augen lesen konnte.

„Du sagst das so, als würdest du dich verabschieden …“ Sie wich seinem Blick aus.

„Ein wenig Zeit bleibt mir noch.“ Er bedeutete ihr, sich an einen Buchenstamm niederzulassen. „Setz dich zu mir.“

Einen Moment lang sah er erneut das Zögern in ihren Augen aufflackern und schwor bei sich, dass er dieses für immer aus ihrem Blick verbannen wollte. Elegant ließ sie sich neben ihn sinken und lehnte den Kopf an den Stamm. Die Dunkelheit ließ ihre Augen wie Obsidian aufglimmen, als sie ihn aufmerksam bedachte. In einer vertrauten Geste strich sie sich ihre Locken hinter die spitzen Ohren und legte damit den Blick auf ihre edlen, feinlinigen Gesichtszüge frei. Jornowell genoss ihre Aufmerksamkeit und ärgerte sich stumm darüber, dass er noch immer nicht vermochte zu ermessen, was hinter diesen schönem Gesicht vor sich ging.

„Erzähl mir etwas“, forderte sie mit einem Hauchen. „Man sagt, das gehöre auch zu deinen Talenten.“

Jornowell lächelte: „Tut man das?“ Die Elfe erwiderte sein Lächeln.

***


Jornowells Stimme war sanft wie ein Windhauch, der frisch gefallenen Schnee aufwirbelte. Seine Worte waren so gewählt, als würde sie einen eigenen Traum durchleben. Wie er ihr von fernen Orten und fremden Völker erzählte, driftete sie ab und hing an seinen Ausführungen. Ihr war, als würde er sie in einen magischen Bann schlagen.

Ihre Augen fielen zu …

„Morwenna!“ Etwas rüttelte sanft aber bestimmt an ihrem Arm. „Wach auf.“

Sie schlug die Augen auf und benötigte einige Herzschläge, um zu realisieren, wo sie war. Das Mondlicht schien zwischen den Tannnadeln und Buchenzweigen hindurch, um eigentümliche Schatten zwischen Efeu und Farn zu malen. Sie hätte den Rest ihres Lebens hier verbringen können, dachte sie, als sie die beiden Elstern von vorhin erneut am Wasserbecken ausmachte.

Jornowell half ihr mit leuchtenden Augen auf, seine Gesten sprachen von Wärme und Verständnis. Er schien nicht gekränkt, dass sie bei seiner Geschichte eingeschlafen war.

„Komm, ich bringe dich an einen Ort, wo du in Ruhe die Nacht verbringen kannst“, flüsterte er und erinnerte sie damit daran, dass er bald gehen müsste und sie in dieser Nacht einmal mehr allein mit sich selbst war.

Natürlich dachte sie, dass er sie in ihr Gemach bringen würde, als er sie schweigend auf den Kiesweg zurück zur Burg führte. Doch er schien ein anderes Ziel vor Augen zu haben, wie sie bemerken sollte, als sie erneut einen unvertrauten Weg durch nunmehr still gewordene Elfenlicht beschritten.

Schließlich kamen sie in einem eher abgelegenen Flügel der Burg vor einer Eichentür zu stehen. „Deine Gemächer?“, fragte sie erstaunt. Gerade dachte sie noch, er wollte Abschied von ihr nehmen.

„Ich hoffe, du bekommst keinen Schock“, murmelte er, als er die Hand auf den Türknauf legte. „Mein Vater fiel jedes Mal fast in Ohnmacht als er mein Zimmer betrat. Deswegen habe ich mich nie wirklich getraut, eine Frau hierher mitzunehmen … es ist … ein wenig chaotisch …“

Morwenna hob die Augenbrauen: „Und ich erscheine dir hart gesotten genug, um es ertragen zu können?“

„So würde ich es nicht ausdrücken …“

„Mach schon auf!“, forderte sie und er kam dem mit einem leichten Seufzen nach.

„Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“

Als sie den Fuß in das Gemach setzte, wusste sie im ersten Moment nicht, wohin sie schauen sollte. Das erste, was ihr auffiel, war wie gering bemessen dieses Zimmer war. Selbst ihr Gästequartier war größer als Jornowells Wohnraum. Der Eindruck wurde durch die einnehmenden Holzregale, die sich dicht an dicht an den Wänden reihen, verstärkt. Diese Regale waren so voll gestopft mit Büchern, Pergamentbündeln, Kladden, Kistchen, Statuetten, Figuren in den verschiedensten Größen, Modellen von Gebäuden und dem unvorstellbarsten Plunder, dass sie sich unter der Masse an Gewicht durchbogen. Die Farben und Gerüche, die über sie einfielen, ließen ihre Sinne einen Moment lang sirren.

Er ging zu einem kleinen Beistelltisch und entzündete dort einige niedergerbrannte Kerzenstummel. Auch der die Tischplatte war bedeckt mit Unrat: Perlen, Federkiele, Tintenfässchen und etwas das aussah wie ein Raubtierzahn lagen verstreut neben ein paar kleineren Kelchen aus Silber und Kristall. Unter dem Tisch lagen zusammengeknüllte Papierknäul und einige der Perlen, die wohl heruntergerollt waren.

Und das Bett … selbst das Bett war ungemacht und mit mindestens sieben Landkarten aus Albenmark und den anderen Welten bedeckt. Morwenna war sich sicher, dass er diese selbst angefertigt hatte.

„Schau nicht so …“ Jornowell sah inmitten dieses Durcheinanders aus wie ein Junge, der nicht recht wusste, ob er stolz auf etwas sein sollte oder verlegen. „Es sammelt sich viel an in einem Leben, das durch alle Welten an die entlegensten Orte führt.“

„Warum hast du mich hierhergebracht?“, fragte sie immer noch irritiert und strich über ein Windspiel, welches zusammen mit einigen Modellen von Vögeln, Schiffen und Gebilden, die sie nicht benennen konnte, tief von der Decke hing. Etwas, das nicht edler anmutete als bunte Glasscherben, reflektierte das Kerzenlicht und warf rote, grüne und blaue Schemen an die Wand.

„Nun“, erwiderte er zögernd und trat wieder zu ihr. „Im Turm von Alvemer hast du mir eine Seite von dir gezeigt, die mich nicht mehr loslässt. Was du mir für den Brief an deinen Bruder diktiert hast… Ich mag nicht glauben, dass dich nur so wenig in deinem Leben berührt, wie du sagtest – Auch wenn ich sehen konnte, dass sie in Bezug auf Vahan Calyd der Wahrheit entsprachen.“

Morwenna erinnerte sich mit einem unangenehmen Ziehen an die Worte, die sie Jornowell diktiert hatte. Sie hatte damals schon mit sich gehadert, sich ihm so zu offenbaren. Es war ihr in diesen Stunden allerdings so erschienen, als würde er diese Dinge ohnehin bereits über sie wissen – sie auszusprechen würde daran nichts ändern. Das Verständnis, das sie in seinen Augen gelesen hatte, die aufrichtigen Worte, der Schmerz in seinen Zügen und zuletzt auch, wie sehr er beweisen wollte, dass er nicht der sprunghafte und kopflose Elf war, als den sie ihn zuvor bezeichnet hatte – all das war ihr wie ein unsichtbares Band erschienen, welches sie zu dem unverschämten Elfen zog.

Er machte eine allumfassende Geste. „Hier drin kannst du sehen, was mich in meinem Leben berührt. Auch wenn das meiste nur Erinnerungsstücke sind, die mich in meinen Gedanken an die mir so kostbaren Orte bringen. Sieh dich um und lass dich treiben. Es ist meine Entgegnung auf das, was du mir in Vahan Calyd anvertraut hast.“

Die Heilerin antwortete nicht, sondern sah ihn lediglich stumm an.

„Wenn ihr nur erahnen könnte, was du denkst“, sinnierte er und schüttelte resignierend den Kopf. „Hier wirst du heute Nacht ungestört sein. Keiner wird auf die Idee kommen, in meinem Gemach nach dir zu suchen. Wenn du Ablenkung finden willst, kannst du ihn meinen Schriften lesen und es wird sein, als spräche ich diese Worte zu dir. Und wenn du dich ausruhen möchtest…“ Er deutete auf sein Bett. „Du wirst dir vielleicht etwas Platz verschaffen müssen.“

Morwenna wusste, dass sie in den Hallen der Heilung erwartet wurde. Wenn sie dort nicht bald erschien, würde man tatsächlich nach ihr suchen. In ihren eigenen Gemächern würde sie heute Nacht keine Ruhe finden. Der Gedanke daran, hier wenigstens einige Stunden lang ungestört zu sein, war verlockend. Und das nicht nur der Ruhe wegen …

Fast verlegen strich er über ihre nackten Arme und ergriff schließlich ihre Hände. „Ich werde auf meinem Weg zum Schlachtfeld daran denken, wie hier so viel, was mich in meinem Leben bewegt, auf mich wartet. Mit etwas Glück denkt vielleicht auch etwas davon an mich.“

„Du bist ein Traumtänzer …“

Unbeirrt lehnte er sich zu ihr und küsste ihre Hand, wie es einst bei Hofe üblich gewesen war: „Leb wohl oder auf Wiedersehen, meine schöne, widerspenstige Fürstin.“ Er lächelte schelmisch. „Bitte versuche, nichts kaputt zu machen.“

Morwenna blieb erneut stumm, als er sich zum Gehen umwandte, nicht ohne ihr ein letztes Mal zuzuzwinkern. Als er aus der Tür heraus war, kam es ihr vor, als hätte er alles Licht mit sich genommen. Lange stand sie einfach nur vor der Tür und bedachte die Holzmaserung. Ihr aufgewühlter Geist kam nicht zur Ruhe.

Schließlich sah sie sich erneut in dem Sammelsurium, das Jornowell wohl über Dekaden angesammelt hatte, um. Ihre Aufmerksamkeit wanderte von einigen länglichen Muscheln, die zusammen mit eingravierten Holzperlen in einer Perlmuttschattule lagerten, zu der steinernen Figur einer tanzenden Dryade. In einem Buch fand sie Zeichnungen von Schmetterlingsarten und Blütenformen, in einem anderen berichtete Jornowell von alten Ruinenstätten in den Wäldern von Galvelun. Morwenna war überrascht davon, dass der Weltenwanderer nicht nur über seine Erlebnisse schrieb, sondern seine Eindrücke auch in talentierten Malereien festhielt. Zeichnungen von verschiedenen Albenkindern, die sich in einem dicken Pergamentstapel häuften, bewiesen sein Geschick. Die Emotionen in den Blicken schienen perfekt getroffen zu sein. Auch das ein oder andere verliebte Lächeln einer hübschen Elfe konnte sie sehen.

Ihre Finger tasteten über den ledernen Einband einer Kladde. Das Leder war abgegriffen und Morwenna fragte sich, wohin das Büchlein den Weltenwanderer wohl schon begleitet hatte. Sie nahm es an sich und begann, darin zu lesen.
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Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Sa 11. Apr 2015, 21:04

Der Rosenturm, Fürstensitz Langollions

Es war einer der letzten warmen Herbsttage. Der frische Westwind wehte den Geruch der Gischt in den Küstengarten, der über den Klippen des Waldmeers lag. Die Brandung rauschte in der Ferne und ließ die wenigen Albenkinder, die in den frühen Abendstunden in den Palastgärten wandelten, andächtig lauschen.

Die Gärten waren weitläufig unter dem majestätischen Fürstenturm angelegt, großzügig erstreckten sich wilde Rosenfelder zwischen den vielfältigen Kakteenarten und versreuten Küstensteinfindlingen, die von einer dünnen Salzkruste überzogen wurden. Über den Königinnen der Blumen und den murmelnden Brunnen, trugen krumme, knorrige Fruchtbäume ihr Obst. Die alte Blutbirne, dessen anregende Wirkung auf Geist und Körper weit über die Grenzen der Insel berüchtigt war, verströmte einen angenehmen holzigen Geruch. Andere Baumarten, wie Steineichen, Kastanien und Buchen zeigten bereits ihre bunt verfärbten Blätter.

Es waren die friedvollen Monate, die nach den langen Kriegen Albenmarks währten. Der Kampf gegen die Ordensritter lag seit vielen Wochen im Schatten der Gedanken der Völker. Obgleich die Narben, welche die Menschen in ihrer Welt hinterlassen hatten, wohl noch mehrere Jahrzehnte nicht verheilen würden, war es an Tagen wie diesen zu verspüren, dass sich das Leben der Albenkinder wieder der einstigen Pracht und Vielfalt öffnen würde.

Morwenna saß im letzten Lichtschein, der vom Küstenstreifen herreichte, auf einer steinernen Bank und war in ein Buch vertieft. Es berichtete ihr von der fernen Insel Tanthalia, dessen blinde Märchenerzähler und den Geschichten, die sie zu erzählen hatten.

Morwenna schmunzelte. Sie schenkte keinem einzigen Wort Glauben, das sie las. Die Märchen, die der Autor in seinen Schriften wiedergab, waren reines Seemannsgarn. Geschichten, die man Kinder vortrug, bis sie in einen traumreichen Schlaf fielen. Es war alles andere als eine Lektüre nach ihrem Geschmack. Würde jemand bemerken, welches Buch sie auf ihrem Schoß hielt, würde sie es wohl beschämt zuschlagen. Dennoch war etwas in diesen Zeilen, das sie fesselte. Der Schreiber gab die Märchen nicht Wort für Wort wieder, sondern hatte ihnen ihr eigenes Leben in seinen Schriften verliehen.

Die Heilerin wusste, wie zahlreich dieses Buch kopiert worden war und wie viele Anhänger – vor allem aus dem Volk der Kobolde – die Schriften des Autors fanden. Doch dieses Buch war keine Kopie – sie hielt das Original in den Händen. Die Handschrift war geschwungen, die Tinte an vielen Stellen ausgebleicht. Etliche Textpassagen zeigten Ausbesserungen, waren durchgestrichen und teilweise ohne Punkt und Komma verfasst. Viele Gedanken und Eindrücke waren nur in dieser in Leder eingebundenen Kladde niedergeschrieben und hatten ihren Weg in die vervielfältigte Version nicht geschafft.

Ihr kam es vor, als würde sie der Stimme des Autors aus seinen Zeilen heraus lauschen. Es war eine warme Stimme, die jedem Gefühl in seinen Erzählungen Leben und Tiefe verlieh.

Wie erbost würde diese Stimme wohl klingen, wenn sie herausfand, dass sie diese Kladde aus den Gemächern des Verfassers entwendet hatte? Der Gedanke daran rang ihr Gefallen ab.

Wenn Jornowell jemals in dem Chaos seiner Gemächer einen Überblick gewann und feststellen würde, dass die Kladde fehlte, geriete sie wohl nicht als einzige in den Verdacht. Der Sohn des Alvias‘ hatte bei Hofe etliche Verehrerinnen, mit denen er gewiss einige Affären führte. Dazu kamen die Kobolde, die mehr sein Gemach in den Monaten seiner Abwesenheit pflegten.

Morwenna schüttelte den Kopf und schlug den Ledereinband zu. Er war in der Sonne angenehm warm geworden. Sie hätte diese Kladde nicht entwenden sollen und noch kopfloser war es, so viele Stunden damit zu verschwenden, darin zu lesen. Es tat ihr nicht gut.

Schlimmer als die Stunden mit lesen zu verbringen, war allerdings, dass sie auch in der Zeit, in der sie die Kladde nicht mit sich führte an ihn – den sprunghaften und großsprecherischen Weltenwanderer – dachte. Jedes Mal fluchte sie, wenn sie sich selbst dabei erwischte, dass sie sich an ihn und seine Worte erinnerte. Jedes Mal ermahnte sie sich, dass sie gewiss nur eine von vielen war, mit denen es der Spross des Hofmeisters so hielt, wie mit ihr.

Und dennoch …

Morwenna glaubte ihm nahe zu sein, wenn sie die Schriften über seine tolldreisten Abenteuer las. Dabei stellte sie sich vor, wie unter einem Baum saß und versonnen lächelte, wenn er die Erlebnisse noch einmal durchlebte, die er niederschrieb. So wie in Vahan Calyd, als er an ihrem Bett gesessen hatte, um ihren diktierten Brief niederzuschreiben. Nur glich sein Schriftbild von diesem Brief nicht der chaotischen, unordentlichen Handschrift, die sich in der Kladde wiederfand. In diesen Zeilen befand sich die Seele des Seelenwanderers und nicht nur diktierte Worte an ihren Bruder.

