Eine Elfengeschichte

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Abiane
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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Mo 18. Feb 2013, 16:21

Hallo Ihr Lieben!

Nach einigen Schwierigkeiten mit Inhalt und Zeitlinie musste ich auch bei den schon geposteten Teilen ein bisschen umstellen. Alle geänderten Teile (bzw. auch nur in der Reihenfolge umgestellten) sind mit "Neu" markiert. Viel Spaß beim Lesen!

LG Abiane

P.S. Ich übernehme keine garantie dafür, dass ich alle Fehler gefunden und ausgemerzt habe ;-). Und ich freu mich wie immer über ein bisschen Feedback, seien es Verbesserungsvorschläge oder schlichtweg Motivation zum Weiterschreiben^^

* * * N E U * * *

Nika lugte vorsichtig hinter dem Vorhang ihres Fensters auf den Hof hinunter. Sie konnte einen dunklen Schemen erkennen, der das helle Licht des vollen Sommermondes mied und mit verstohlenen Bewegungen durch die Schatten huschte. Nur einmal streifte ein Lichtstrahl den leuchtend blauen Umhang und reflektierte für einen winzigen Moment auf der silbernen Fibel, die den fließenden Stoff um die Schultern seines Trägers hielt.
Die Lutin wusste, wohin er gehen würde. Sie hatte es in seinen Augen gesehen, noch bevor er es ausgesprochen hatte. Dieser verfluchte Narr!
Aber war sie selbst nicht dieselbe Närrin gewesen? Sie hatte sich gegen die Ältesten gestellt. Hatte einen Auftrag abgelehnt, für den der Preis bereits festgesetzt und bezahlt worden war. Ihre Sippe hatte nach einem mehr als schlechten Jahr nur mehr zwei fähige Pfadfinder gehabt. Sie selbst und Ghia.
Ghia war zu alt gewesen, um mit den Boten Schritt halten zu können, die Fürstin Alathaia im Hochsommer dieses verfluchten Jahres zu ihnen geschickt hatte.
Unheimliche Gestalten waren das gewesen. In schattenhaftes Grau gekleidet, die Gesichter unter weiten Kapuzenmänteln verborgen. Sie hatten plötzlich mitten im Lager gestanden. Keiner hatte sie kommen gesehen, eben so wenig, wie sich jemand später daran erinnert hatte, auf welche Weise sie das Lager wieder verlassen hatten. Als hätte sie die drückend heiße Mittagshitze über der Steppe am Ufer des Mika ausgespuckt und einfach wieder verschlungen. Niemals zuvor und seitdem niemals wieder hatte sie vor irgendetwas oder irgendjemandem derartige Angst gehabt. Und sie hatte mit untrüglicher Sicherheit gewusst, dass es den Untergang bedeutete, sich mit diesen Elfen einzulassen.
Nika hatte damals nicht begriffen, warum sich Alathaia ausgerechnet ihre Sippe als Pfadfinder ausgesucht hatte. Die Trockenheit des letzten Sommers und der darauffolgende strenge Winter hatte sie zwei Hornschildechsen gekostet und das Frühjahrsfieber hatte viele der Alten und Schwachen dahingerafft. Zu Beginn des Sommers war nur mehr etwas mehr als die Hälfte des Stammes noch am Leben gewesen. Auch ihre Schwester war dem Fieber zum Opfer gefallen, sie selbst hatte es genau wie alle anderen ausgemergelt und halb verhungert zurückgelassen.
Sie waren alles andere als berühmt oder angesehen gewesen. Kein Wunder, dass ihr Clan, allen voran Ghia, restlos begeistert gewesen war, einen Auftrag für eine so bedeutende Persönlichkeit wie die Fürstin von Langollion übernehmen zu dürfen. Das brachte Prestige – und Gold. Gold, das sie dringend gebraucht hätten, um die Verluste des vergangenen Jahres auszugleichen. Und dennoch hatte sie ihrem Instinkt vertraut und sich geweigert, Alathaias Diener über die Albenpfade zu führen. Eine Entscheidung, die sie ihrer Familie entfremdet und sie schließlich ins Exil gezwungen hatte.
