Eine Elfengeschichte

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Abiane
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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Mi 18. Apr 2012, 20:17

Die Sonne stand nur mehr einige Handbreit über dem westlichen Horizont und das letzte Licht des Tages färbte den Himmel in allen Schattierungen von hellem Blau über zartes Rosa und Violett bis hin zu kräftigem Orangerot. Dazwischen hingen einzelne ausgefranste Wolkenfetzen wie die Pinselstriche eines gigantischen Malers am Firmament.
Doch für dieses wunderschöne Schauspiel hatte der einzelne, zierliche Raubvogel nichts übrig, der sich als schwarze Silhouette vom Himmel abhob, als er sich von den letzten Säulen aufsteigender, warmer Luft in langsamen Spiralen in die Höhe tragen ließ. Einem aufmerksamen Beobachter wäre vielleicht aufgefallen, dass es sich um einen Steppenfalken handelte. Einen Vogel, den es hier auf der Insel gar nicht geben dürfte. Seine Heimat waren die weiten Steppen des Windlands im Norden Albenmarks, wo er ein häufig anzutreffender Vertreter seiner Art war. Doch in der menschenleeren Gegend auf dem Hochplateau im Osten Ithilias störte sich niemand an seiner Gegenwart.

Nika breitete ihre Schwingen weit aus und genoss das Gefühl, als die warme Luftströmung ihren Körper mit sich in die Höhe trug. Das war entschieden angenehmer, als die ganze Zeit mit den Flügeln schlagen zu müssen!
Seit beinahe einer Stunde hatte sie unermüdlich die weite Grasebene abgesucht und dabei aus einem unbestimmten Gefühl der Dringlichkeit heraus die Thermik ignoriert, um auch wirklich keinen Flecken Land auszulassen und nichts zu übersehen. Diese Art der Fortbewegung war für einen Falken sehr kräftezehrend und nun waren ihre Kräfte erschöpft. Sie hatte keine andere Wahl: wenn sie weiter in der Luft bleiben wollte, musste sie sich ab jetzt nach den Aufwinden richten.
Sie schloss kurz die Augen und gab sich dem Gefühl der Schwerelosigkeit hin, während sie in weiten Spiralen immer höher stieg. Ihre Flugmuskulatur schmerzte. Sie war in den Jahren unter Galenors Schutz aus der Übung gekommen, dachte sie und bereute ihren Hang zur Bequemlichkeit.
Trotzdem hatte sie Abiane ihre Bitte nicht abschlagen können.
Die letzten Sonnenstrahlen wärmten Nikas Gefieder und riefen die Erinnerung an warme, freundliche Hände wach, die über ihr Fell streichelten. Damals, als sie völlig erschöpft durch den Albenstern mehr gefallen als gegangen war. Ausgelaugt von der langen und entbehrungsreichen Flucht vor ihrem eigenen Volk.
Abianes besorgtes Gesicht, war das erste, was die Lutin von der sagenhaften Insel im südlichen Meer gesehen hatte. Die Kriegerin hatte sie mitgenommen und dafür gesorgt, dass sie bei Galenor ein Heim und ein Auskommen fand. Mit der Zeit war sie sogar zu einer Freundin geworden, etwas, dessen sich nicht viele Lutin rühmen durften – die Freundschaft einer Elfe zu besitzen!
Sie war es ihr schuldig, ihr zu helfen, so wie sie damals einer verlorenen Seele geholfen hatte, wieder zu sich selbst zu finden .