Es war dumm und lächerlich romantisch, sich ihm nahe fühlen zu wollen. Und dennoch erwischte sie sich dabei, wie sehr ihr es gefiel, seine Aufzeichnungen wieder und wieder durchzugehen.

Was faszinierte sie nur so sehr an diesem Elfen? War es seine andersartige Erscheinung, die sie als Heilkundige interessierte? Noch niemals zuvor hatte sie solche Augen gesehen. Vielleicht war sie auch nur immer noch erstaunt darüber, dass er sie abgewiesen hatte … und das gleich zwei Mal. Es kamen dabei immer noch gemischte Gefühle zwischen Ärger, Kränkung und Erstaunen in ihr zum Vorschein, die sie grübeln ließen. Vielleicht wollte sie es nicht wahrhaben, dass er sie abgewiesen hatte und nicht andersherum? War es das? Verletzter Stolz? Andererseits war sie sich nicht sicher, welche Intention er dabei verfolgt hatte. Möglicherweise hatte er die Wahrheit gesprochen als er ihr gesagt hatte, er wollte ihre Aufmerksamkeit verdienen und nicht nur dem Umstand verdanken, dass sie beide nicht eine Nacht in Einsamkeit verbringen konnten.

Wenn dem so war, warum bemühte er sich jetzt nicht mehr um sie? Kein Wort hatte sie mehr vernommen, seit sie von Elfenlicht nach Langollion abgereist war. Auch bei Hofe hatte sie ihn nicht mehr gesehen.

Nichts als leere Phrasen, dachte sie sich und schalt sich eine Närrin.

Noch einmal strich sie mit den Fingerspitzen über den warmen Einband und erhob sich.

Ihr Weg führte über den angelegten Kiesweg durch den Rosengarten, hinauf auf die Terrasse, die den Turm hinter dem Festsaal umgab. Im Innern herrschte eine angenehme Kühle.

Wie sie die Tür zu ihren Gemächern in den obersten Winkeln des Turms erreichte, wurde diese vor ihr aufgerissen. Mit Verwunderung stellte sie fest, dass ihre sonst so zurückgezogene Magd mit hochroten Wangen aus ihren Gemächern eilte und sich kaum, dass sie ihre Herrin erblickt hatte, mit einem schelmischen Lächeln verbeugte und an ihr vorbeistürmte.

Morwenna sah ihr irritiert hinterher und betrat dann kopfschüttelnd ihre Räume, die rundlich den Verlauf der Turmmauern einnahmen. Der Lichtschein der untergehenden Sonne fand seinen Weg über die geöffneten Flügeltüren der großen Fensterfront in das Empfangszimmer der Fürstentochter. Der rosa Schein erhellte die grünen Sofagarnituren, die mit aufwendig bestickten Samtkissen bestückt waren, und malte ein strahlendes Rot an das Wandbild im Eingangsbereich, welches einen Flussreiherschwarm über einem türkisenen See zeigte.

Heute nahm allerdings nicht das aufwendig gestaltete Wandbild oder der atemberaubende Blick zur Terrasse heraus die Aufmerksamkeit der Heilerin gefangen, sondern das riesige Blumenbouquet, welches man auf dem Glastisch in der Mitte des Raumes drapiert hatte.

Es kam nicht selten vor, dass die Mägde an dieser Stelle Blumen aufstellten, wenn sie in Langollion weilte. Doch dieser Strauß war nicht von ihnen zusammengestellt, das erkannte Morwenna sofort, als sie zum Tisch herüber ging.

Schluckend legte sie die Kladde auf das grüne Glas neben die einfach gehaltene hölzerne Vase und betrachtete die Blüten. Ein wilder Kranz aus Farnen und Efeu hielt neben weißen und rosa gemusterten Orchideen eine einzige, rote Rose umschlungen. Ehrfürchtig strich sie über die samtene Blüte einer gefleckten Orchidee. Sie kannte diese Züchtung aus dem Garten des Alvemer-Palasts in Vahan Calyd. Auch der Wuchs der Farne schien ihr vertraut. Selbst das Holz der Vase …

Eine matte weiße Karte war im üppigen Grün verborgen. Mit spitzen Fingern nahm sie das kleine Stück Papier entgegen und las:



Ich kann Dich nicht vergessen. Ich will Dich nicht vergessen!


–J.






Morwennas Lippen bebten, als ihr klar wurde, dass diese Schrift ihr ebenso vertraut vorkam wie die Blüten. Sie schluckte erneut. Ihr dämmerte, was hinter diesem Strauß steckte. Jornowell hatte das Holz des Schiffs, mit dem sie von Valloncour nach Albenmark gereist waren, in eine Vase geformt. Er hatte die Orchideen aus ihrem Garten in Vahan Calyd gestohlen und die Farne zusammen mit dem Efeu im Palastgarten Elfenlichts geschnitten. Und die Rose … Sie sah aus den Fenstern, deren Ausblick auf der einen Seite die nahe Küste zeigte und auf der anderen ins Landesinnere reichte, wo in der Ferne das Labyrinth der Rosen lag. Sie war sich sicher, die Rose stammte von dort.

Von diesen Gedanken übermannt, nahm sie nur am Rande wahr, dass die Blüten von einem schwachen Zauber umgeben waren, der sie vor dem Verwelken schützte.

Wenn Jornowell die Rose aus Langollion genommen hatte, bedeutete dies, dass er …?

Sie zuckte unter einem warmen Hauch an ihrem Ohr zusammen. „Du hast mein Buch gestohlen …!?“

_____________________

So, das war das vorerst letzte Kapitel, wobei ich schon eine kleine fortsetzung in Planung habe:)
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Chrisantiss » So 12. Apr 2015, 17:10

Tja, was soll ich abschließend sagen...
Dein Schreibstil ist großartig, vor allem auch die Beschreibungen der Umgebung und der jeweiligen Situationen. Irgendwie auch melancholisch und träumerisch.

Du könntest mal ein richtiges Fantasy-Werk schreiben, vielleicht hast du es ja sogar schon gemacht. Also ich meine ein Buch, eine Geschichte, die nicht auf anderen Storys oder Romanen beruht, sondern was selbst Ausgedachtes. Das Zeug dazu hättest du.

Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Sa 18. Apr 2015, 12:56

Vielen Dank für dein großes Lob! Natürlich freut es mich sehr, dass du so fleißig mitgelesen und kommentiert hast :)

Ich habe schon öfter daran gedacht, eigene Prosa zu verfassen, aber es fehlt mir dazu einfach die Zeit, leider. AN Inspiration würde es mir nicht mangeln, aber ich seh das alles mehr als Hobby, so zum Ausgleich, da bieten sich die verschiedenen, bereits vorhandenen Fantasy-Welten natürlich an. Es ist dann meistens eine Idee, die mich nicht mehr loslässt, die ich dann einfach niederschreiben musst. Ideel gesehen macht es für mich keinen Unterschied, ob Fanfiktion oder eigene Prosa - hauptsache ich schreibe und erschaffe auch ein bisschen meine eigenen Kullissen :)
(Vielleicht bin ich auch einfach nur faul :D)
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Mi 5. Aug 2015, 19:09

Ich melde mich zurück mit einem neuen Kapitel, das die Geschichte um Jornowell und Morwenna dort weiter führt, wo ich sie vor wenigen Wochen beendet habe. Ich habe es wegen der enormen Länge zweigeteilt, das bedeutet, das nächste wird auch nicht lange auf sich warten lassen :)

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und bin gespannt auf eure Meinung!



___________________





Über die Albenpfade






Wie lange hatte Jornowell mit sich gehadert, wie oft sich selbst einen Narren gescholten – und dennoch war er hier.

Als er vor wenigen Nächten den Fuß auf die Küste Langollions gesetzt hatte, war es ihm vorgekommen, als hätte er die härteste Reise seines Lebens hinter sich gebracht. Dabei war er lediglich Passagier auf einer Barkasse auf der Seepassage zwischen Reilimee und dem schroffen Inselfürstentum gewesen. Selten hatte er eine solch angenehme Seereise gehabt. Nicht etwa die Distanz auf der Landkarte, sondern die, welche er in seinem Herzen zurückgelegt hatte, war seine Erschöpfung geschuldet.

Nach dem Krieg hatte er wochenlang mit sich selbst verbracht. Eine Erfahrung, die er nur selten mit sich und seinen Gewohnheiten vereinbart hatte. Er war zu gesellig, zu sehr mit den Schicksalen und Lebenswegen anderer Albenkinder verbunden, als dass er allzu lange auf andere Einflüsse verzichten konnte. Doch die Zeit seiner Abgeschiedenheit war lange ersehnt gewesen. All die Schlachten und Kriege, die Verluste und die tiefe Aufwühlung seiner Seele hatten ihren Tribut gefordert. Allein die Vorstellung, die direkte Nachkriegszeit im Herzland oder Elfenlicht zu verbringen, hatte ihn zurückschrecken lassen.

So hatte er am Morgen nach der großen Schlacht kurzerhand alles stehen und liegen gelassen und war nach Arkadien gereist, wo er vorerst im Hause seiner Schwester, Anarions Mutter, untergekommen war. Diese Zeit war zäh verflossen. Er war zum Albtraum seiner Schwester, deren Gatten und seiner drei Neffen geworden. Seine Familie hatte ihn nicht wieder erkannt. Eine bleierne Trägheit hatte von ihm Besitz ergriffen, die all seinen Lebenshunger in sich erstickt hatte. Besonders Anarion war von seinem Verhalten gelinde ausgedrückt irritiert gewesen. Sein Neffe hatte alles daran gesetzt, ihn aus seiner Lethargie zu reißen.

Je länger er allerdings mit sich und seinen Gedanken allein war, desto klarer wurde ihm, dass dieses Loch, welches sich in seiner Seele aufgetan hatte, nicht so leicht wieder zu schließen wäre. Nicht allein der Krieg und die damit einhergegangenen Verluste – Freunde, Familie, Geliebte – hatten an ihm gezehrt; auch die Trennung der Welten hatte seine Seele schwer verletzt. Bis zuletzt hatte er sich gegen die Entscheidung der Herrscher der Albenmark gestellt und sich dagegen ausgesprochen. Letzten Endes musste aber auch er einsehen, dass es die einzige Entscheidung war, die ihrer allen Überlebens sicherte.

Dies bedeutete allerdings nicht, dass er diesen Verlust verwunden hätte.

Nach Wochen der Ruhelosigkeit war er dem vertrauten Instinkt des Umschwungs gefolgt, hatte einen Beutel mit dem Nötigsten zusammengepackt, um das Haus seiner Schwester zu verlassen. Sein Weg hatte ihn durch die Weiten des Windlands und über die Untiefen der Waldbucht nach Vahan Calyd geführt. Bis heute konnte er nicht sagen, weshalb genau er sich in der alten Stadt, die bis heute teilweise in Ruinen lag, wiedergefunden hatte. Er wusste nur, dass er die Einsamkeit gesucht hatte. Schließlich hatte er sie gefunden und wäre beinahe von ihr erschlagen worden. Die Stadt war fast ausgestorben gewesen, einzig einige Koboldfamilien waren halsstarrig und unermüdlich mit dem Aufbau der Paläste beschäftigt.

Inmitten dieser betriebsamen Stille waren seine Gedanken das erste Mal seit langem wieder zu ihr zurückgekehrt. Zu der schwarzhaarigen, verschlossenen Schönheit, die ihm mehr als je zuvor ein Rätsel war. Seit ihrem Treffen am Vorabend der letzten Schlacht, hatte er sie nicht mehr gesehen. Wenn er ehrlich war, so ging er ihr damals absichtlich aus dem Weg. Sein Zustand hatte nicht zugelassen, sich mit anderen Dingen als sich selbst zu beschäftigen. Die Nähe zu ihr hätte er nicht verkraftet – geschweige denn gewollt. Zu sehr verwirrte ihn die Anziehungskraft, welche die Elfe auf ihn auswirkte. Der Gedanke an ihn zehrte an ihm, schon seit sie einander in Vahan Calyd, im Orchideengarten der Fürsten von Alvemer, begegnet waren.

Seither hatte Morwenna ihn nicht mehr losgelassen, wie er feststellen musste. Schlimmer noch, war sie zwischen den Ruinen Vahan Calyds in seinen Gedanken präsenter als je zuvor. Eine Vorstellung von ihr an seiner Seite war immer realer geworden – am realsten dann, als er erneut in die Orchideengärten einkehrte und an jenem Brunnen saß, von dem aus er vor so vielen Jahren die Taten der dunklen Heilerin beobachtete und jungen Albenkindern Geschichten von seinen Reisen erzählte.

So naiv und unbeholfen es ihm vorkam, in diesen Augenblicken war ihm die Idee gekommen, eine der Orchideen zu schneiden, um sie als eine dauerhafte Erinnerung zu behalten. Und zahlreiche ähnliche Taten an anderen Orten später fand er sich schließlich an der Küste Langollions wieder. Im Gepäck seinen Beutel und ein übergroßes Blumenbouquet, welches mit einem Zauber vor dem Verwelken geschützt war. Einige Nächte hatte er bei befreundeten Elfen – vielleicht sollte er eher sagen, ehemalige Korrespondenzpartner seines Vaters – verbracht. Für den letzten Schritt – den Gang zum Rosenturm, in dem die fürstliche Familie residierte -, hatte es einige Überwindung für den Weltenwanderer gebraucht. Lange hatte er überlegt, wie er ihr gegenübertreten konnte. Nicht auszudenken, was sie von ihm denken musste … Es war nicht schwer darauf zu kommen, dass er ihr absichtlich aus dem Weg gegangen war.

Und nun stand Jornowell hier, in ihren Gemächern … und stutzte.

Er war überrascht, die wohlvertraute Kladde mit dem abgenutzten Ledereinband bei der Fürstin zu sehen. Kurz zweifelte er daran, dass dies wirklich sein Büchlein war. Doch der überraschte Ausdruck in den dunklen Augen der Elfe sprach Bände. Sie war alarmiert herumgewirbelt, als er sie vor wenigen Momenten so unvermittelt angesprochen hatte. So weit wie der Tisch in ihrem Rücken es erlaubte, wich sie zurück. Die Überraschung währte nur einen Moment.

Eine sichtlich erboste Miene legte sich über die feinen Züge Morwennas. „Wer hat dich hier hereingelassen?“

Jornowell seufzte. Die Abendsonne, die hinter dem Küstenstreifen niedersank, blendete ihn. Die Fensterfront bot einen atemberaubenden Ausblick über die Gärten des Rosenturms. Der Sohn des Alvias war überrascht von den Gemächern der Fürstin. Niemals hätte er gedacht, hier solch ein lichtdurchflutetes, mit Wandbildern verziertes und gemütlichen Polstern ausgestattetes Refugium vorzufinden. Ein weiteres Puzzlestück im Leben der Heilerin, das ihre Wesenskälte Lügen strafte.

So wie sie sich im Moment gab, mahnte sich Jornowell jedoch zur Vorsicht. Die zierliche Elfe hatte sich nunmehr mit erhobenem Haupt vor ihm aufgerichtet und erwartete mit durchdringendem Blick seine Antwort. Sie hatte sich anders als sonst das Haar nicht streng zusammengesteckt, lediglich zwei Spangen hielten ihre Locken an ihren Schläfen zurück. Das helle Kleid, mit dem sie angetan war, schmeichelte ihrer schlanken, geraden Figur. Um ihre Taille war ein kunstvoll angefertigter Gürtel gelegt, dessen zarte Bronzeglieder das ineinander verschlungene Muster einer Rosenranke nachempfanden. Dazu passend wand sich an ihrer linken Ohrmuschel ebenso feiner Schmuck, in den winzige aber nicht weniger aufwendige Perlmuttornamente und eine an einer zierlichen Kette hängende Perle eingearbeitet waren. Einen Moment lang fühlte sich Jornowell allzu versucht, die Bronzekettchen an ihrem Ohr mit seinen Fingern nachzufahren. Doch ihr Blick warnte ihn …

„Hat dich meine Zofe hereingelassen?“, hakte die Heilerin nach.