Erst sehr viel später hatte sie Alathaias Wahl verstanden. Galenor war es gewesen, der ihr von den Gerüchten erzählt hatte. Des Clan, der an ihrer statt Alathaias Jäger ins Verbrannte Land geführt hatte, war kurz vor dem Winter, in dem es sie nach Ithilia verschlagen hatte, nicht mehr aufgetaucht. Ebenso klein und unbedeutend wie ihr eigener, war sein Verschwinden erst bemerkt worden, als sich die anderen Sippen in ihren Winterquartieren weiter im Süden gesammelt hatten und der angestammte Platz der kleinen Gruppe leer geblieben war. Es hieß, sie wären zu spät aufgebrochen und hätten nicht ausreichend Vorräte angelegt, dass sie sich in einem verfrühten Schneesturm verirrt hätten oder auch einem Haufen plündernder Trolle zum Opfer gefallen waren. Plausible Erklärungen für das plötzliche Verschwinden einer kleinen und unbedeutenden Lutinsippe.
Doch Nika wusste es besser.
Es musste eine ganz außerordentlich wertvolle Beute gewesen sein, der die Häscher der unheimlichen Fürstin dieser verfluchten Insel nachgestellt hatten. So wertvoll, das niemand jemals erfahren sollte, worum es sich gehandelt hatte oder auch nur wo sie danach gesucht hatten.
Sie hatte ihren Clan mit ihrer Sturheit und ihrem Beharren auf dem unbestimmten Gefühl von drohendem Unheil vor dem Untergang gerettet. Und auch wenn der Preis dafür hoch gewesen war, Nika bereute es nicht.
Sie blickte hinunter auf den Hof. Wie konnte sie Vaheris einen Narren nennen? Nur weil er sich ebenso wie sie dafür entschieden hatte, die Seinen zu retten? Eine einsame Entscheidung, die ihn vermutlich sein Leben kosten würde. Doch sie konnte ihn verstehen. Lieber sterben, als für den Tod seiner Freunde und Verwandten verantwortlich zu sein!
Nika kniff die Augen zusammen, um in dem hellen Mondlicht, das der Welt ihre Farben raubte und nichts als Schattierungen von Silber und schwarz zurückließ, das Gesicht des jungen Mannes erkennen zu können, der einige Fuß unter ihr gerade aufsaß. Amandils Stute trug einen prächtigen silberbestickten Sattel und den dazugehörigen Zaum. Nika kannte beides und obwohl sie es aus dieser Entfernung nicht erkennen konnte, wusste sie, dass das weiß gefärbte Leder mit Nieten aus ziseliertem Silber beschlagen war, die einen Pegasus zeigten. Die Lutin dachte an Amandils Gesicht, wenn er erfuhr, dass Vaheris nicht nur seine kostbare Stute mitgenommen hatte, sondern auch das Sattelzeug, das Galenor seinem Sohn geschenkt hatte, bevor er ihn das erste Mal mit an den Fürstenhof genommen hatte. Ein hämisches Grinsen schlich sich in ihr Gesicht.
Der Junge hatte wirklich ein Gefühl dafür, wie man einen großen Auftritt hinlegte! Wie er da kerzengerade und selbstsicher auf dem Rücken der nervös tänzelnden Stute saß, in Waffenrock und Umhang seines Vaters gekleidet, eine Hand fest um die Zügel geschlossen, wirkte er auf Nika zum ersten Mal wie der Fürstensohn, der er war.
In diesem Moment sah er kurz zu ihr hoch, das Gesicht eine Maske aus trotziger Entschlossenheit und verbissenem Mut. Und einen kurzen Moment lang gab sie sich der Hoffnung hin, dass sein Vorhaben doch nicht so aussichtslos sein könnte, wie sie gedacht hatte. Die Lutin hob die Hand zum Abschied.
„Viel Glück, junger Prinz“, murmelte sie und sah zu, wie er die Stute wendete.
Nika legte nachdenklich den Kopf schief. Sie hatte nichts versprochen. Ihr standen alle Möglichkeiten offen. Während das große, graue Pferd den Weg hinunter zum Tor trabte und dann in leichten Galopp fiel, traf auch Nika eine einsame Entscheidung.

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Fr 11. Apr 2014, 08:39

Hallo meine Lieben!

Über ein Jahr ist vergangen, seit ich das letzte Kapitel geschrieben habe. :oops: Es war keine leichte Zeit, in der mich meine Muse phasenweise völlig im Stich gelassen hat. Aber gestern hat sie mich wieder gefunden. Ich hoffe, dass ich mit meiner langen Abwesenheit nicht alle Leser verloren habe und der eine oder andere vielleicht doch noch Lust hat, die Geschichte mit mir zum Ende zu bringen :) .