Nika blinzelte in die Sonne, die mittlerweile den Horizont berührte.
Sie musste sich beeilen.
Nicht mehr lange, dann würde es stockdunkel sein. Die Nacht kam schnell und ohne Übergang hier. Auch daran hatte sie sich erst einmal gewöhnen müssen und war mehr als einmal in absoluter Finsternis durch den Garten gestolpert, weil sie die Zeit falsch eingeschätzt hatte.
Sie spreizte die Federn, um den Aufwind bestmöglich zu nutzen und ihren Steigflug zu beschleunigen.
Als sie eine Höhe erreicht hatte, in der ihre scharfen Augen gerade noch Einzelheiten am Boden auszumachen vermochten, klinkte sie sich aus der warmen Luftströmung aus und setzte ihre Suche fort.
Mittlerweile hatte sie mehr als die Hälfte der Distanz zur alten Festung zurückgelegt und unter ihr erstreckte sich eine locker mit kleineren Büschen bewachsene Grasfläche. Doch von dem grauen Pferd und seinem Reiter fehlte weiterhin jede Spur.
Sie verfluchte diesen sturen Elfenprinzen und sein aufbrausendes Temperament! Abiane hatte ihr erzählt, warum er einfach fortgeritten war. Ihre alte Freundin hatte sich schwere Vorwürfe gemacht, dass sie ihn nicht aufgehalten hatte, und als er dann über vier Stunden verschwunden geblieben war, hatte sie Nika damit beauftragt, ihn zu suchen.
Ausgerechnet sie! Ihr erstes Zusammentreffen mit Vaheris war unter keinem guten Stern gestanden und sie bezweifelte, dass er mit ihr kommen würde, wenn sie ihn denn tatsächlich finden sollte. Doch Abiane hatte davon nichts hören wollen.
Und um der alten Freundschaft willen war Nika schließlich aufgebrochen. Sie hatte jeden Quadratzoll Boden von hier bis zu Galenors Landsitz abgesucht, und war dennoch bis jetzt erfolglos geblieben. Wenn sie ihn nicht bald entdeckte oder wenn dieser Irre womöglich in die Wälder unterhalb der Ruine geritten war, dann wären ihre Chancen, Vaheris noch zu finden, gleich null.

Doch plötzlich meinte sie unter sich einen Lichtreflex und eine schwache Bewegung auszumachen. Die Lutin ließ sich in engen Spiralen tiefer gleiten und beobachtete die Stelle, die vorhin ihr aufgefallen war. Ihre scharfen Augen hefteten sich auf den Boden unter ihr, die beinahe weiße Iris wurde von der weit geöffneten Pupille beinahe vollständig verdrängt.
Da! In einer flachen Bodensenke drückte sich ein junges Kaninchen furchtsam in das flache Gras.
Nika wollte enttäuscht abdrehen, doch da erwachte der Raubtierinstinkt in ihr. Jener Instinkt, den die Falkengestalt mit sich brachte und den sie noch nie zu beherrschen vermocht hatte. In langsamen Kreisen ging sie noch tiefer.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als sie direkt über ihrem Opfer wild mit dem Flügeln schlagend kurz in der Luft stehen blieb. Gleich war es soweit, sie hatte beinahe die optimale Angriffsposition erreicht! Nur noch ein paar Sekunden… Mit einem wilden Schrei stürzte sich Nika in die Tiefe.