Jornowell grinste. „Mein Ehrgefühl hält mich davon ab, sie zu verraten, aber da du ihr auf dem Gang begegnet bist, lässt es sich wohl nicht leugnen.“ Er hob die Hände. „Bitte sei nachsichtig mit ihr. Gegen meinen Charme war sie wehrlos …“

Morwenna verdrehte äußerst undamenhaft die Augen und verschränkte die Arme – zufrieden registrierte Jornowell, dass sich unter ihre finsteren Züge die Andeutung eines Lächelns schlich. Sie schüttelte den Kopf und wandte sich erneut dem Blumenbouquet zu, welches er auf den grünen Glastisch hinter ihr gestellt hatte. Die Blüten schillerten im Licht der untergehenden Sonne.

In einer lockeren Geste faltete der Blonde die Arme hinter seinem Rücken und lehnte sich überzeugt zu ihr vor. „Gefallen sie dir?“, raunte er in ihr spitzes Ohr.

Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie ihr Lächeln wuchs. „Ich frage mich, von wem sie wohl stammen könnten …“

Jornowell hob eine Augenbraue. Sie war also in Spiellaune! Nun wusste sie anscheinend nicht, dass er bei vielen Völkern als großer Spieler bekannt war. Die letzte Distanz zu ihr schließend, nahm er seine Hände hinter seinem Rücken hervor und ließ die Fingerspitzen über ihre Hüften tanzen. „Gewiss von einem großen Bewunderer …“, hauchte an die weiche Haut ihres Nackens. Mit Behagen bemerkte er, wie sie ihren Kopf zurückstreckte, um ihren Hals offenzulegen, und sich unter seinen Berührungen wand.

„Nur welcher von ihnen?“ Ihre Stimme war dunkler geworden. Sie biss sich auf die Lippe, als er auf ihre Worte reagierte – Seine Finger schlossen sich unmittelbar fester um ihre Hüfte und zogen ihren Körper noch näher an sich heran.

„Einer, der gewiss keine Ahnung hatte, dass es sich bei dir um eine Diebin handelt!“, schloss er mit ernüchterter Stimme und küsste ihren Hals, um ihr zu verstehen zu geben, dass er ihr keinesfalls zürnte. Die schwarzgelockte Fürstin jedoch überraschte ihn erneut – Jornowell fühlte, wie ihre Hand über seinen Bein strich: „Wie könnte ich das wieder gut machen?“ Ihre Finger tanzten höher. Jornowell griff ihre Hand. Schluckend ließ er von ihr ab. Vielleicht war sie ein besserer Spieler als er dachte, doch ihm stand nicht der Sinn danach, dieses Spiel fortzuführen. Seine Pläne führten an einen anderen Ort.

Mit sicheren Schritten ging zu der grünen Sofagarnitur herüber, wo er einen schweren Mantel an sich nahm, den er zuvor über die Lehne gelegt hatte. Dabei konnte er nicht umhin, den letzten Sonnenstrahlen am Horizont hinterher zu blicken. An diesen Ausblick konnte er sich möglicherweise gewöhnen, bemerkte er überrascht. Schon als er ihr Gemach das erste Mal gemeinsam mit der Zofe betreten hatte, musste er feststellen, wie wohl er sich hier fühlte. Grinsend legte er den Mantel aus blauem Samt und silbernem Brokat über seinen Arm. Das Gewand war viel zu warm für diese Jahreszeit, dementsprechend irritiert war der Blick der Heilerin, als er wieder zu ihr herüber kam.

„Ist das mein Mantel?“ Ihre Irritation wuchs, als er ihr seinen Arm darbot. „Du hast in meinen Sachen herumgewühlt und meinen Mantel entwendet?!“

Jornowell feixte. „Wir drehen uns im Kreis …“

Morwenna schüttelte immer noch verwundert den Kopf. „Nun, ich bezweifle, dass er dir steht.“ Sie sah auf seinen immer noch erhobenen Arm. „Wohin willst du damit?“

Er dachte, dass sie es mittlerweile eigentlich besser wissen müsste, als solche Fragen zu stellen. „Ich fürchte, den Rest des Abends werden wir an einem Ort verbringen, der auf nicht ganz so warmen Breitengraden liegt wie Langollion. Du wirst sehen, dass du dich über den Mantel noch freuen wirst.“

„So? Wir gehen?“ Sie sah ihn herausfordernd an. „Wer sagt, dass ich nichts Besseres vorhabe?“

‚Deine Zofe‘, hätte er erwidern können. Tatsächlich hatte er sich lange mit der Elfe über Morwenna und ihre Familie unterhalten, immer mehr Angewohnheiten und Vorlieben ihrer Herrin hatte er der Bediensteten entlockt. Die junge Vertraute der Fürstin war geschwätziger als man erst glauben mochte. Am Ende bewies sie aber die Treue zu ihrer Herrin, welche Morwenna verdiente, und schwieg sich über allzu private Dinge aus.

„Was könnte besser sein, als ein geheimnisvolles Abenteuer an einem fremden Ort, dazu an meiner Seite?“

Der skeptische Ausdruck in ihren Zügen formte sich zu einem schmalen Lächeln: „Ein geheimnisvolles Abenteuer?“ Sie griff seinen Arm. „Ich warne dich, die Fürstin Langollions zu entführen klingt nicht nach der besten Idee …“

Jornowell fuhr sich tief ausatmend durch sein aschblondes Haar: „Das ist mir durchaus bewusst …“



***




Ihr war, als würde sie die Luft anhalten müssen – und das seitdem Jornowell in ihrem Gemach hinter sie getreten war. Etwas beklemmte ihre Brust und schloss sich gleichzeitig wie eine Faust um ihren Magen. Dieses Gefühl wollte nicht weichen. Es war entrückend und sie genoss widersprüchlicherweise jeden Herzschlag, den es andauerte. Als sie gemeinsam durch das Portal in die Gärten des Elfenpalastes schritten, bedachte sie ihre Begleitung aufmerksam. Jornowell schien nicht so, als fühlte er sich unsicher oder unwohl – zumindest zeigte er es nicht. Ganz im Gegenteil: Er fand Gefallen an dem großzügig angelegten Park, bewunderte den Abend und sog tief die Küstenluft in seine Lungen. Wie sehr er sich doch von dem erschöpften Elfen unterschied, dem sie in Elfenlicht begegnet war. Seine Gesichtszüge waren gezeichnet von einem schelmischen Funkeln in den verschiedenfarbigen Augen und einem warmen, gewinnenden Lächeln. Er trug etwas Aufrichtiges in sich – er würde niemals jemanden etwas vormachen wollen, in keiner Situation seines Lebens. All seine Gesten und Taten erzählten davon, dass er keine seiner getroffenen Entscheidungen jemals bereuen würde.

Das aschblonde Haar trug er heute offen, nur einige Strähnen waren ganz uneitel mit einem dünnen Lederband hinter seinem Kopf zusammengebunden, sodass sie ihm nicht ins Gesicht fallen konnten. Eine dunkle Tunika war wenig konventionell seitlich in seine Hose gestopft und gab die Sicht auf eine schlichte silberne Gürtelschnalle frei. Morwenna war fast verwundert, in welch gepflegtem Zustand dabei seine Stiefel waren, auch wenn man ihnen ansah, dass sie schon oft getragen worden waren. Seine Erscheinung war außergewöhnlich für einen Elfen und Morwenna gefiel es, ihn anzusehen.

Die Abendstunden waren angebrochen. Das Zirpen der Grillen hatte den Gesang der Vögel abgelöst, welche sich in die Halbschatten zurückgezogen hatten. Das Licht von Laternen erhellte nunmehr den steinernen Mosaikweg zu den Rosengärten. Kaum ein Albenkind kam ihnen entgegen. Die Elfe genoss die Ruhe und verbannte die Frage, wohin der Weltenwanderer sie bringen mochte. Langsam dämmerte ihr allerdings, dass ihr Weg sie geradewegs zu dem niederen Albenstern führte, der inmitten der Gärten verborgen lag. Jornowell schien so vertraut mit dem Pfad durch die Gärten, als wäre er ihn schon hundert Male gegangen.

„Wie lange weilst du schon in Langollion?“ Sie erinnerte sich an die Rose im Gesteck, das er ihr geschenkt hatte. War er wirklich erst heute angereist?

„Ein paar Tage ...“, antwortete er ausweichend. Als sie ihn weiterhin fragend mit hochgezogener Braue bedachte, seufzte er: „Dich sollte es nicht wundern, dass ich überall in Albenmark Bekanntschaften habe. Bekanntschaften müssen gepflegt werden … Warum also nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden?“

Mit dieser Antwort war sie weder zufrieden, noch gefiel ihr der Unterton in seiner Stimme. Bei ihrer letzten Begegnung schienen sie so vertraut miteinander zu sein – nun zeigte sich ihr, wie wenig sie einander doch kannten und wie nahe sie sich doch fälschlicherweise zu sein glaubten. Es gab so viel, was sie nicht über ihn wusste, weshalb sie ihm misstrauen sollte. Nach allem war er immerhin auch ein Getreuer Emerelles. Sie sollte ihm nicht mehr Vertrauen schenken als schädlich für sie sein könnte. „Welche Art Bekanntschaften?“

Sie hatten das große, freiliegende Mosaik erreicht, welches den sechsgliedrigen Albenstern in sich verbarg. Sechs stilisierte weiße Rosen empfanden die Vereinigung der magischen Pfade kunstvoll nach. Jornowell trat zum Mosaik und wandte sich mit einem Zwinkern zu ihr um: „Keine solchen, für die es sich lohnte, eifersüchtig zu werden.“ Er kniete nieder und griff mit seinen magischen Sinnen nach der Macht der Pfade.

Morwenna erwiderte nichts, als sie das bunt schillernde Tor vor sich entstehen sah. Stumm ärgerte sie sich allerdings darüber, dass er ihr Misstrauen in Eifersüchtelei interpretierte. Oder hatte er ihren Argwohn durchaus bemerkt und wollte sie aufziehen?

Das Tor stand groß vor ihnen, als Jornowell sich erneut zu ihr umwandte. Er seufzte, als er ihr Gesicht sah. „Du wirst sie hier lassen müssen“, sagte er bestimmt.

„Was meinst du?“ Morwenna zog die Augenbrauen zusammen und verschränkte die Arme. Ihre Reaktion führte den Blonden zu ihr herüber; er griff ihre Hände und zog sie aus ihrer starren Haltung vor ihrer Brust auseinander.

„Alathaias Tochter. Sie sollte hier bleiben, auch wenn sie – wie du mir glauben zu machen versuchst – ein Teil von dir ist“, entgegnete er. Die Heilerin hielt abrupt die Luft an und starrte ihn erbost an.

„Genau das“, führte er ernster als zuvor fort. „Den Argwohn, die Distanz. Ich weiß nicht, warum du das tust oder warum du mir immer noch nicht traust, aber der Ort, an den wir gehen, wird deine Maskeraden und Mauern nicht zulassen. Leg sie ab, wenigstens für heute Nacht …“

Für einen Augenblick erwog sie, abweisend zu reagieren. Was bildete er sich ein? Alles was er gesagt hatte, war wie ein Stich für sie. Ein grausamer, niederreißender Stich. Dennoch fühlte sie sich mehr herausgefordert, als von seinen Worten überzeugt.

Jornowell bedachte sie mit wachen Augen und lachte unvermittelt laut auf. Es war ein so aufrichtiges und schönes Lachen, dass sie sich wortlos wiederfand. „Bei allen Alben, Morwenna“, lachte er und hielt ihr Gesicht in einer Hand. „Wovor hast du Angst?“

Abschätzig schob sie ihr Kinn vor und ging an ihm vorbei – so entwaffnend, wie er auf sie wirkte, ihren Stolz würde er nicht bekommen! Das Tor war noch immer errichtet und sie fand sich von der Dunkelheit, die hinter dem Albenpfad lag, angezogen. Die Ungewissheit, wohin der Weg führte, war ein großer Reiz für sie. Schon in ihrer Kindheit – als sie mit ihrer Mutter bereits viele Reisen unternommen hatte – war sie von der Magie dieser Pfade fasziniert gewesen. Sie fühlte keine Angst, als sie durch das Tor schritt und das wollte sie Jornowell spüren lassen.

Einen quälend langen Augenblick musste sie sich allerdings eingestehen, dass Jornowells Worte durchaus ihre Berechtigung hatten. Die ungalante Art, wie er sie formuliert hatte, hinterließ bei ihr allerdings eine ganz andere Art von Schmerz, als sie ihn eben noch vernommen hatte. Am liebsten wäre sie zurück in den Turm gegangen, um ihn und ihre Begegnungen schnellstmöglich zu vergessen. Aber eine Stimme in ihrem Kopf sagte ihr, dass die Strenge der Worte nur seine Bestimmtheit, wirklich an sie herankommen zu wollen, wiederspiegelte.

Nur wenige Schritte trennten sie vom Zwielicht der anderen Seite. Morwenna war überrascht, wie hell es dort war. Anscheinend führte Jornowell sie auf einen Breitengrad in Albenmark, auf dem die Sonne noch nicht untergegangen war. Zögernd und überrascht trat sie aus dem Albentor und bedachte ihre Umwelt.

Fast war ihr, als wäre sie einen Moment lang geblendet; strahlend weißes Licht flutete ihre Sinneswahrnehmungen. Sie hielt die Luft an. Nicht das blasse Licht des späten Nachmittags, das über die schmale Lichtung waberte, ließ sie so angestrengt gegen die Helligkeit blinzeln – es war eine dicke Schicht Schnee, die sich über einen dicht bewachsenen Tannwald legte. Das satte Grün der Tannnadeln war von einer klaren Schicht Eis besetzt. Vereinzelt standen zwischen den schmalen Tannen knorrige Wildkirschen – sie trugen Blüten! Auch über die feinen, rosanen Knospen hatte sich eine filigran anmutende Schicht Eis gelegt. Es wirkte, als sei der Wald in feines, kristallklares Glas geschlossen. Es ging ein kühler Wind, der den Geruch des Winters, gleichwohl wie den von frischem Harz in sich trug.

Einem inneren Impuls folgend, legte sie sich die Hände über die Arme. Gleichzeitig schützte sie sich mit einem wärmenden Zauber, der die jäh aufkommende Kälte in ihren Gliedern vertrieb. Aus der Ferne vernahm sie den Ruf einer Eule. Er war so dumpf und einnehmend, dass er das Gefühl der Abgeschnittenheit dieses Ortes unterstrich.

Im krassen Gegensatz dazu folgte das warme Lachen Jornowells in ihrem Rücken. Er legte ihr den blauen Mantel über die Schultern, während sie immer noch im Zauberbann der verschneiten Waldlichtung gefangen war. „Überrascht?“

Den schweren Mantel zurechtlegend, wandte sie sich um: „Du hast doch nicht wirklich vor, mich zu entführen?“

Er zuckte nur vielsagend mit den Schultern und bedachte sie mit funkelnden Augen. Zwischen dem satten Grün der Tannen und dem sich brechenden Lichtschein in Eis und Schnee glühten seine verschiedenfarbigen Tiefen in aufregenden Tönen. Es war offensichtlich, dass der Weltenwanderer an einen Ort wie diesen gehörte. Inmitten des Waldes bekam der verwegene Ausdruck in seinen Zügen eine ganz neue Bedeutung. Er war ein Geschöpf der Fremde, kein Ort würde ihn jemals verunsichern, vielmehr immer wieder aufs Neue seinen Abenteuersinn herausfordern. Und dieses verschmitzte Lächeln…

Morwenna wandte sich wieder der Szenerie zu, um nicht durch einen unkontrollierten Gesichtsausdruck mehr zu verraten, als sie beabsichtigte. „Wohin hast du uns gebracht?“

Der Blonde trat neben sie und griff ihre Hand. Langsam, fast bedächtig führte er sie durch die Baumreihen und Morwenna konnte nicht umhin, sich zu fragen, was er in dieser kargen Einsamkeit vorhaben könnte. „Es ist wunderschön, nicht wahr?“, begann er leidenschaftlich. „Es ist ein abgelegener Berghang im Carandamon.“

„Und…?“, hakte sie nach, doch er gab sich geheimnisvoll lächelnd der Umgebung hin. Still führte er sie am Arm – wie er es so gerne tat – den Hang hinauf. Der Schnee unter ihren Füßen gab kaum merklich nach. Es musste sich um frisch gefallenen Neuschnee handeln, doch am Himmel waren keine Wolken zu erkennen. Das Klima war für das Carandamon erstaunlich mild. Die bittere Kälte, die sie bei längerem Aufenthalt hier erwartet hätte, blieb aus. Morwenna sah argwöhnisch aus den Augenwinkeln zu ihm. „Warum hast du mich ausgerechnet hier hingebracht?“ Sie bemerkte, dass er sich über ihre Bestimmtheit amüsierte …

„Ist die Metapher nicht offensichtlich?“ Er sah vielsagend auf die vereisten Blüten eines jungen Kirschbaums und wandte sich zu ihr. Wieder suchten seine Fingerspitzen die Nähe zu ihrer Haut. Er und fuhr ihren Unterkieferknochen entlang und hielt ihren Blick gefangen. Morwenna konnte sich nicht helfen, sie fühlte sich von seinen verschiedenfarbigen Augen so angezogen, dass sie einen Moment nicht seinen Worten folgte, sondern sich in blauen und braunen Tiefen treiben ließ. Was immer er ihr sagen wollte, es erschien ihr nichtig. Was für eine Bedeutung dieser Ort für ihn auch hatte, er würde sie ohnehin nicht freizügig preisgeben…







***






Ihr Weg führte sie den sanft steigenden Hang hinauf, dessen Gipfel nicht mehr fern lag. Die Sonne vollzog nun auch im Carandamon ihre letzte Etappe hinter die Horizonte der Welt. Ihre gleißenden Lichtspiele malten rötliche Gestalten zwischen die schneebedeckten Bäume und Sträucher. Es war ein verwunschener Ort, dessen friedliche Magie ihn berührte.