Viel Spaß beim Lesen
Eure Abiane

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„Du verdammte Närrin! Was hast du dir bloß dabei gedacht?“ Abiane stoppte ihre Schimpftirade nur für die kurze Zeitspanne, die sie brauchte, um die Schnürung ihrer linken Armschiene mit den Zähnen festzuziehen. Das blaue Leder war lange nicht mehr benutzt worden und deshalb etwas steif geworden. Doch kam ihr das gerade recht! Die Elfe war außer sich vor Wut.
„Mich erst zu wecken, als er schon meilenweit von hier fort war! Welcher Dämon ist in dich gefahren, dass du Evan… Vaheris einfach in seinen sicheren Tod reiten lässt? Gib mir den Schwertgurt, und zwar rasch!“ verlangte sie ungeduldig und gab Nika einen derben Stoß in Richtung der offenen Truhe am Bettende. Mit blitzenden Augen verfolgte Abiane jede Bewegung ihrer kleinen Freundin, während sie die zweite Armschiene anlegte und das noch vom Schlaf verworrene Haar aus der Stirn schüttelte.
„Abiane, versteh doch! Er musste das tun! Er wollte…“ verteidigte sich Nika, doch die Elfenkriegerin fiel ihr barsch ins Wort: „Es ist mir egal, was er wollte! Dieser sture Dummkopf wird sich noch…“
„Egal?!“ Nika fuhr herum und baute sich vor der zornigen Elfe auf. “Es kümmert dich also nicht, was der Junge will, wie? Du verfügst über ihn, als würde er dir gehören!“
„Das ist nicht wahr! Er ist nur zu unerfahren, um…“
„Und woher willst ausgerechnet du das verdammt noch mal wissen?“, fauchte Nika und bleckte ihre spitzen Eckzähne. „Du kennst ihn doch auch kaum länger als ich! „Du kennst ihn doch auch kaum länger als ich! Ach, ihr Elfen seid immer so verdammt arrogant in eurem Glauben, ihr wüsstest alles besser und alle Welt müsste sich nach euren Maßstäben richten!“
„Es geht hier nicht um meine Maßstäbe, Nika!“
„Ach nein? Worum dann?“
„Es geht um Evans Leben, verdammt! Und dass er es jetzt nicht opfern darf!“
„Sagt wer?“
„Ich…“ Abiane hätte sich ohrfeigen können.
Nika grinste triumphierend. „Siehst du, ich hatte Recht. Merke dir eines Abiane: nicht immer ist deine Sichtweise die richtige und manchmal kann ein veränderter Maßstab die Dinge ins rechte Licht rücken. Das solltet ihr altklugen Elfen euch endlich mal hinter die Ohren schreiben!“
Die Elfe war verblüfft, solche weisen Worte aus dem Mund einer Lutin zu hören. Lutin waren berühmt für ihre charmante Art, die Wahrheit zu verdrehen und Nika bestimmt nicht die Schlechteste in dieser Disziplin. Aber dass sie sie so ausmanövriert hatte, entfachte Abiane Zorn noch mehr.
Ihr Elfen? Wirf mich nicht in einen Topf mit Rakhal und seiner Brut von Verrätern und Mördern! Ich habe dich auch nicht nach dem Ruf deiner Sippe beurteilt, als du halb tot hier aufgetaucht bist“, konterte Abiane. Nika versuchte Evans Opfergang zu einer heldenhaften Tat zu machen, aber das war es nicht, das wusste die Elfe. Es konnte das Ende von allem bedeuten, wenn der beseelte Baum Recht behielt.
„Verstehst du es denn nicht, Abiane?“ Nikas Stimme war die Verzweiflung über den Starrsinn ihrer Elfenfreundin deutlich anzuhören. Auch ihr schien die Richtung, in die sich ihr Streit entwickelte nicht zu gefallen. Die Lutin griff nach dem Arm der Elfe, doch Abiane entzog sich ihr mit einer unwirschen Bewegung. Doch, sie verstand nur zu gut, was Evan dazu getrieben hatte, sie zu hintergehen. Aber auch wenn seine Liebe zu Tiara ein verständliches Motiv war, konnte sie ihn nicht gewähren lassen. Die Elfe schüttelte bei diesem Gedanken leicht den Kopf - eine Geste, die Nika völlig missverstand:
„Er will, dass du lebst, dass wir alle leben, selbst um den Preis seines eigenen Todes. Evan tut das, was jedes beseelte Wesen für seine Herde, seine Familie, seine gesamte Art tun würde: er opfert sich selbst, um seine Liebsten zu schützen. Ist das in deinen Augen falsch?“, fragte die Lutin, doch Abiane verschloss ihr Herz vor der tiefen Wahrheit, die in diesen Worten lag. Zu tief saß der Schmerz, den ihr die Erinnerung an Floralys immer noch bereitete. Mit geballten Fäusten, die Augen über den drängenden Tränen fest geschlossen, kämpfte sie um ihre Fassung.