Ihre Schwingen lagen eng an ihrem Körper, während sie mit atemberaubender Geschwindigkeit dem Erdboden entgegen schoss. Das Jagdfieber löschte alles andere aus, sie war voll und ganz Raubtier.
In letzter Sekunde entschloss sich das Kaninchen zur Flucht. Blitzartig sprang es auf und versuchte, den scharfen Fängen des Falken mit schnellen Hakenschlägen zu entkommen. Doch darauf war Nika vorbereitet. Es war eine wilde Verfolgungsjagd, die der Lutin all ihre Kunstfertigkeit in ihrem Falkenkörper abverlangte. Mehr als einmal drohte sie in einer allzu engen Wendung abzustürzen, doch jedes Mal fing sie sich wieder. Sie flog so knapp über dem Boden, dass ihre Flügelspitzen bei jedem Schlag das Gras streiften.
Doch dann machte das junge Tier einen Fehler und sprang in die falsche Richtung – direkt unter ihre messerscharfen Fänge!
Nika krallte sich in den Rücken des Kaninchens und brach ihm mit einem gezielten Biss das Genick. Die Lutin grinste in sich hinein. Das war der Unterschied zu einem normalen Steppenfalken, der einfach abgewartet hätte, bis sein Opfer an den Verletzungen durch die langen Krallen verblutet wäre – sie besaß ein Vielfaches an Intelligenz!
Gierig hackte sie mit dem Schnabel in den weichen Bauch und brach ihre Beute auf. Das warme, rohe Fleisch hätte ihr in ihrer wahren Gestalt Brechreiz verursacht, doch als Falke genoss sie es sogar. Das war schon immer ihre Schwäche gewesen: dass sie die Instinkte des Tieres, in das sie sich verwandelte, nicht richtig beherrschen konnte. Sie erinnerte sich noch gut an die Schelte und die Schläge, die sie von ihrer ersten Lehrerin hatte einstecken müssen, weil sie eines der Hühner geschlagen hatte, die von ihrem Clan als Handelsware für den nächsten Markt mitgeführt worden waren. Damals war sie noch ein unwissendes Kind gewesen. Heute war sie eine ausgezeichnete Pfadfinderin und gute Magierin, und dennoch eine Ausgestoßene, die in Galenors Haus eine neue Familie gefunden hatte. Sie konnte stolz auf sich sein, sie…
Plötzlich senkte sich die Dunkelheit der Nacht über den Falken und seine Beute. Verflucht! Sie hatte gewusst, wie schnell hier die Nacht hereinbrach, und dennoch hatte sie sich hinreißen lassen, die wenige Zeit, die es noch hell gewesen war, mit Jagen zu vertrödeln!
Sie musste schnell aufbrechen, wenn sie noch etwas erreichen wollte!
Mit einem letzten, bedauernden Blick auf das halb verspeiste Kaninchen wollte sie sich in die Luft schwingen – und wäre beinahe unter den Hufen eines Pferdes zermalmt worden, das im selben Moment über sie hinwegsetzte.
Nika ließ sich im letzten Moment fallen und presste sich an den Boden. Sie spürte den Lufthauch, als einer der Hufe sie nur um Millimeter verfehlte. Was zum Teufel…? Die Lutin blickte auf und erstarrte: das weiße Langhaar, der grau gesprenkelte Körper - das musste Amandils Stute sein! Und dann war das da auf ihrem Rücken…