Neben ihm ging Morwenna, die er nunmehr geschickt an der Hand durch das Unterholz und unter vom Schnee geknickte, niedrig hängende Ästen hindurch führte. Die dunkle Fürstin wirkte inmitten der so unschuldigen, unberührten Schneeweite wie ein Geschöpf aus den alten Liedern. Ihr Haar bildete einen dunklen Kontrast zu ihrer Umgebung, durch den ihre Sinnlichkeit an weicher Tiefe gewann. Ihm war, als würde er die Herrin des Waldes, die Fürstin des Winters durch ihr Königreich, das ewige Eis, in dem die vollkommene Stille wohnte, geleiten. Wenn er ein Traumtänzer war, dann musste sie die Phantasie sein, die ihn in einsamen Nächten heimsuchte. Mehr noch war ihm, als sei sie ein Rausch, der ewig anhalten mochte …

Die schlanken Finger der Fürstin berührten die in Eis gelegten Blüten eines dunklen Wildapfelbaums, den sie passierten. Das Weiß der Blüten leuchtete unter dem gläsern anmutenden Kokon im Schein der Abendsonne. Unter den schlanken Ästen hatten sich Buschwindröschen und Veilchen aus dem Schnee erhoben. „Wie ist das möglich? Warum trieb der Frühling mitten im Winter aus?“

Jornowell machte eine ausholende Geste und setzte an: „Der Frühling kam nach dem Winter.“ Seine Stimme erklang in den Tönen des Weltenwanderers, dessen Geschichten die Kinder Albenmarks schon seit Jahrhunderten in Faszination versetzten. „Doch wie jedes Jahr in der Hochzeit des Frühlings, weht ein eisiger Wind über das Carandamon, als wolle der Frost seine Herrschaft über diesen Teil der Welt in einer letzten stummen Schlacht für sich behaupten. Der Wind schlägt einige Tage die Wälder in den Winter zurück, bringt den Schnee und den Stillstand der Kälte. Doch sobald er vorüber zieht, beginnt der Frühling erneut zu leben, als sei nie etwas gewesen …“

Seine Stimme ging in einem klangenden Ruf, der aus dem vereisten Blätterdach zu ihnen wehte, unter. Jornowell lächelte. Sie waren noch immer hier!
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Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Mo 24. Aug 2015, 14:44

Willkommen zum nächsten Kapitel!

Diesmal wird es sehr heiß und es ist die absolute Premiere, dass ich ein solches Intermezzo beschreiben durfte. Ich hoffe, es trifft euren Geschmack! Ich bin mittlerweile sehr zufrieden damit, aber ich freue mich darüber, etwas von euch zu hören.

Wichtig: Dieses Kapitel hat mich dazu veranlasst, das empfohlene Lesealter auf 16 Jahre zu erhöhen.

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Am Hang der Wintervögel





Der Weltenwanderer deutete auf einen tief liegenden Ast vor ihnen. Morwenna folgte seinem Fingerzeig und schnappte überrascht nach Luft. Zwei stechend gelbe, große Augen beobachteten sie aus dem alles überlagerndem Weiß heraus. Erst als sie genauer hinsah, zeichneten sich dunkel betupfte Federn, ein spitzer schwarzer Schnabel und daunenbewehrte Krallen gegen den Schnee ab. Eine erhaben dreinblickende Schneeeule bedachte sie mit einem Blick, den Morwenna zwischen raubtierhafter Abschätzung und gelangweiltem Desinteresse einstufte.

Aus den Augenwinkeln heraus sah sie, dass Jornowell nicht die Reaktion der Eule bedachte, sondern sein Blick auf ihr lag. Wie sie zu ihm sah, zwinkerte er und ging einen Schritt auf die Eule zu. Gerne hätte Morwenna das stolze Tier ein wenig länger angesehen, doch der Elf würde es in einem Versuch, sie beeindrucken zu wollen, wohl verscheuchen. So dachte sie zumindest …

So wie Jornowell ihr schon mehrmals den Arm dargeboten hatte, stellte er sich nun mit dieser Geste der Eule entgegen. Der Raubvogel legte in einer eigentümlich wirkenden Bewegung den runden Kopf schief. Als würde eine Katze sich sträuben, plusterte sich das Gefieder des schwarz gefleckten Tiers auf. Es breitete seine imposanten Flügel aus und ließ sie in der Luft schwingen.

„Jornowell …“ Morwenna hatte warnend klingen wollen. Doch ihre Stimme brachte nur ein unsicheres, scharfes Raunen zustande. Wenn das Tier zum Sturzflug ansetzte, mochte es gut sein, dass es in seinem Ärger, gestört worden zu sein, das Gesicht des Elfen zerkratzen könnte. In der Ferne knackte es wie zur Antwort im Unterholz. Das Geräusch klang gedämpft in der sonst vollkommenen Stille.

Im nächsten Moment stützte sich das Tier lautlos wie fallender Schnee von seinem Ast. Jornowell wich nicht vom Fleck, als das Tier erst im allerletzten Moment seine Schwingen gegen den Elfen erhob und scheinbar schwerelos in der Luft flatterte. Es ließ sich ohne den Schein von Zögerlichkeit erhaben auf Jornowells Arm nieder; die spitzen Krallen gruben sich dabei durch den Stoff der Tunika hindurch in seinen Unterarm. Doch der Elf blieb still, während das Tier gemächlich sein Gefieder sortierte und die langen Schwingen anlegte. Die gelben Augen taxierten Jornowell dabei, auf dem von einem schwarzen Federkranz eingerahmten Gesicht des Tiers lag noch immer ein raubtierhafter Ausdruck.

Beruhigend redete Jornowell auf den großen Vogel ein: „Welch majestätische Schönheit du doch bist, und so wohl genährt wie du erscheinst, gewiss eine meisterhafte Jägerin …“

Als Morwenna zögerlich näher trat, glaubte sie fast, die Eule fand wahrlich Gefallen an den schmeichelnden Worten. Jornowell sah die Elfe so stolz an, als hätte er gerade seinen allerersten Zauber gewoben. „Komm ruhig näher, sie wird uns nichts tun …“

Die Heilerin strich sich einige gelöste Strähnen hinter ihr Ohr – ihr entging dabei nicht, dass Jornowell sie bei dieser Geste mit einem warmen Lächeln bedachte – und kam an seine Seite. „Sie ist zahm?“

Er lachte auf: „Ein Raubtier wird niemals zahm sein. Schon gar nicht eine Königin des Winterwaldes, wie sie eine ist.“ Als ob er seine Worte Lügen strafen wollte, fuhr er mit den Fingerrücken über ihren gesprenkelten Flügel. Die Eule strahlte bei diesen Liebkosungen wahres Wohlwollen aus. „Im Krieg fiel ihre Zuchtherrin, Ellariana. Sie war eine Jägerin und Windsängerin, die auf der Spitze des Berges in einer Burg hauste. Sie züchtete einst viele Raubvögel, besann sich aber bald auf die Aufzucht von Eulen und Käuzen. Nach ihrem Tod gibt es nun niemanden mehr, der nach den Raubvögeln sieht oder sich um ihren Bestand kümmert. Sie können zwar für sich selbst sorgen, doch gerade die Schneeeulen wachen in diesem Gebiet und erwarten den Tag, an dem ihre Jagdgefährtin zu ihnen zurückkehrt.“

Morwenna fühlte, wie sich eine tiefe Leere in ihr auftat. Sie erinnerte sich daran, wie sie nach dem Tod ihrer Mutter immer wieder mit aufmerksamem, fast suchendem Blick auf den liebsten Wegen der Fürstin in den Küstengärten Langollions ging, in der absurden Hoffnung, sie dort wieder zu sehen. Dass diese Eule ihrer Zuchtmutter so lange die Treue hielt, berührte die Fürstentochter. Wie viele Vögel hausten wohl in diesem Wald, die dasselbe Schicksal teilten? Auch Morwennas Sippe war einst groß gewesen und durch Alathaias Tod so in den Grundfesten erschüttert worden, dass ihr Verlust bis heute nachklang.

„Du kannst sie anfassen, wenn du ruhig bleibst.“ Jornowell sah sie ermutigend an und lächelte so schön, dass sie nicht anders konnte, als seinen Worten zu folgen.

Sie strich vorsichtig über die weichen Federn der Schwingen und ließ dabei den Kopf des Vogels nicht aus den Augen. Sie war überrascht, wie kühl das Tier war. „Warst du schon oft hier? Sie scheint, dich erkannt zu haben…“

Jornowell zögerte. Kurz wich er ihrem Blick aus und sagte dann abwägend: „Ein oder zwei Mal war ich schon auf der Burg zu Besuch.“

Morwennas Mundwinkel zuckte, sie ließ die Hand sinken. „Du standest Ellariana wohl nahe …“

„Nicht so nahe, wie ich ihr damals gerne gewesen wäre …“ Er lachte. „Sie machte mir leider relativ schnell klar, dass sie nicht mit Männern verkehrte … und brachte mich damit ziemlich aus der Fassung. Ich war noch ein wenig … sagen wir, unerfahren … damals.“ Er zwinkerte ihr zu und auch Morwenna musste bei dem Gedanken lächeln.

„Solange du es nun nicht mehr bist …“, murmelte sie und schlug ihre Augen nieder, um erneut den Vogel zu betrachten. Sie vernahm ein leises Schnauben, als sie erneut die Hand hob und in Richtung der Eule führte. Sie war ruhig auf dem Arm des Elfen verharrt und genoss sichtlich seine Berührungen. Die Dunkelhaarige konnte es dem Tier nachfühlen – Jornowell hatte für einen Krieger erstaunlich weiche Hände und seine Finger waren ebenso feingliedrig wie schön, dass man sich ihre Liebkosung herbeisehnte. Als habe das Wintertier ihre Gedanken gelesen, klappte es in einer fast zustimmenden Geste den Schnabel auf und zu. Die weißen Federn wirkten im Gesicht des Vogels besonders weich und fein. Sie wollte diesen Flaum direkt beim Schnabel berühren…

„Nicht!“ Mitten in der Bewegung griff Jornowell ihre Hand – von der hektischen Bewegung aufgeschreckt, hob das Tier seine Schwingen und flatterte mit großen Bewegungen davon. „Ganz so zutraulich ist sie nicht!“

Morwenna ärgerte sich einen Moment über ihre Unbedachtheit, konnte aber keine Antwort formulieren – Jornowell hielt ihre Hand fest und zog sie plötzlich in seine Arme. Begierig fuhren seine Lippen über ihre und seine Hände wanderten ihren Rücken entlang, in ihren Nacken, über ihre Wangen. Sie hörte ihn leise in den Kuss hinein stöhnen und musste feststellen, dass dieses Geräusch sie innerlich so tief aufwühlte, dass ihr der Atmen stockte. Wild pochte ihr Herz gegen ihren Brustkorb, als wollte es gegen die Enge ihrer Höhle rebellieren. Sich an den sehnigen Körper Jornowells schmiegend, stellte sie sich auf ihre Zehen und griff in sein helles Haar. Ihre Zunge strich über seine Lippen, verlangten fordernd nach mehr – sie wollte ihn schmecken!

Jornowell erwiderte ihre intensiven Annäherungen plötzlich überraschend zurückhaltend. Einzig seine feste Umarmung verriet seine Lust – sie ließ nach kurzer Zeit verwundert und schwer atmend von seinen Lippen ab und lehnte ihre Stirn an seine: „Was hast du?“

In einer spitzbübischen Geste tippte er seine Nase gegen ihre und schenkte ihr ein fast unsicheres Lächeln: „Mir wird gerade nur klar, wie sehr ich mich nach dir gesehnt habe – ich wollte mir es nicht eingestehen, aber in den letzten Wochen … ich bin so unstet wie selten zuvor in meinem Leben gewesen und ich …“ Seine Stimme brach und er versuchte erneut, strahlend zu lächeln. Doch seine Augen zeigten, wie sehr er mit sich haderte. „Ich habe es in Elfenlicht, nach der letzten Schlacht, nicht über mich gebracht, zu dir zu gehen … ich wusste nicht, was ich dir hätte sagen sollen … ich wusste nicht einmal, was ich über dich denken sollte … Das Geschenk … die Blumen, sie kamen nicht von ungefähr. Ich war ebenso rastlos wie gedankenverloren … Ich sammelte die Blumen, wie ich versuchte, mich selbst zu sammeln. Zuerst habe ich gar nicht daran gedacht, sie dir zum Geschenk zu machen … Ich reiste nach Vahan Calyd, einige Zeit nach der Trennung der Welten. Die andere Welt zu verlieren, war schmerzlich für mich, da mir dort so viele Orte teuer geworden waren. Ich wanderte fast allein in der Ruinenstadt und war wie verloren. Schließlich lenkten mich meine Schritte zum Palast der Fürsten von Alvemer und ich betrat erneut ihren prächtigen Orchideengarten. Ich musste sofort an deine Entschlossenheit denken, die du an diesem Ort bewiesen hast. Dein Auftreten berührt mich noch heute. Ich kam mir dumm vor, weil ich mich so unstet fühlte ….“ Er schnaubte. „Du musst wissen, mein Vater versuchte oft, mich von meiner Reiselust abzuhalten und wollte mir weiß machen, dass meine ewige Rastlosigkeit daher rührte, dass ich mich nie wirklich niedergelassen habe … Du hast keine Ahnung, wie oft ich ihn einen Narren geschimpft habe … doch in diesen Tagen, als ich allein mit einem Heer von Winkerkrabben und geschäftigen Kobolden in Vahan Calyd weilte und an den Hafenstraßen ging, dachte ich so oft daran, dass möglicherweise doch ein Funken Wahrheit in seinen Worten steckte …“

Behutsam strich er mit seinem Daumen über die helle Haut ihrer Wange und fasste ihre Hand. Sie musste unweigerlich schlucken – sie versuchte sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal solch ehrlichen Worten gelauscht hatte. Jornowell breitete seine Seele vor ihr aus und die Fürstin wusste nicht, was sie tun konnte, um seinen Offenbarungen einigermaßen gerecht entgegnen zu können.

„Es war immer eine Art Kredo in meinem Leben, dass ich mir schwor, nie mehr träumen zu müssen … und wenn ich heute nicht zu dir gekommen wäre…“ Er schüttelte den Kopf. „Ich bereue es nicht!“

„Nie mehr träumen müssen?“ Morwenna hob zweifelnd eine Augenbraue. „Du bist der größte Traumtänzer, den ich kenne!“

„Vermutlich der einzige, den du kennst“, mutmaßte er und küsste sie erneut. Diesmal lag all die Leidenschaft darin, die Morwenna von seinen Küssen in Elfenlicht kannte, unversteckt und geradeheraus. Es war so leicht, sich in seinen Berührungen zu verlieren … Sein warmer Atem ebenso wie die zärtlichen Hände trugen all die Wärme, die dieser Ort vermissen ließ und schuf einen Mantel des Vertrauten, Geborgenen in dieser kühlen Fremde.