„Rede mir nicht von Opfern, Nika! Du hast nicht die geringste Ahnung, welche Dämonen du damit wachrufst“, stieß die Elfe zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Ha, das ist typisch für euch Elfen! Wenn ihr nichts mehr zu antworten wisst, dann erklärt ihr einfach alle anderen für zu dämlich, um eure verqueren Ansichten zu verstehen!“ gab die Lutin zurück. Sie dachte offensichtlich nicht daran nachzugeben.
„Evan ist ebenso sehr ein Elf wie ich selbst, Nika. Und doch hast du ihm vertraut. Warum nicht mir?“, entgegnete Abiane, obwohl sie wusste, wie erbärmlich es war, ihre Freundschaft auf diese Weise auszunutzen.
„Und ich dachte, du wärst anders…“ flüsterte Nika mit erstickter Stimme. Dann wandte sie sich um und zog Abianes Schwertgurt aus der Truhe. Wortlos hielt sie der Elfe die Waffe entgegen. Ihre schwarzen Augen glänzten traurig im goldenen Licht der Öllampen draußen auf der Galerie.
Mit steifen Bewegungen nahm ihr Abiane das Wehrgehänge aus der Hand, legte es sich um Hüfte und schloss die Gürtelschnalle. Was gesagt war, war gesagt, sie konnte es nicht mehr zurücknehmen. Und ebenso wenig konnte sie die Wahrheit in Nikas Worten leugnen… Entschlossen griff sie nach ihrem Umhang und dem langen Köcher, in dem ihr Jagdbogen steckte. Dann wandte sie sich zur Tür, wo Galenors Stallmeister bereits auf sie wartete.
„Finrael! Die drei besten Pferde aus deinem Stall! Rasch!“ Der junge Elf nickte knapp und eilte die Treppe hinunter.
Ehe Abiane ihm folgte, drehte sie sich nochmals zu Nika um. Hochaufgerichtet, die schwarz glänzende Schnauze trotzig emporgereckt, stand sie keine zwei Schritt entfernt inmitten hastig abgestreifter Kleider, zerwühlter Decken und der verstreuten Habseligkeiten ihrer Elfenfreundin. Und dennoch hatte ihr Streit einen Abgrund zwischen ihnen aufgetan und einen Schatten auf ihre Freundschaft geworfen. War es Eifersucht? Neid? Ihr eigenes Unvermögen, sich in andere einzufühlen? Abiane wusste es nicht. Nur eines war ihr klar: wenn sie jetzt ohne ein versöhnliches Wort ging, würde sie und Nika niemals wieder zu dem gegenseitigen Vertrauen zurückfinden, das sie bisher mit einander verbunden hatte.
„Abiane! Die Pferde warten!“ Die Ungeduld in Amandils Stimme war nicht zu überhören. Auch wenn seine Motive für die Jagd nach Evan sich nicht mit ihren eigenen deckten, waren sie stark genug, dass Abiane seine Hilfe willkommen hieß. Mit vereinten Kräften würden sie Amberlees Sohn überwältigen und in die Sicherheit von Galenors Haus zurückbringen. Doch zuvor mussten sie ihn finden und einholen. Sie brauchten… Flügel.
„Einen Augenblick, Amandil! Ich…“ Sie trat auf Nika zu und ließ sich vor ihr auf ein Knie sinken. Nun konnten die Schatten im Zimmer die Tränen nicht mehr verbergen, die sich in Nikas Augenwinkel gesammelt hatten.
Die Elfe legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. „Oh Nika! Du verstehst es wirklich nicht, oder? Ich glaube dir, dass Evan für sein Handeln gute Gründe hatte. Aber es ist völlig ohne Belang, was er mit dieser Dummheit bezweckt hat und ob seine Motive ebenso ehrenhaft sind wie deine es damals waren. Du hast damals richtig gehandelt, als du dein Heim dem Wohl deiner Herde geopfert hast. Mit deiner Tat hast du deine Familie davor bewahrt, durch die dunklen Pläne einer Elfe vernichtet zu werden. Dein Opfer konnte etwas bewirken. Doch das von Evan wird umsonst sein, Nika! Ich weiß nicht, was Rakhal ihm versprochen hat, doch eines steht fest: Idris‘ Bruder ist kein ehrenhafter Mann. Frag dich selbst: wird er sein Wort halten und uns verschonen, wenn er erst den rechtmäßigen Erben seines gestohlenen Titels aus dem Weg geräumt hat? Er, der einen Eidbrecher zu seinem Ersten Ratgeber gemacht hat?“
Der Trotz in Nika Antlitz wich dem Zweifel. Unsicher trat sie von einem Fuß auf den anderen.
Abiane griff unter Nikas Schnauze und hob sie an, bis ihr die kleine Lutin in die Augen sah.
„Evans Tod wird nichts ändern, außer dass uns die einzige Chance genommen ist, das Licht auf diese Insel zurückzubringen. Hilf mir, kleine Freundin. Bitte hilf mir, Evan vor einem sinnlosen Tod zu bewahren. Evan – nicht Vaheris.“