Doch ganz konnte sie sich nicht von seinen eben noch so unstet gesprochenen Worten lösen. Es klang wie eine Offenbarung, auch wenn nichts allzu Konkretes von ihm geäußert wurde. Jornowell verstand es, offen seine Meinungen und Empfindungen darzulegen, ohne Druck aufzubauen oder eine abschreckende Wirkung bei ihr hervorzurufen. Ebenso wie er keine Entgegnung von ihr zu erwarten schien – sehr zu ihrer Erleichterung.

Einzig seine Hände forderten immer und unablässig mehr. Sanft und dennoch mit Nachdruck wanderte sein Arm unter ihren Mantel und umfing ihre Taille, um sie noch näher zu sich heran zu ziehen, während sich seine andere Hand in ihren schwarzen Locken vergrub und schließlich ihren Kopf umfangen hielt. Wenn sie vor wenigen Momenten noch geglaubt hatte, er würde sich nach seinen aufwühlenden Worten für seine Verhältnisse zurückhaltend geben, so wurde sie nun eines Besseren belehrt. Immer schneller schlug sein Herz unter ihren Händen und die Elfe glaubte, an ihren Unterleib gedrückt das Gegenstück seiner Aufregung zu spüren. Nach all der Zeit, die seit ihrer ersten Berührung vor vielen Jahren verstrichen war, ließ er endlich seine Beherrschung fahren und rief ihr damit in Erinnerung, welch etliche Male er ihr schon mit Worten und Gesten deutlich gemacht hatte, wie sehr er sie begehrte.

Seine Lippen fuhren warm ihren Kiefer entlang, wanderten weiter hinab. Fordernd hob er ihr Kinn an, um die weiche Haut ihres Halses zu küssen – und schließlich vergrub er neckisch seine Zähne darin. Die Dunkelhaarige zuckte unter dieser leidenschaftlichen Geste unwillkürlich zusammen. Ihre Haut überfuhr ein prickelnder Schauder, der ihr Blut ungnädig bis in den Schoß erhitzte. Längst fuhren Jornowells Finger ihren Körper entlang, wie beiläufig streifte er ihre Brüste -, worauf die Elfe erwartend ihren Rücken durchbog – nur, um im nächsten Moment über ihre Hüfte zu streichen, während seine Lippen weiterhin ihren Hals benetzten.

Sie keuchte und wand sich unter seinen spielerischen Küssen, während sie Halt und Nähe suchend ihre schlanken Finger in seinen blonden Haaren krümmte. Selten hatte sie es nach einem Mann so sehr verlangt wie in diesem Moment. Sie wollte seine begehrenden Blicke auf ihrer nackten Haut wissen, seinen Körper an ihrem spüren und eins mit ihm sein, während das Verlangen sie beide verzehrte. Sie führte seine Lippen auf ihre und ihre Zunge kam seiner entgegen, um ungezügelt, fast aufreizend langsam mit ihr zu tanzen. Ihre Hände hielten seinen Kopf so nah bei ihr, wie es nur ging und ihre Finger krallten sich in seinen kühlen Strähnen.

Immer tiefer fuhr seine Rechte, über ihren Oberschenkel, noch weiter, bis er den weißen Stoff ihres Kleides packte und es in hastigen Bewegungen hochschob, bis die Finger des Weltenwanderers über ihre Haut strichen. Ihr Weg führte über die Innenseiten ihrer Schenkel, höher, zu …

Morwenna keuchte in den Kuss hinein und biss auf ihre Lippe – oder war es doch seine? – als seine Finger sie dort berührten, wo ihr Spiel längst eindeutige Spuren hinterlassen hatte und sie sich so sehr nach seiner Aufmerksamkeit verzehrte. Er bewies, dass er nicht nur gut küssen konnte, sondern auch erfahren darin war, die versteckten Orte ihrer Lust zu berühren.

„Ich will dich, meine dunkle Fürstin“, raunte er in ihr Ohr, während er ihr bittersüße Wonnen bereitete. Beiläufig streifte seine Linke ihren Mantel von den Schultern. Die Heilerin bemerkte mit Erstaunen, dass ihr die Knie weich wurden und die Lust in ihrem Schoß unnachgiebig pochte. Welch Macht übte er über sie aus?

Einen Impuls folgend, glitten ihre Finger unter seine Tunika, um seine weiche, sonnengebräunte Haut zu erforschen. Der Weltenwanderer rückte ein Stück von ihr ab, löste den Kontakt zu ihr und streifte sich in einer fließenden Bewegung den Stoff vom Körper, nur um sie darauf wieder zu sich zu ziehen. Nach den Berührungen seiner Hände verlangend wand Morwenna ihre Arme um seinen Hals und streckte sich zu ihm hinauf. Wieder fühlte sie in ihren unzähligen Küssen Jornowells Lächeln zurückkehren. Er griff nach ihrem Bein, zog es an seine Hüfte und schob dabei mit fahrigen Bewegungen das Kleid so weit wie es möglich war nach oben. Es versetzte ihr einen Stich in der Brust zu fühlen, wie seine Finger zitterten.

Morwenna löste den Kuss und öffnete die Augen – nur um im nächsten Moment zu erschauern. Ihr Blick traf seinen und in ihrer Kehle bildete sich ein Klos, der jedes Wort, welches sie ihm so gerne gesagt hätte, hinter sich zurückhielt. Das Braun von Bachkiesel und das Blau des großen Salzmeers strahlten ihr entgegen und sagten ihr mehr als jedes Wort jeder Sprache, das sie kannte.

‚Ich verliere mich … an ihn … für ihn … in ihm …‘

Die Gedanken vermischten sich mit der Erkenntnis, dass auch sie zitterte. Ihr ganzer Körper schien zu beben. Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal so aus der Contenance gebracht worden war. Nicht einmal bei dem ersten Mal, da sie bei einem Mann gelegen hatte, war sie so aufgewühlt gewesen. Jedenfalls konnte sie sich dessen nicht entsinnen …

Der Ausdruck in seinen Augen verriet seine Lust, den Wohlgefallen, aber auch die Frage nach ihrer Zustimmung – verwundert zog Morwenna die Stirn kraus, dieser Zweifel passte so gar nicht zu dem aufreißerischen und wortgewandten Elfen, den er sonst so gerne gab.

„So schnell ratlos, Weltenwanderer!?“, raunte sie in sein Ohr und ließ dabei ihre Fingerspitzen über seinen Bauch fahren. Unter ihnen fühlte die Schwarzhaarige sein Erschauern und einen Moment lang genoss sie das Spiel – solange, bis Jornowell ihr das Bein wegzog und sie nach hinten in den Halt seiner Arme fiel. Sie keuchte überrascht auf und erzielte damit das helle Lachen des Blonden. In einer fließenden Bewegung ließ er sie zu Boden gleiten, sanft glitt sie in die Umarmung des Schnees. Und nun war es an ihr, zu erschauern. Der Schnee schmiegte sich wie das kalte Fell eines Wildtiers an ihren Körper und benetzte ihre Haut, dort wo das Kleid sie nicht bedeckte.

Jornowell ließ nicht zu, dass sie fror, sofort war er über ihr und bettete ihren Kopf auf dem weißen Untergrund. Erneut schob er den Saum ihres Kleides hoch, ließ seine Finger bis zu ihrer Hüfte gleiten, wo er ihr Becken näher zu sich zog.

Begierig griff sie erneut in sein blondes Haar und küsste ihn. Jornowell erwiderte ihren Kuss nicht weniger leidenschaftlich. Zwischen ihren Beinen fühlte sie ihn ungelenk die Verschlüsse seiner Beinkleider öffnen. Die Welt um sie herum schien stillstehend in Eisfesseln geschlagen, während ihr Herz schneller als die Flügel eines Kolibris schlug. Sie gab den Gedanken daran auf, ihre Aufregung zu verbergen. Stattdessen lehnte sie sich vor und ging dem Blonden zur Hand. Einen Moment später streifte sie den Stoff über sein Gesäß. Morwenna seufzte, wie sie ihren Blick über seinen nunmehr völlig nackten Körper streifen ließ. Noch immer versetzte sie die leicht gebräunte Haut des anderen in Faszination – mit einem leichten Lächeln im Mundwinkel stellte sie fest, dass er tatsächlich überall auf die edle Blässe des Adels verzichtet hatte.

Ihr Lächeln quittierte der Elf mit hochgezogenen Augenbrauen: „Was gibt es zu grinsen?“ Er lehnte sich wieder über sie und führte seine Hände ihren Körper hinauf. Als er ihre Brüste fasste, biss sie sich ein Keuchen unterdrückend auf die Lippe und schloss die Augen. Einen Moment lang rang sie um die Vollmacht ihrer Stimme und entgegnete mit einer Mischung aus Provokation und Verwunderung: „Kannst du nicht einmal jetzt schweigen?“

„Niemals“, raunte er in ihr Ohr und schob einen Arm unter ihr Becken. Und im nächsten Herzschlag brachte er sie wirklich zum Aufstöhnen, als er gleichmäßig und zugleich quälend langsam in sie drang. Wie eine Bettelnde klammerte sie sich an ihn, versuchte jede Distanz zwischen ihnen auszumerzen. Ihre Schenkel wanden sich um seine schlanke Hüfte, während sie ihr Becken hob, um ihn zu empfangen.

Sie verlor jede Wahrnehmung für ihre Umgebung. Der frische Schnee unter ihr – wo Jornowell zuließ, dass sie ihn berührte – war nicht länger eisig und abweisend, sondern so willkommen wie jedes weiche Federbett, solange sie nur seine Arme um sich spürte. Es existierte nur noch der warme Körper über ihr, auf ihr, in ihr. Und die Lust, die er ihr bereitete…

Seine Bewegungen waren sinnlich, reizend, fast spielerisch. Er verführte sie dazu, sich vollkommen gehen zu lassen. Ihre Hände in seinem Haar, die Beine um seinen sehnigen Körper, drängte sie ihn weiter zu sich, weiter in sich. Der Blonde nahm sie als Entgegnung in einem tiefen, wilden Kuss gefangen. Endlich nahm er sich nicht mehr zurück und ließ seiner Leidenschaft freien Lauf. Sein leises, immer tiefer werdendes Stöhnen war alles, was in ihren Gedanken wiederhallte, während sich in ihrem Körper Stein für Stein ein Gebirge der Lust errichtete.

Quälend langsam aber stetig kam sie dem heißen Höhepunkt entgegen. Morwenna keuchte, überwältigt von der Tiefe ihrer eigenen Empfindungen. Ihre Nägel gruben sich tief in den Rücken des Blonden, als sich die Ekstase wie ein Rausch ihres Körpers, ihrer Sinne, ihrer Gedanken bemächtigte.

Über ihr sackte nur wenige Herzschläge später Jornowell mit einem dunklen Keuchen auf seine Unterarme zusammen. Schwer atmend vergrub er sein Gesicht in ihrem Haar. Er hauchte ihr süße Worte zu, die sie nicht verstehen konnte, denn noch immer pochte ihr Herz laut in ihren Ohren wider. Morwenna umfing fest seine Taille und legte ihrerseits ihren Kopf an seine Halsbeuge. Nur langsam beruhigte sich das Heben und Senken ihrer Brust gegen seine. Ihr schien, als würde ihrer beider Rhythmus in diesen Momenten übereinstimmen.

Die ihrer Kontrolle entglittenen Sinne kehrten träge zu ihr zurück. Unwillig wurde sie sich bewusst, dass die Nacht über die Eiswelt gekommen war. Die trüben Wolken am scheinbar so nahen Himmel glitten im kühlen Licht des Mondes Richtung Tal. Ein starker Wind war aufgekommen, der mit dem Geäst des Winterwaldes ein imposant klangvolles Spiel vollführte. Es wurde kühler.

Morwenna löste ihre Arme vom Körper des Blonden und gab ihm zu verstehen, dass er sich zurückziehen sollte. Ihr den Freiraum gewährend, ging er auf die Knie und sie ergriff die Möglichkeit, um ihre Beine auf dieselbe Seite zu ziehen. Dies verleitete Jornowell dazu, sie mit einem Blick zwischen Unsicherheit und Irritation anzuschauen. Seine Augen zeigten in diesem Moment nur den Kontrast von Hell und Dunkel. Die Dunkelheit vermochte, das Blau und Braun vollkommen in sich zu verbergen. Ihr Herz begann, schneller zu schlagen – diesmal pumpte es jedoch keine Hitze, sondern nur schmerzliche Kühle durch ihre Adern – und brach damit aus ihrem gemeinsamen Rhythmus aus.

Die Heilerin stockte und war sich bis dahin nicht bewusst gewesen, dass sie etwas sagen wollte. Was immer es war, sie hatte es im selben Atemzug vergessen. Es blieb ihr nur, sich vielsagend zu räuspern und damit Jornowell und seine schützende Wärme von sich zu vertreiben. Der Elf erhob sich und bot ihr – trotz seiner offensichtlichen Verwunderung – die Hand. Doch sie blickte nicht einmal auf, wollte vermeiden, in sein Gesicht zu sehen.

Als sie auf den Beinen war, bemerkte sie, dass ihre Knie zu wackeln begannen. Ernüchtert begann sie, ihr Kleid zu richten, wo es verrutscht war. Jornowell reichte ihr dabei schweigend den Mantel, den sie ebenso stumm entgegen nahm. Innerlich wütete in der schwarzhaarigen Elfe ein Sturm, den sie nach außen hin – sie konnte sich selbst nicht erklären, wie sie es tat und was mit ihr geschah – mit völliger Starre verbarg.

Sie kam sich elend vor. Elend, weil sie Jornowell mit Schweigen und Abweisung strafte. Aber noch elender, weil sie begriff, dass nach dem Rausch ihrer Sinne die Erkenntnis blieb, dass sie zu weit gegangen war. Als hätte sie einen Fehler begangen, als sie den ehemaligen Elfenritter geküsst hatte. Als hätte sie sich selbst verraten, als sie sich nach dem Weltenwanderer sehnte. Als hätte sie sich ihm und seinen süßen Worten willentlich hingegeben, obgleich sie ahnte, dass sie sich damit mehr geschadet als Freude bereitet hatte.

Morwenna fürchtete, diese Nacht zu bereuen und sie tat es bereits. Nicht, weil sie etwas gegen ihren Willen getan oder keine Freude empfunden hatte – sondern weil sie mehr Wille und Freude empfunden hatte, als sie zulassen wollte.

Alles hatte so harmlos und unbedarft begonnen. Sie hatte geglaubt zu wissen, worauf sie sich einließ: Eine schnelllebige Affäre ohne Zwänge, großartige Hintergründe oder Auswirkungen. In was hatte sie sich nur verstrickt?

Morwenna hatte in den letzten Wochen viel Tratsch über ihn gelauscht – nicht selten, hatte sie diesen selbst angestimmt, nur um zur aufmerksamen Zuhörerin zu werden und sich alles Gesagte genau einzuprägen. Der Weltenwanderer war bekannt dafür, sich oft und gern in ein Mädchen zu verlieben und ihr die Sterne vom Himmel zu versprechen. Dabei zweifelte niemand und auch nicht Morwenna an der Echtheit seiner großzügig verteilten Gefühle. Ebenso wenig hielt sie seine Worte von vorhin für Lügen, oder seine Berührungen nur der Lust zuzuschreiben. Allerdings waren auch diese echten Gefühle seiner Sprunghaftigkeit Untertan und damit niemals erwähnenswert langlebig.

So sehr er sich in diesen Momenten zu ihr hingezogen fühlte, so schnell würde auch diese Laune an ihm vorbei ziehen. Die Dunkelhaarige wusste das, obwohl sie es nun sehnlicher als zuvor nicht wahrhaben wollte. Sie war unvorsichtig gewesen und hatte zugelassen, dass sich Jornowell einen Platz in ihrem Herzen, ihrem Bewusstsein erkämpfte. Allein dieser Umstand war eine Narretei von ihr, aber mit ihm zu schlafen war ein Schachzug gegen sie selbst in diesem scheinbar oberflächlichen Spiel der Leidenschaft gewesen. Dabei hatte sie sich selbst so oft zur Vorsicht gemahnt.

Morwenna war sich sicher, dass die aufkeimende Übelkeit in ihrem Magen nur der Anfang ihres Leidens sein würde. Was hatte sie sich dabei gedacht, sich ihm hinzugeben, nachdem ihr längst hätte klar sein müssen, dass ihre Gedanken an ihn nicht länger von Neugier und Lust geprägt waren, sondern von Aufrichtigkeit?

Die Tochter Alathaias schloss die Verschlüsse ihres Mantels und verbarg ihre Arme unter dem kühlen Stoff. Jornowell sagte etwas, das reuevoll klang. Doch sie konnte ihn über dem schrillen Sirren in ihren Ohren nicht verstehen. So erwiderte sie nur dumpf, dass sie zurück nach Langollion wollte. Ohne Umwege. Es war der kühle Ton der Fürstin, der einem Befehl zwar nicht an Form aber an Bedeutung gleich kam.

Für einen Moment erkannte sie durch den Schleicher ihrer nassen Augen den Ausdruck von Entsetzten in seiner Mimik. Sie schalt sich dafür, in sein Gesicht geblickt zu haben und schritt an ihm vorbei. Wie um sich vor seiner möglichen Reaktion -, die dankenswerterweise ausblieb, - zu schützen, streifte sie die Kapuze über ihr Haupt und machte sich an den Abstieg zum Albenstern.

Morwenna zwang sich, als sie monoton einen Fuß vor den anderen setzte, es einzusehen. Sie würde sich nicht ändern. Die Vernunft, die Bedachtheit und die Vorsicht in ihr würden trotz der Gefühle und Leidenschaft, die Jornowell in ihr hervorzurufen vermochte, immer obsiegen. Und sie verlangten ihr ab, zu verstehen, dass sie Jornowell nicht ganz bekommen könnte und niemals für immer. Etwas anderes konnte sie aber weder mit ihrem Stolz vereinbaren, noch den Schmerz der Konsequenzen ertragen. Denn auch er würde sich nicht ändern.

‚Ich bin die Tochter der abtrünnigen Fürstin und er ein Getreuer der Königin. Ich meide das Unbekannte und er erforscht es. Ich bändige meine Gefühle und er bricht ihren Damm. Ich bin zu vorsichtig und er zu sicher. Ich bin zu weitsichtig und er zu spontan. Ich suche die Beständigkeit und er das Abenteuer. Ich habe einen Fehler begangen und er ist der Grund.‘

Wenn sie ihn gewähren ließ, bedeutete dies, dass sie sich gegenseitig nur Schmerz zufügen würden – oder im Versuch, dies nicht zu tun, sich selbst.

‚Was habe ich nur getan?!‘, fragte sie sich zum unzähligsten Male, als sie ihre Tränen verbergend durch den Schnee ging und Jornowell dabei zurück ließ. ‚Ich bin die Närrin und er der Narr.‘

_____________________

Soo, das war heikel, ich hoffe ich konnte es gut rüber bringen und die plötzliche Wendung kann nachempfunden werden.

Ich freue mich auch ein paar Worte meiner Stillen Leser zu hören, es muss nicht viel sein, aber jedes Review ist solch eine Motivation für mich (ich denke, das kann jeder Autor nachempfinden), dass ich darauf nicht verzichten möchte. Lasst mich einfach eure Meinung hören, ich beisse nicht :D

Liebste Grüße
Riniell
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Chrisantiss
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Chrisantiss » Mo 24. Aug 2015, 20:54

Das hast du toll geschrieben. Wirklich erstaunlich, wie gut du Gefühle beschreiben kannst.
Ich kann nicht gut Reviews schreiben. Aber ich lese deine Story sehr gern.

Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Sa 5. Sep 2015, 20:38

Willkommen zum nächsten Kapitel!

Dieses Mal führt die Reise an den prunkvollen Fürstenhof Arkadiens, dessen Feste berüchtigt sind. Was das mit Morwenna und Jornowell zu tun hat, lest selbst! :)

@Chrisantiss: Vielen Dank für deinen lieben Kommentar und deine Lesetreue! ich freue mich immer, von dir zu hören!


______________


Auf den Festen Arkadiens



Erleichtert erreichte sie eine der zahlreichen, gläsernen Flügeltüren und stieß sie auf. Hinter ihrer Schwelle empfing sie der kühle Wind einer klaren Winternacht. Am dunklen Firmament glitzerten die Sterne, weitab vom Klangteppich des schillernden Festes mit seiner dröhnenden Musik und seiner endlos währenden Gespräche.

Morwenna flüchtete sich an die marmorne Brüstung der weitläufigen Terrasse, die vor dem Festsaal lag. Man hatte den Schnee von den Fliesen gefegt, doch die Kälte grub sich durch die leichten Schuhe an ihre Fußsohlen. Es war eine Wohltat … Mit einem leisen Klirren stellte sie ihr Weinglas auf die Brüstung. Die dunkle Flüssigkeit glänzte wie Blut im kristallenen Kelch.

Tief sog die Heilerin die eiskalte Nachtluft in ihre Lungen und fühlte sich sogleich ruhiger. Welch Fest! Selten hatte sie erlebt, dass sich so viele Gäste in einen Saal drängten. Dazu der schwere Wein, die schnelle Musik, die Auswahl der Gesellschaft …

Die junge Fürstin Arkadiens war ein Exot – sie liebte die Extreme. Alles in dieser Nacht war eine Inszenierung gewesen, um Arkadiens Ruhm für die Festlichkeiten an den Fürstenhöfen an eine neue Spitze zu führen. Selten sah man solch eine riesige Bankett-Tafel, auf der so viele fremdländische Köstlichkeiten für jeden Geschmack zusammengeführt worden waren. Die Noten der Musiker mussten aus der Feder eines der talentiertesten und bestbezahltesten Komponisten stammen, denn bis spät in die Nacht wurde begeistert getanzt.

In einem glich dieses Fest allerdings jedem anderen, an dem sie teilgenommen hatte: Der Anteil der männlichen Gesellschaft überwog den des weiblichen bei weitem. Sie war unzählige Male zum Tanz aufgefordert worden. Und nur selten konnte sie sich erlauben, abzulehnen …

Die Fürstin strich sich ihr offenes Haar hinter die Ohren und sah in den finsteren Garten hinaus, während ihr Gehör halb der schwach klingenden Melodie folgte. Innerlich verfluchte sie ihren Bruder. Er hatte eigentlich hier sein sollen. Doch es war ihm wie so oft gelungen, sie davon zu überzeugen, an seiner Stelle auf einem Fest zu erscheinen. Und bei dieser Gastgeberin konnten sie sich nicht erlauben, der Einladung nicht zu folgen.

Seit Jahrzehnten schon versuchte Langollion in Arkadien einen Handelspartner zu gewinnen. Doch Valaria, die Fürstin Arkadiens, stellte sich ebenso stur wie viele andere Fürstenhäuser Albenmarks auch.

Langollion war unter den Edlen Albenmarks ebenso belächelt wie geduldet. Von den großen Erz- und Edelholzerträgen wollte kaum ein ernstzunehmender Handelspartner wissen. Sich nach den Schattenkriegen wieder in den Kreisen der Handelsgroßmächte zu etablieren war eine Sache gewesen – schwer, aber durch die Ernennung einiger fähiger Loyalisten der Königin, die im Namen der jungen Fürstengeschwister die ertragsreichsten Provinzen Langollions verwalteten, durchaus zu stemmen gewesen.

In den Ordenskriegen war diese Zahl der Verwalter aber zusehends geschrumpft – entweder Kriegsopfer oder von der Königin wieder in ihre Dienste Gerufene. Viele der neugewonnenen Handelspartner wollten daraufhin nichts mehr von den qualitativ hochwertigen Handelsgütern des Inselreichs Wissen, denn die vertrauenswürdigen Korrespondenten waren nicht mehr da, um über die Richtigkeit der Geschäfte zu wachen.

Morwenna schnaubte. Niemand hatte mit Langollion Handel betreiben wollen. Diese Verwalter waren von der Königin weder als Hilfe zum Aufbau des Küstenreichs geschickt worden, noch um die junge Regentschaft zu unterstützen. Sie hatten einzig dem Zweck gedient, einen Großteil der Handelseinnahmen an die Kasse der Krone weiterzuleiten. Entschädigungszahlungen für die Kriegsverluste, die Langollion zuvor verursacht hatte.

Diese waren nun zwar endlich eingestellt worden – in Anbetracht dessen, dass Langollion nach dem Ordenskrieg gebeutelter als jedes andere Fürstenreich war, allerdings kein Wunder. Trotzdem erhielten sie von der Krone weder finanzielle, noch tatkräftige Hilfe. Viele der Handelskontore waren unterbesetzt oder ohne Führung, ganz zu schweigen von den Burgen vielzähliger Baronien und Grafschaften. Kaum eine Adelsfamilie hatte nicht erhebliche Verluste erlitten, und es fehlte an vertrauenswürdigen Nachfolgern, die nicht bereits von anderen Herrenhäusern abgeworben wurden.

Es war eine Abwärtsspirale, in der sich Langollion befand. Ohne neue Handelsabkommen ginge das Land früher oder später Bankrott.

Morwenna und Tiranu machten sich schon länger die Hoffnung, dass Valaria, deren Mutter Ganavee einst für eine einzige Nacht im Untergang Vahan Calyds zur Königin gekrönt worden war, einlenken könnte. Diese Hoffnung beruhte auf der Tatsache, dass Arkadien kaum über eigene Rohstoffe verfügte und sich nach dem Krieg vermehrt nach bezahlbaren Alternativen umsehen musste, um die Kontingente wieder aufzustocken. Denn obgleich Arkadien reich war, so hatte es doch mit den steigenden Preisen von Gütern anderer Fürstentümer zu kämpfen, die einer Art Ausgleichszahlung gleichkam. Wenn Langollion diese Güter nun in der gleichen hervorragenden Qualität aber zu einem günstigeren Kurs anbot, so musste die Rechnung auch für Arkadien aufgehen.

Jedenfalls war das ihre Überlegung. Dass sich die Fürstin am heutigen Tage allerdings als so verschwenderisch mit diesem Fest wie selten zuvor zeigte, war ein klares Signal, befand Morwenna. Ein klares Signal der Ablehnung. Valaria würde sich niemals die Blöße geben, mit den Abtrünnigen auf der anderen Seite des Meers ein Abkommen einzugehen, wenn dies bedeutete, ihre eigene Schwäche einzugestehen.

In ihrem Rücken hörte sie, wie sich leise Schritte näherten. Beinahe hätte sie in ihren Grübeleien das Fest vergessen, welches noch immer mit leiser klingenden Tönen von statten ging. Es war spät geworden …

„Suchst du die Einsamkeit, meine Schöne?“, erklang die Stimme, deren Ton passend zu den leisen Schritten selbstsicher und mit einem Hauch schleichender Aufdringlichkeit versehen war.

Morwenna wandte sich, die Abweisung aus ihrem Ausdruck verbannend, um und blickte in die leidlich vertrauten Augen von Alain, dem dunkelhaarigen Vetter der Fürstin. Ihm hatte sie am heutigen Abend einen guten Anteil an den Blessuren ihrer Füße zu verdanken. Nach der fünften Aufforderung zum Tanz von ihm hatte sie aufgehört zu zählen. Das letzte Mal hatte sie jedenfalls dankend abgelehnt. Die Gesellschaft des Elfen war nicht eben das, was sie als angenehm beschreiben würde. Er bewerkstelligte es immer wieder mit plumpem Geschick, das Gespräch auf sich, seine Belange, Taten, Interessen und Vorlieben zu lenken. Alles an ihm troff vor Selbstherrlichkeit, in seinen Adern floss das Blut eines echten Arkadiers.

„Deine Schöne?“ Morwenna hob eine Augenbraue. „Ich kann mich nicht erinnern, dir gestattet zu haben, irgendwelche Ansprüche an mir zu erheben.“

„So gereizt?“, er lächelte überheblich. „Den ganzen Abend scheinst du doch ziemlich angetan von mir. Man könnte meinen, du wolltest mich für deine Sache gewinnen …“

Morwenna war in der Tat gereizt. Was er da anzudeuten versuchte, war eine Unverschämtheit. Natürlich konnte sie sich nicht erlauben, den Vetter ihrer möglichen Handelspartnerin zu verschmähen. Deshalb hatte sie sich ihm gegenüber offener gezeigt, als sie sich normalerweise gab. Dies beinhaltete Gespräche, Tänze, die Darstellung oberflächlichen Interesses, aber auf keinen Fall mehr. Sie hatte nicht distanziert genug auf seine unverschämten Annäherungsversuche das Fest hindurch reagiert … und er wollte es so auslegen, als würde sie ihm Avancen machen wollen.

„Du scheinst etwas viel Wein gehabt zu haben …“

Alain stieß ein kurzes Lachen aus, mit einem durchdringenden Blick legte er das dunkle Haupt schief. „ Du bist ziemlich vorlaut … Valaria hat mir berichtet, in welcher Situation sich die selbstherrlichen Fürsten von Langollion befinden.“ Er deutete eine spöttische Verbeugung an. „Uns ist durchaus bewusst, dass du dieses Fest nur aus eigensinnigen Zwecken besuchst. Valaria ist euch nicht eben zugewandt … Leider … Wenn du möchtest, dass ich sie umzustimmen versuche, dann solltest du etwas freundlicher zu mir sein …“

„Was versuchst du, anzudeuten?!“ Morwenna presste angewidert die Lippen zusammen und war fassungslos, zu sehen, dass Alain noch näher auf sie zukam. Er versuchte, eine Hand an ihre Hüfte zu legen, doch die Heilerin wich zurück.

„Gib es zu: Einen angenehmeren Weg, dieses unsägliche Problem zu lösen, kannst du dir auch nicht vorstellen …“ Alain streckte die Hand erneut nach ihr aus und wollte an ihr Gesicht fassen. Morwenna hatte zwar das ein oder andere Glas Wein getrunken – meist war es ihr von Alain angeboten worden, stellte sie verärgert fest – dennoch hatte sie die Reaktionsschnelligkeit, seine Hand in der Luft abzufangen.

„Wie kannst du es wagen …!?“ Sie reckte drohend ihr Kinn, in ihren Augen glitzerte es warnend. Der Schimmer der nahen Lichter offenbarte die Verwirrung in seinen Zügen, die allmählich in Wut umschlug.

„Morwenna?“ Hinter Alain erklang eine vertraute Stimme. Die Elfe konnte sie im ersten Moment nicht zuordnen, was sie auf den Alkohol in ihrem Blut schob. Als sie allerdings an dem dunkelhaarigen Elfen, der genervt den Kopf nach hinten wandte, vorbei sah, erkannte sie das aufrichtig dreinblickende, weich geschnittene Gesicht des vertrauten Elfenritters, den sie in Vahan Calyd das erste Mal gesehen hatte.

Anarion trat ohne zu zögern an die Situation heran: „Ah, guten Abend, Alain. Ich habe dich gesucht. Valaria schickt mich, dich zu ihr zu bitten.“

Morwenna war verwundert zu sehen, dass Anarion die Farbe Arkadiens, das dunkle Moosgrün, trug. Weshalb erledigte er die Botengänge der Fürstenfamilie? Alain schien hingegen nicht im Mindesten verwundert. „Der Speichellecker meiner lieben Cousine. Ich muss sagen, du entwickelst zu meinem Leidwesen ein Talent dafür, in den falschen Momenten aufzutauchen.“

„Nun, ich lerne noch, aber mir scheint, dieses Talent möchte ich mir erhalten.“ Anarion lächelte süffisant und nickte ihr zu. Morwenna erkannte dieses militärische Verständigungsmittel, war es ihr doch vertraut von ihrem Bruder. Sie nickte zur Erwiderung, nicht etwa um zu grüßen, sondern um ihm zu verstehen zu geben, dass es ihr gut ging. Der einstige Elfenritter schien doch mehr von dem zu verstehen, was gerade vorgefallen war, als er in seiner oberflächlichen Gelassenheit vorgab. Sie war erleichtert, ihn zu sehen, obgleich sie nicht daran zweifelte, dass sie dieser Situation allein Herr geworden wäre.