Einige Augenblicke später schwang sich Abiane in den Sattel der Fuchsstute, die Finrael für sie am Zügel hielt. Ein Köcher mit frischen Pfeilen hing am Sattelhorn und eine umsichtige Hand hatte auch Proviant und Decken hinter ihren Sätteln festgezurrt. Wer konnte wissen, wie lange sie fort sein würden und was sie auf ihrem Weg erwartete… Sie warf dem Stallmeister einen dankbaren Blick zu, den dieser mit einem Lächeln und einem kurzen Nicken erwiderte. Neben ihr saß ihr Vetter bereits auf einem schlanken Fuchshengst, dem man seine Qualitäten als ausdauernder Läufer ansehen konnte. Das Tier schien den Unwillen seines Reiters zu spüren und tänzelte nervös auf der Stelle. Beide Pferde waren herrliche Tiere, wie sie sie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr geritten hatte, aber Amandil starrte schweigend vor sich hin und trug eine Miene zur Schau, als hätte der Stallmeister ihm ein Maultier gesattelt. Abiane konnte es ihm nicht verdenken, hatte Evan doch sein Lieblingspferd für seine Flucht gewählt. Dem Vergleich mit der grauen Stute hielten wohl in ganz Albenmark nur wenige Pferde stand. Der Verlust seines nach eigenen Worten wertvollsten Besitzes schien seinen Stolz tief getroffen zu haben.
Die Elfe nahm die Zügel auf und sah sich um. Sie hatte Finrael mit Bedacht um drei seiner Tiere gebeten.
„Wo ist Galenor?“, wunderte sie sich und blickte zu ihrem Vetter. Der zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Ich habe ihm Bescheid gegeben, ganz wie du es verlangt hast, Abiane. Eigentlich müsste er…“
„Vater wird nicht kommen!“
Beide Elfen fuhren überrascht herum. Aus der Dunkelheit traten Anwyn und Tiara, jede ein eigenes Reittier am Zügel und für eine Reise gewandet.
„Was soll das bedeuten?“, fragte Abiane in scharfem Tonfall und warf Finrael einen vernichtenden Blick zu. „Ich hatte dir aufgetragen, drei Pferde zu satteln! Es war nie die Rede von vier!“
„Es ist nicht seine Schuld, Abiane.“ Anwyn hatte das Wort ergriffen und sah ihrer Base fest in die Augen. „Ich war es, die deine Anweisungen ein wenig abgeändert hat. Vater wird uns nicht begleiten. Ihn bindet kein Eid und die Furcht vor einer erneuten Begegnung mit Rakhals Zauberkünsten sitzt zu tief in ihm. Es ist sein Stolz, der es ihm verbietet, dir das vor aller Augen einzugestehen. Du wirst dich mit den Diensten einer waffenkundigen Heilerin begnügen müssen.“ Abianes Base legte die Hand auf einen der beiden langen Dolche, die an ihrem Gürtel hingen. Aus Erfahrung wusste die Kriegerin, was solche Waffen in den richtigen Händen anzurichten vermochten. Doch waren die zarten Hände der Heilerin die richtigen?
„Hübsche Schmuckstücke, Anwyn. Doch kannst du damit auch umgehen?“