Als hätten sie nie miteinander gesprochen, wandte sich Alain endgültig von ihr und schritt an Anarion vorbei in Richtung des Festsaals. Morwenna schluckte die Verwünschung herunter, die für ihn auf ihrer Zunge lag. Stattdessen sah sie in das besorgte Gesicht des blonden Elfen, welche schmerzliche Ähnlichkeit zu seinem Onkel besaß. Sie verdrängte den Gedanken und strich ihr Haar hinter die spitzen Ohren.

Anarion trat vor sie. „Er kam dir nicht zu nahe?“

Die dunkel gelockte Fürstin räusperte sich: „Nicht so nahe, wie er gerne wäre. Er ist nur ein großspuriger Maulheld …“ Nach kurzem Zögern fügte sie ein leises „Danke“ hinzu.

Endlich zeigte sich das vertraute schelmische Lächeln auf den weichen Zügen ihres Gegenübers. Trotz ihrer knappen Bekanntschaft schien er ihr wohlgesonnen. Innerlich seufzend erinnerte sie sich an den überschwänglichen und tatenfreudigen jungen Elfenritter, der er in Vahan Calyd gewesen war. Damals schien es ihm wichtig, sich zu beweisen. Sie war sich fast sicher gewesen, dass er auch ein klein wenig ihre Anerkennung durch seinem vorschnellen Mut gewinnen wollte. Heute war davon nichts mehr zu sehen. Der blonde Ritter schien das Schwert niedergelegt zu haben, sein Auftreten erschien ihr insgesamt … geordneter.

„Du siehst stattlich aus, Anarion“, bemerkte sie. „Es ist bestimmt kein Zufall, dass du Alain vormachen konntest, dass die Fürstin nach ihm verlangte?“

Die Luft durch seine Zähne ziehend, legte er die Arme hinter seinem Rücken zusammen. „Ein Zufall gewiss nicht, auch wenn es mich beschämt, dass ich die Maskerade des höfischen Zeremoniells offenbar noch immer nicht zur Perfektion hin gemeistert habe.“ Er zwinkerte ihr zu – eine bitterlich bekannte Geste der verschwörerischen Freudigkeit, welche seine Worte Lügen strafte. „Ich bin als Schreiber in Ausbildung hier bei Hofe. Valaria schätzt mich wohl für … meine Diskretion kann es nicht sein … möglicherweise aber meine direkte Art. Warum auch immer sie einen Narren an mir gefressen zu haben scheint, ich bekomme die mehr oder weniger ehrenvolle Aufgabe kleine und größere Botengänge für sie zu unternehmen.“

Morwenna nickte anerkennend. Auch wenn sie nicht viel mit dem ehemaligen Elfenritter verband, so schien er ihr doch nahe. Von ihrem Innern ging ein aufrichtiges Interesse aus, dessen Wärme sie sich nicht gänzlich verschließen konnte. Wenn nur nicht diese Ähnlichkeit wäre …

„Du siehst im Übrigen auch sehr … hübsch aus …“, schob Anarion nach einigen Herzschlägen hastig hinterher.

„Hübsch?“ Morwenna lachte bei diesem Ausdruck, der sie an die Jugend ihres Gegenübers erinnerte, musste aber lächeln, als sie eben dieses erröten sah. Diese überschwängliche Offenheit … Valaria schien doch nicht so exzentrisch und unverständlich zu sein, wie Morwenna erst dachte, wenn die Fürstin Anarion so sehr ins Vertrauen zog.

„Ich meine schön … wunderschön … Du siehst wunderschön aus …“ Anarion deutete mit beiden Händen auf ihre Erscheinung, als versuchte er, ein Gemälde zu ergründen. Er stolperte bei seinen Erklärungen immer wieder über seine eigenen Worte. „Verzeih …“

„Es gibt nichts zu verzeihen …“, unterbrach sie ihn. „Mit hübsch kann ich sehr gut leben. Du scheinst allerdings, etwas unruhig zu sein …“

Anarion räusperte sich und fand wieder zu seinem zaghaften Lächeln. „Ich muss ehrlich sein. Ich habe schon den ganzen Abend beobachtet, dass Alain sehr angetan von dir zu sein schien… Nun, ich kenne seine Art und hatte kein gutes Gefühl dabei, als er dir nach draußen gefolgt ist.“ Er runzelte die Stirn. „Er ist ein Widerling, von dem ich mir nach dieser Finte gewiss einiges anhören darf. Aber ich bin froh, dass ich nicht auf Jornowell gehört habe und euch gefolgt bin …“

„Er ist hier …?“ Es war nur ein Hauchen, das aus ihrem Mund kam. Innerlich fluchte sie. Kaum ein Monat war vergangen seit ihrem letzten Treffen und er mochte wohl kaum vergessen haben, wie sehr sie ihn damals abgekanzelt hatte.

„Schon den ganzen Abend und allmählich verstehe ich, wo seine schlechte Laune herrührt“, erwiderte Anarion. „Ihr seid nicht im Guten auseinandergegangen, habe ich recht?“

Sie schüttelte den Kopf. Welch geschmacklose Farce des Schicksals …

Ihre Gedanken ordnend, versuchte sie das Thema anders anzugehen: „Du wusstest doch, dass mein Name auf der Gästeliste stand? Warum hast du ihn dann mit hierher gebracht?“

„Woher sollte ich denn wissen, dass ausgerechnet du seine Stimmungsschwankungen heraufbeschworen hast? Er hat dich mit keinem Wort erwähnt. Außerdem hat er die Einladung nicht von mir, sondern ist in Begleitung meiner Mutter erschienen. Sie ist seit ihrer Jugend ein gern gesehener Gast bei Hofe.“

„Und seine Schwester …“, erkannte Morwenna.

Anarion nickte: „Jornowell verbringt schon Wochen und Monate in ihrem Stadthaus und strapaziert mit seinen Launen ihre Geduld … Sie hat ihn überredet, heute Abend mitzukommen, um etwas Ablenkung zu finden. Nun … die hatte er auch, bis er dich sah.“ Er verschränkte in untypischer Manier die Arme. „Als ich realisiert habe, dass ein Aufeinandertreffen von euch beiden auch unschön enden könnte, war es schon zu spät.“

„Er hat mich mit Alain gesehen …“ Die Heilerin zog die Brauen zusammen. „Den ganzen Abend…“

„So wie heute habe ich ihn noch nie erlebt.“ Der junge Lehrling löste seine Arme voneinander und atmete tief durch. „Langsam wird mir klar, was mit ihm im Argen ist.“ Der Elf bedachte sie vielsagend.

„Das …“

Morwenna wurde von einem lauten Klirren und mehreren empörten Ausrufen von Richtung des Festsaals unterbrochen. Kurz darauf war erneut das Scheppern feinen Porzellans zu hören, ein durchdringendes Krachen hallte bis in die verschneiten Gärten.

Die beiden Elfen, die auf der vereisten Terrasse standen, sahen erschrocken zum Festsaal. Durch die gläsernen Flügeltüren hindurch sahen sie in die perfekt ausgeleuchteten Räumlichkeiten …

Ein riesiger Banketttisch stürzte mit all seinen Köstlichkeiten in Richtung der Fensterscheiben um, mit ihm gingen zwei festlich gekleidete Elfen zu Boden – der eine Elf blond, der andere schwarzhaarig.

Morwenna stand unvermittelt der Mund offen und konnte nur mit halbem Ohr hören, wie Anarion neben ihr trocken wie der Sand in der Steppe sagte: „Und mich schimpft er überschwänglich …“

****


Diese Nacht war verflucht.

Seit zwei Wochen glaubte er, sich endlich wieder fangen zu können und nun prangte eine dicke Platzwunde an seiner Schläfe, die genau das Gegenteil bewies.

Dieser verdammte Wein!

Und diese verdammte Elfe …

Jornowell lächelte bitter, was sofort ein schmerzhaftes Ziehen an seiner Schläfe zufolge hatte. Er zuckte kaum merklich unter dem Schmerz zusammen und der Heiler musste ihn erneut mahnen, still zu halten.

Der große Raum, in dem sie sich befanden, lag bis auf das Licht einiger Barinsteine im Dunkeln und war dankenswerterweise bis auf ihn und den Heiler verlassen. An den Wänden ragten finstere Bücherregale bis unter die Decke. Der Geruch des Pergaments war allgegenwärtig in der kleinen privaten Bibliothek von Valaria. Der Sessel, auf dem er saß, stand so vor dem riesigen, ungenutzten Kamin, dass sein Blick zu den großen Fenstern hingewandt war. Vor ihm hockte der junge Heiler und gab sein bestes, sein Gesicht zu flicken. Alains Faustschläge waren gut gezielt gewesen …

Anarion hatte ihn, nachdem die Wachen ihn von Alain gezerrt hatten, hierher gebracht und einen Heiler geholt. Jornowell hatte ihn zu überzeugen versucht, dass dies nicht nötig sei … Doch sein Neffe zeigte sich wie stets stur. So hatte er einen Heiler bestellt, welcher zu Jornowells Leidwesen noch in der Ausbildung zu sein schien. Offenbar war er ein guter Freund von Anarion, der darauf plädierte, zu dieser Uhrzeit keinen fähigeren Elfen gefunden zu haben.

Jedenfalls sollte er verschwiegen sein, wie Anarion beschwor. Nicht, dass dies von besonderem Belang wäre …

Spätestens morgen wüsste ganz Arkadien von seinem … Ausrutscher. Und am Tag darauf ganz Albenmark. Seine Schwester würde ihn vor die Tür setzten und sich im Leben nicht mehr trauen, bei Hofe zu erscheinen …

Im dunklen Gang vor der offenen Türe waren Stimmen zu vernehmen. Jornowell stöhnte, als er neben der seines Neffens die von Morwenna erkannte.

„Hab ich etwas falsch gemacht?“, erkundigte sich der Heiler unsicher, der den Laut seines Unmuts wohl missinterpretierte. Jornowell schenkte ihm nur einen bitterbösen Blick und reute diesen erst einige Momente später, als der junge Elf schluckte und sich missmutig weiter an die Arbeit machte.

„Ich möchte mit ihm sprechen!“, erklang in diesem Moment die sichere Stimme der langollischen Fürstin am Eingang. Sie mussten direkt neben der offenen Türe stehen. Jornowell erkannte schon an ihrem Ton, dass nicht einmal ein Alb sie von ihrem Vorhaben abbringen konnte.

Warum schenkte sie ihm nicht wenigstens seinen Frieden?

„Was willst du ihm sagen?“, entgegnete Anarion aufgebracht.

„Ich möchte ihm nichts sagen, ich möchte mit ihm sprechen!“ Morwenna klang ganz und gar wie die unnahbare, fremdartige Elfe, welche sie nach außen hin darzustellen versuchte. War er ein Narr, dass er geglaubt hatte, sie besser zu kennen?

„Diese verfluchte Haarspalterei von euch Edlen kannst du dir bei mir sparen!“ Anarions Stimme wurde ungewohnt laut. „Mein Onkel ist momentan nicht in der Verfassung…“

„Ich bitte dich! Meine Brüder waren nach einer Rauferei im Kindesalter schlimmer lädiert als er!“

„Er hat sich für dich eingesetzt und du …“

Jornowell rieb sich über die geschlossenen Augen: „Anarion! Schon gut … Lass sie rein.“

Der Weltenwanderer kannte Morwennas sture Art nur zu gut und wusste, dass sein Neffe die Situation für ihn bei einer Diskussion lediglich Wort zu Wort unangenehmer gestalten würde. So sah er wenige Momente später die Fürstin in ihren weinfarbenen Festgewändern die kleine Bibliothek betreten. Zu seiner Enttäuschung – er konnte es nicht leugnen – schritt sie an dem niedrigen Sessel vorbei, auf dem er saß, und öffnete seelenruhig eines der großen Fenster, um die Nachtluft hereinzulassen. Wie schlecht sie ihn kennen musste, dass sie den Geruch von altem Pergament aus einem Raum zu vertreiben versuchte, in dem er sich befand. Jornowell schluckte.

Als die Heilerin sich zu ihm umwandte, wollte er vor Scham im Boden versinken. Der tadelnde Blick in ihren Augen schürte jedoch auch seine Wut; er konnte sie nicht länger ansehen.

„Du kannst gehen“, teilte sie wie selbstverständlich dem jungen Heiler mit, der daraufhin an ihr und Anarion vorbeirauschte, wohl unendlich froh, von seiner Aufgabe erlöst worden zu sein.

Statt des jungen Elfen kniete nun Morwenna zu seinen Füßen und ergriff sein Gesicht. Er konnte nicht schnell genug in eine andere Richtung sehen, um den Anblick ihrer dunkelroten Lippen und der schwarzen Augen aus seinem Sichtfeld zu verbannen. Ihre Schönheit traf ihn schlimmer als jeder Faustschlag Alains.

Die Elfe begann schweigend damit, sein Gesicht zu untersuchen und heilte schließlich einer Fingerübung gleich die Wunde an seiner Schläfe. Dann griff sie sich das Tuch, welches der junge Heiler zurück gelassen hatte, und wischte das teils getrocknete Blut von seiner Haut. Seinen Widerwillen ausdrückend, nahm er es ihr jedoch aus der Hand und rieb selbst motivationslos an der Stelle herum, von welcher der Schmerz fast vollständig verschwunden war.

„Ist dir übel?“

Er schüttelte den Kopf.

Als sie erneut sein Kinn griff und ihn so zwingen wollte, sie anzusehen, warf er genervt das Tuch nach ihr. Die Heilerin starrte ihn für einen Moment ungläubig aus zusammengekniffenen Augen an und warf es nun ihrerseits kurzerhand in sein Gesicht. Keinen Herzschlag später musste sie es erneut von ihrem Schoß angeln. Sie zerknüllte es in ihrer Hand und stand in einer fließenden Bewegung auf. Ihre Lippen waren zusammengekniffen.

Mit einem schnellen Blick sah sie sich nach Anarion um. Sie entschied sich wohl dagegen, ihn hinaus schicken zu wollen, denn im nächsten Moment erhob sie ihre Stimme gegen die unangenehm gewordene Stille.

„Du solltest deinen Weinkonsum überdenken. Nicht nur, dass du in fünf verschiedene Richtungen schielst – noch dazu zielst du schlechter als ein kleines Menschenmädchen. Ob es sich mit deinen Schlägen wohl genauso verhält?“

Jornowell sprang vom Sessel auf. Er baute sich direkt vor der dunkel gelockten Heilerin auf, welche keinen Schritt von der Stelle wich. Ihre obsidianschwarzen Augen leuchteten herausfordernd im Schein der Barinsteine. In diesem Moment erinnerte sie ihn stark an Tiranu, ihren kämpferischer Bruder. Zumindest im Halbdunkel dieser Räumlichkeiten sahen sie sich unglaublich ähnlich.

„Was hat dich nur dazu verleitet, so kopflos zu sein, auf den Vetter der Fürstin los zu gehen?“ Morwennas Miene zeigte nun, wie aufgebracht sie wirklich war. Ihre dunklen Brauen waren zusammengezogen, eine steile Falte erschien zwischen ihnen. „Hast du den Verstand verloren?“

‚Ja‘, dachte er. ‚An dich.‘

Schwer ausatmend und ernüchtert von seinen eigenen Gedanken ließ er sich wieder in den Sessel fallen. Der Blick des Weltenwanderers glitt zu Anarion. Sein Neffe hatte vor geraumer Zeit exakt dieselbe Frage gestellt. Schon ihm hatte er nicht geantwortet.

Nun lagen aber zwei Augenpaare erwartend auf ihm und er sah ein, dass er sich wenigstens rechtfertigen sollte, wenn er schon keinen vernünftigen Grund nennen konnte.

Aber was sollte er ihnen sagen? Dass er aus allen Wolken gefallen war, ja regelrecht geschockt, die Morwenna auf dem Fest zu sehen? Dass er schon den ganzen Abend mit Missgunst und Abscheu beobachtet hatte, mit welchen Blicken Alain Morwenna bedachte? Dass er kaum den Blick von ihm und ihr zusammen auf der Tanzfläche nehmen konnte? Dass er gekocht hatte vor Eifersucht und falscher Wut, sie mit ihm umgehen zu sehen? Dass er, um sich das alles nicht eingestehen zu müssen, viel zu viel Wein getrunken hatte?

Jornowell kannte ebenso wie Anarion die fürchterliche Art des Verwanden der Fürstin, wenn dieser zu viel trank. Anders als sein Neffe hatte er sich allerdings dagegen entschieden, Morwenna und Alain auf die Terrasse vor dem Festsaal zu folgen. Der falsche Stolz reute ihn, wenn er daran dachte, wie betrunken Alain wirklich gewesen war.