Allenfalls ein verärgertes Aufblitzen in Anwyns Augen hätte Abiane warnen können, und selbst dann wäre sie dem blitzschnellen Angriff der Heilerin vermutlich kaum besser gewachsen gewesen. Mit einer einzigen fließenden Bewegung zog sie die gebogenen Klingen aus den Scheiden und war binnen eines Lidschlags neben der Fuchsstute, die erschrocken wieherte. Anwyns linke Hand zuckte nach vorn, um Abianes hastig aus der Scheide gerissenes Schwert zur Seite zu schlagen, die rechte stieß den zweiten Dolch in die entstandene Lücke. Nur einen Fingerbreit über dem Herzen der blieb der Stahl in der Luft schweben.
„Bist du nun überzeugt?“, fragte Anwyn spitz und ließ die Klingen in ihre Scheiden zurückgleiten. Dann wandte sie sich ohne eine Antwort abzuwarten um und schwang sich in den Sattel ihrer Stute. Das Ganze hatte weniger als einige Herzschläge gedauert.
„Wo hast du so zu kämpfen gelernt?“, flüsterte Abiane immer noch überrascht, während sie versuchte, ihr verschrecktes Pferd wieder zu beruhigen.
„Vater hat es mir beigebracht. Er war der Meinung, dass in diesen Zeiten nicht einmal Heiler darum hinkommen würden, eher Wunden zu schlagen als sie zu schließen.“ Anwyn wendete ihr Pferd und brachte es neben ihre Base. „Und ich denke, dass er recht hat. Seit Rakhal die Macht übernommen hat, schmilzt das Vertrauen zwischen den Lords wie Schnee in der Sommersonne. Im Schatten des Thronräubers gedeihen Intrige und Verrat wie Unkraut, kaum einer ist wirklich das, was er vorgibt zu sein. Du kannst niemandem außerhalb dieser Mauern mehr trauen, Abiane! Wir haben nur noch uns und deshalb komme ich mit dir und Tiara ebenfalls. In unserer Mitte ist sie sicherer als selbst hier in Ard Galen.“
„Gut, dann ist es also beschlossen“, gab Abiane zerknirscht zu, auch wenn es ihr nicht gefiel, die Menschentochter auf ihre Suche mitzunehmen. In diesem Augenblick ertönte der herausfordernde Schrei eines herabstoßenden Raubvogels. Abiane blickte nach oben und sah im hellen Mondlicht einen dunklen Schatten auf schmalen Schwingen über ihren Kopf hinweg Richtung Hochebene davon jagen. Abiane seufzte erleichtert auf. Sie zog die Stute mit einer Hand herum und galoppierte dicht gefolgt von Anwyn und Tiara den Weg zum Tor hinab. Einzig Amandil starrte immer noch mit finsterer Miene auf den Stall, in dem ihn eine leere Box und ein fehlender Sattel daran erinnerten, warum er Vaheris in die Finger bekommen wollte. „Amandil!“, rief Abiane ihrem Vetter zu, „Vertrödle deine Zeit nicht mit Grübelei! Vaheris hat etliche Meilen Vorsprung und dein bestes Pferd.“
„Erinnere du mich nicht daran!“, fauchte Amandil und gab seinem Braunen grob die Fersen. Das Pferd machte einen erschrockenen Satz vorwärts und nahm Abianes Tempo mühelos auf. Keiner außer dem Hengst hörte die zornigen Worte, die der junge Adelige noch vor sich hin murmelte: „Ich wünschte ich würde mich nicht selbst ständig daran erinnern, dass er meinen kostbarsten Besitz mitgehen hat lassen! Falls du das überlebst, Vaheris, dann schwöre ich dir, das du diesen Diebstahl bitter bereuen wirst!“
Dann folgten sie dem Falken mit fliegenden Hufen hinaus in die weite Graslandschaft, die unter dem vollen Mond silbrig schimmernd vor ihnen lag.

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