„Anarion, kann es sein, dass du Alain auf der Terrasse vor den Kopf gestoßen hast? Ihn möglicherweise sogar mit einer Lüge loswerden wolltest?“ Morwenna und Anarion wechselten ein Blick, woraufhin sein Neffe schuldbewusst auf seine Schuhspitzen schaute. „Nun …“, deutete Jornowell und musste nun seinerseits auf den Boden schauen. „Alain scheint über den Abend hinweg wohl den ein oder anderen Ausdruck von mir bemerkt zu haben, als er mit Morwenna zusammen war. Er kam offensichtlich zu dem Schluss, Anarion hätte auf meine Anweisung hin gelogen.“

Der Weltenwanderer ging dazu über, das Blut in seinen zusammengeklebten Haarsträhnen mit seinen Fingern auszukämmen, um seine neu aufflammende Wut aus der Stimme zu verbannen. „Die allzu schlechte Lüge kam ans Licht und ihr könnt euch vorstellen, dass er wenig begeistert war. Jedenfalls machte er mir mit ziemlich deutlichen Worten klar, dass wir uns die Mühe, ihn von Morwenna fernzuhalten, schenken könnten. Er hatte ziemlich klare Vorstellungen, was er heute Nacht noch zu tun gedenke und scheute sich nicht vor genaueren Ausführungen … Laut seinen Worten scheinst du nicht abgeneigt gewesen zu sein.“

Bei diesen Worten suchte er Morwennas Blick. Den ganzen Abend hatte er schon mit sich gehadert. Auf der einen Seite kannte er die aufdringliche Beharrlichkeit des schwarzhaarigen Höflings und konnte Morwenna diesbezüglich keinen Vorwurf machen, dass sie ein, zwei Mal das Gespräch mit ihm aufgenommen hatte. Auf der anderen Seite hatte Jornowell ganze fünf Tänze der beiden gezählt und die langollische Fürstin hatte für ihre Verhältnisse erstaunlich oft gelächelt, viel geredet und einige Becher Wein getrunken. Vielleich steckte in Alains Provokationen ein Funken Wahrheit, denn Morwenna hatte sich ihm nicht abweisend gegenüber verhalten.

Morwennas Blick allerdings zeigte nun eines deutlich: Enttäuschung.

Enttäuschung darüber, dass er diesen Umstand in seinen Erzählungen betont fragend wiedergegeben hatte und sie dabei anklagend bedachte. Er senkte beschämt den Blick. Wäre er seiner Schwester doch nie auf dieses unselige Fest gefolgt!

„Alain weiß, dass ich nur deshalb in Arkadien bin, weil ich weiter an möglichen Handelsabkommen zwischen Arkadien und Langollion arbeiten möchte. Valaria lehnt seit Jahren ein solches Abkommen ab und gab gleichzeitig mit zweideutigen Ausflüchten zu verstehen, dass es doch bald dazu kommen könnte. Langollion steckt in einer Krise und neue Handelspartner sind so wichtig für mein Land, dass es stimmt, dass ich die Aufforderungen zu Tanz und Gespräch mit Alain nicht ablehnen konnte. Schließlich wollte ich meine Gastgeber nicht vor den Kopf stoßen. Alain verstand das wohl als falsches Interesse und bot mir an, mit Valaria über mein Problem zu sprechen, wenn ich die Nacht mit ihm verbringe.“

Morwenna klang weder enttäuscht noch wütend, sie hatte jegliche Emotion aus ihrer Stimme verbannt. Für Jornowell war das schlimmer als jeder Vorwurf, den sie ihm hätte machen können. Indirekt hatte er sie dazu gezwungen, offen über diese unangenehme Situation zu sprechen.

„Ich hoffe es ist unnötig zu erwähnen, dass ich abgelehnt habe.“

Der Weltenwanderer schluckte. „Natürlich. Bitte … vergib mir.“ Nach allem, was zwischen ihnen geschehen war, hätte er nicht geglaubt, sich noch einmal für irgendetwas bei ihr zu entschuldigen. Er war so sauer auf sie gewesen …

„Ich dachte nur … Ich … Ich bin ein Idiot.“

„Wenn man es nur darauf schieben könnte“, entgegnete sie mit plötzlich brüchiger Stimme. „In Wahrheit bist du allerdings ein Elf, der genau weiß, was er tut. Nur bist du einfach nicht bereit, dich einmal zurückzunehmen oder etwas zu tun, das dir gegen den Strich geht. Stets wählst du den einfachen Weg. Weder besitzt du große Ausdauer, noch Durchhaltevermögen – wenn es nicht gerade um eine deiner Reisen oder Eroberungen geht.“

Vor den Kopf gestoßen, wollte Jornowell etwas erwidern, doch die schwarzhaarige Fürstin erhob nur gebieterisch die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. So hatte Jornowell sie noch nie erlebt …

„Denkst du überhaupt nach, bevor du etwas tust? Du scheinst immer noch nicht verstanden zu haben, welche Konsequenzen diese Nacht haben wird. Und das nicht nur für dich … Valaria wird sich nun endgültig gegen ein Handelsabkommen mit Langollion stellen.“ Sie schüttelte den Kopf: „Für Anarion bedeutet dein ‚Ausrutscher‘ womöglich den Verlust seiner Stellung – wenn er Glück hat. Wenn er Pech hat, behält er sie und Alain wird seine Lehre zur Folter machen.“

Jornowell wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er fühlte nur unendliche Scham in sich aufwallen, die selbst die kurzzeitig aufgeflammte Wut und den Schmerz ihr gegenüber in sich verschluckte.

„Wenn du also glaubst, du hast in meinem Sinne gehandelt, dann hast du dich geschnitten. Du bist lediglich einmal mehr deinem Stolz gefolgt, warst egoistisch und impulsiv. Ich sollte erleichtert sein, dass wenigstens eine Entscheidung, die ich auf dich bezogen getroffen habe, richtig war.“

Nichts hätte ihn in diesem Moment härter treffen können, als diese Anspielung auf ihre plötzliche Ablehnung nach ihren gemeinsamen Momenten der Lust. Nie hatte er verstanden, woher ihre plötzliche Kälte rührte. Natürlich hatte er versucht, den Fehler bei sich zu finden. Hatte er etwas Falsches gemacht? Sie nicht gebührend behandelt? Er hatte es sich nicht erklären können. So hatte er es auf die verschrobene Verschlossenheit der Fürstin schieben wollen – erfolglos. Er hatte so sehr mit sich gehadert, sich so sehr gehen gelassen. Seine Schwester, Anarion … Alle hatten darunter leiden müssen. Und nun auch sie, die er unter allen Umständen vor jeglichen Unmut schützen wollte.

Jornowell fand noch immer keine Worte, die er hätte sagen können – und genau dies schien sein nächster Fehler zu sein, denn Morwenna stieß ein leises Schnauben aus und schüttelte erneut kaum merklich den Kopf. Mit einem letzten enttäuschten Blick wandte sie sich zum gehen um.

„Morwenna, bitte … Ich verspreche, ich werde es wieder gut machen.“ Jornowell stand auf, aber seine Beine versagten den Dienst, als er ihr folgen wollte. Auch Anarion schüttelte den Kopf, um ihm zu bedeuten, dass es besser war, ihr nicht zu folgen.

Die Heilerin, obgleich sie schon fast die Tür erreicht hatte, erwiderte noch kühler als zuvor: „Wer könnte dir schon vertrauen?!“ Sie hatte es mehr zu sich selbst gesagt, wandte sich dabei nicht einmal mehr um. Schon war sie aus der abgeschiedenen Bibliothek verschwunden.

Im Halbdunkel der großzügigen Bücherkammer war es mit einem Mal totenstill. Jornowell sank zurück auf seinen Sessel und fühlte sich wie ausgebrannt. Selbst die Scham war nun verloschen. Er fühlte nichts mehr. Was hatte er nur getan, dass sie so von ihm dachte? Sicherlich, heute Nacht hatte er einen folgenschweren Fehler begangen. Aber er meinte es ernst, wenn er sagte, dass er das wieder in Lot bringen wollte – und würde! Lag es wirklich an seinem zugegebenermaßen schlechten Ruf, dass sie ihm so misstraute?

„Respekt“, ließ Anarion verlauten. „Du hast anscheinend alles falsch gemacht, was es falsch zu machen gab.“

Sein Neffe ging zu dem großen Sekretär am anderen Ende des Raums. Im Gegensatz zum restlichen Interieur wirkte der dunkelholzige Schreibtisch wuchtig und zeigte wenig von der restlichen Eleganz der Räumlichkeiten. Gegen den seichten Mondschein, der von der großen Fensterfront hineinwaberte, sah Jornowell, wie Anarion eine helle Flasche mit fast versiegtem Inhalt aus einer der Schubladen griff und sie mit den Zähnen entkorkte. Mit einer übertrieben gönnerischen Geste prostete er ihm zu: „Auf meinen möglicherweise letzten Abend in diesen Hallen der Vernunft und Bescheidenheit.“

Anarion nahm einen großen Schluck und kam mit der Flasche in der Hand zu ihm herüber. Er ließ sich auf den Sessel neben ihm nieder und reichte ihm die Flasche mit bräunlichem Inhalt. Auf Jornowells fragenden Blick hin, meinte er beschwichtigend: „Ich arbeite hier jeden Tag mit den unerbittlichsten Lehrmeistern Albenmarks zusammen, da bereitet man sich auf Härtefälle jeglicher Art vor.“

Jornowell nickte verständlich und nahm einen großzügigen Schluck von dem bitteren Schnaps. Innerlich aufstöhnend rieb er sich über die Stirn. Wer hätte gedacht, dass diese unsägliche Nacht eine solche Wendung nehmen würde?

„Was ist zwischen euch vorgefallen?“ Anarions Frage war ebenso knapp wie unvermittelt. Der interessierte Blick seines Neffen lag durchbohrend auf ihm. Sowohl Neugier, als auch aufrichtiges Interesse konnte er darin finden.

„Wir … kamen uns vor der letzten Schlacht in Elfenlicht näher…“, begann Jornowell zögerlich. „Nach der Trennung der Welten habe ich noch lange an sie gedacht. Sie ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Schließlich bin ich nach Langollion gereist und wir … kamen uns noch näher … direkt danach … plötzlich hat sie sich von einer anderen, eiskalten Seite gezeigt und hat mich einfach stehen gelassen. Sie wies mich ab und ging. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich falsch gemacht haben könnte.“

Anarion hob seine Brauen und breitete ratlos die Hände aus: „Möglicherweise hast du sie … enttäusch, in Bezug auf gewisse … Fähigkeiten …!?“

Jornowell sog tief die Luft in seine Lungen und schenkte seinem Neffen einen bitterbösen Blick: „Ernsthaft … Ist das wirklich dein Ernst!?“

Anarion drehte die Hände so, dass sie wohl beschwichtigend wirken sollten. „Nach diesem Abend hättest du mit Spott rechnen sollen.“ Er unterdrückte mehr schlecht als recht ein dickes Feixen. „Aber um ehrlich zu sein, denke ich, dass hinter ihrer Reaktion mehr steckt als ein plötzlicher Meinungswechsel. Ich habe mich heute mit ihr länger auf der Terrasse unterhalten … du hättest sehen sollen, wie sie reagiert hat, als sie erfuhr, dass du auch anwesend bist und sie beobachtet hattest. Sie schien … getroffen.“

„Und was sagt mir das nun?“, entgegnete Jornowell teils interessiert, teils hoffnungslos.

Anarion rutschte in seinem Sessel nach vorn, verschwörerisch lehnte er sich in die Richtung des anderen Elfen. „Eine Elfe, für die du nur ein schnelles Abenteuer gewesen wärst, wäre es niemals unangenehm gewesen, wenn du sie mit einem anderen gesehen hättest. Sie hätte sich auch nicht darüber geärgert, dass du dich oder mich in Schwierigkeiten gebracht hast, aus einem eifersüchtigen Impuls heraus. Schon gar nicht wäre sie dir hinterhergelaufen – ihren Stolz schluckend –, um dein Gesicht zu flicken. Oder hätte dir so den Kopf zurechtgerückt, wie sie es gerade getan hat.“

Jornowell strich sich ratlos über das Gesicht. Es mochte stimmen, was Anarion sagte, aber: „Worauf willst du hinaus?“

Der junge Höfling verdrehte die Augen und warf einmal mehr die Hände in die Luft: „Sie empfindet etwas für dich! Allerdings scheint dies das letzte zu sein, was sie möchte … Ich hoffe, ich muss ihre Worte nicht wiederholen, um dir zu erklären, warum.“

Jornowell musste schlucken. Wenn das wirklich stimmte … So hatte er ihre Befürchtungen genährt bis zum Erbrechen. Warum hatte er nicht früher daran gedacht, dass seine Unbeständigkeit schuld an ihrer Abweisung sein könnte? Nie hatte sie eine andere Seite an ihm kennengelernt, die seine sprunghafte Art revidieren könnte. Dabei hatte er so viel mehr zu bieten, eigentlich.

Lediglich die letzten Monate – fast ein halbes Jahr war vergangen seit der Trennung der Welten – war er so ziellos wie selten zuvor in seinem Leben gewesen, dass er sich nun selbst nicht wieder erkannte.

Wenn Morwenna ihn wirklich an sich heran gelassen hatte – und das wollte er nach allem, was sie geteilt hatten, wirklich glauben –, dann mochte es möglicherweise noch nicht zu spät sein, sie davon zu überzeugen, dass er nicht der Elf war, für den sie ihn hielt.

Schmerzlich schlich sich die Hoffnung in sein Herz.

„Wenn du meinen Rat hören möchtest“, begann Anarion noch eindringlicher als zuvor, „dann hör auf damit, deinen Kopf in den Sand zu stecken und fang endlich an, dir ein Leben aufzubauen.“

Jornowell schloss die Augen und schüttelte den Kopf: „Ich höre deine Mutter aus dir sprechen… “

„Sie wird dich aus ihrem Haus werfen, wenn sie Wind von deinem Verhalten heute Nacht bekommt. Und das ist nur eine Frage der Zeit bei den Klatschbasen bei Hof.“

Der Weltenwanderer wusste, dass sein besserwisserischer Neffe wenigstens dieses eine Mal Recht hatte.

Euphorisiert von der plötzlichen Anerkennung, die ihm – zu erkennen durch fehlendes Kontra – entgegenzuschlagen schien, fuhr Anarion fort: „Möglichweise kannst du Morwenna davon überzeugen, dass du nicht ganz der sprunghafte Querulant bist, für den sie dich hält …“

„Und wie soll ich das deiner hochgeschätzten Meinung nach anstellen?“

Erneut lehnte sich Anarion verschwörerisch zu ihm und machte ihm einen tollkühnen Vorschlag, bei dem Jornowell nicht sicher war, ob sich seine Schwester oder irgendwer so ein geregeltes Leben vorstellen würde …

________________

Danke euch fürs Lesen, ich hoffe, euch im nächsten Kapitel wieder zu sehen!

Bis dahin
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Xijoria
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Xijoria » Mo 7. Sep 2015, 16:30

Eine tolle Geschichte und ein ebenso toller Schreibstil. :mrgreen:
Finde ich klasse, wie Du die Geschichten, Begegnungen, Persönlichkeiten, Verhaltensweisen aufgreifst und weiter spinnst.. :-)
Das ist vermutlich genau das, was Hr. Hennen von uns erwartet - durch eigene Fantasie eine Fortsetzung ausmalen / beschreiben.
Danke, dass Du diese Begegnung mit uns teilst, so bildhaft schilderst, dass man mehr erfahren möchte und Du sie vor allem auch fortführst.
Ich bin gespannt, wie es weiter geht. ;)

Cheers, Xijoria
"Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzten kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft."

Xijoria - Darkelfe Bogenschützin und Basltelelfe :)

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Chrisantiss
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Chrisantiss » Mi 9. Sep 2015, 18:26

Deine Ausdrucksweise in der Story bewundere ich immer wieder. Dieses Kapitel hat mir besonders gefallen, weil es mal nicht nur um Jornowell und Morwenna ging, sondern auch mehr auf die Situation der Fürstentümer eingegangen wurde.

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