Alle Müdigkeit fiel von der verwandelten Koboldin ab. Sie musste vor ihm bei Abiane ankommen, sonst würde sie sich zum Narren machen! Mit einem wütenden Kreischen erhob sie sich in die Luft und folgte der Stute, so schnell sie es vermochte. Doch es erwies sich als nicht ganz so leichte Aufgabe, den grauen Schemen einzuholen, der unter ihr über die Hochebene jagte.
Verfluchte Elfenpferde! Sie liefen schnell wie der Wind, ihre Hufe berührten den Boden dabei kaum und hinterließen auf dem trockenen Boden keine Spuren. Ganz so als wären sie nicht halb so groß und schwer wie sie tatsächlich waren! Das musste auch der Grund dafür sein, dass sie nichts gehört hatte. Den Gedanken, dass sie von ihrer Beute zu sehr abgelenkt gewesen sein könnte, erstickte sie im Keim und schob ihn in den hintersten Winkel ihres Verstands. So etwas passierte ihr nicht! Sie war eine Lutin und eine der besten Pfadfinderinnen ihres Volkes – und sie würde Abiane nicht enttäuschen!

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Mo 23. Apr 2012, 20:29

Der schrille Schrei des Falken war viel zu weit entfernt erklungen, als dass er die Kriegerin hätte erreichen können, die im Salon des großen grauen Wohnhauses von Galenors Familie unruhig auf und ab lief.
Abiane schritt nun schon seit über einer Stunde schweigend und mit verschränkten Armen durch den Raum. Seit sie Nika losgeschickt hatte. Ihre Stiefel verursachten auf den weichen Teppichen, mit denen das geräumige Zimmer ausgelegt war, ein leises aber stetiges Geräusch und mittlerweile konnte man rund um den großen Tisch einen regelrechten Trampelpfad erkennen.
Immer wieder blickte sie zu den anderen Anwesenden, wobei ihre Miene dabei zwischen tiefer Besorgnis und grimmigem Vorwurf wechselte. Keiner sprach ein Wort, alle warteten in gespannter Stille auf Nikas Rückkehr.
Plötzlich meldete sich Amandil gereizt zu Wort: „Hättest du die Güte, dich endlich hinzusetzen, Abiane! Dieses Schaben und Kratzen deiner Stiefel geht mir auf die Nerven!“
Abiane blieb neben Tiara stehen, die immer noch schluchzend in Anwyns Armen auf einem großen Diwan lag, und warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
„Halt den Mund Amandil, oder ich vergesse mich!“, erwiderte sie ungehalten. Er hatte mit seiner mangelnden Selbstbeherrschung schon genug Unheil angerichtet und sie verspürte nicht die geringste Lust, sich jetzt auch noch mit ihm zu abzugeben.
„Ach, das würde ich nur zu gern sehen, werte Base! Ich warte sogar schon seit eurer Ankunft darauf! Schließlich hast du dich jetzt schon über zwei Wochen mit diesem ungeschickten und ungehobelten Barbaren abgegeben. Das müsste ja sogar dir irgendwann zu viel werden!“
Ihr Vetter lehnte lässig an der Wand neben der Tür und sah sie herausfordernd an. Doch Abiane ließ sich von ihm nicht einschüchtern. Sie hörte, wie Anwyn scharf die Luft einsog und spürte, wie sich die Magierin spannte, um einzugreifen.
Nein, Anwyn. Diesmal ist er zu weit gegangen, dachte sie und ließ ihrem Zorn freien Lauf: ansatzlos sprang sie nach vorn. Mit zwei schnellen Schritten überbrückte sie die Distanz zwischen sich und Amandil und zog mit einer fließenden Bewegung ihren Dolch.
Ehe Amandil auch nur ansatzweise reagieren konnte, rammte sie ihm den Ellbogen mit voller Wucht in die Brust und riss ihn dann nach oben. Ihr Arm traf ihn krachend am Kinn, der Kopf schlug gegen die Wand hinter ihm. Benommen sackte Amandil in sich zusammen.
Abiane fing ihn mit einem bösen Lächeln auf und drückte ihn mit einer Hand gegen die Wand, die andere setzte den Dolch an seine Kehle.
„Welchen Teil von Halt den Mund hast du nicht verstanden, Amandil?“, zischte sie atemlos und drückte den scharfen Stahl fester an seinen Hals. Der junge Elf keuchte erschrocken auf und starrte sie aus angstgeweiteten Augen an.
„Hör auf Abiane!“, verlangte Anwyn. „Es ist nicht seine Schuld, dass der Prinz jetzt alleine da draußen ist.“
Nicht seine Schuld? Abiane meinte sich verhört zu haben! Sie versetzte ihrem Opfer einen groben Stoß, trat einen Schritt zurück und atmete tief durch, während sie Anwyns Worte zu erfassen versuchte. Wessen Schuld sollte es sonst gewesen sein? Sie beschloss, den Einwand ihrer Base zu ignorieren und wandte sich Amandil zu, der immer noch bleich und atemlos an der Wand lehnte. Er ließ den blanken Dolch in ihrer Hand nicht aus den Augen.
„Sag mir Amandil: womit hast du gedacht, als du dich an seine Gefährtin herangemacht hast? Sicher nicht mit deinem Kopf!“, meinte sie abfällig und fügte dann gefährlich leise hinzu: „Weißt du noch? Ich hatte dich gewarnt, die Finger von ihr zu lassen, jetzt wirst du die Konsequenzen tragen müssen.“
Anwyns Bruder erbleichte und legte seine Hände unwillkürlich schützend um seine Leibesmitte, als Abiane langsam an ihn herantrat.
„Verzeih, wenn ich dich beleidigt habe, Abiane. Bitte…“, stieß er mühsam hervor und versuchte, vor der Klinge zurückzuweichen, doch er hatte keinen Fluchtweg mehr.
„Ich will es für dieses Mal gut sein lassen, Amandil. Aber wenn Vaheris etwas zugestoßen ist, werde ich dich zur Rechenschaft ziehen, verlass dich darauf!“, zischte sie warnend, sah ihm direkt in die Augen und senkte langsam den Dolch, bis die Spitze leicht seine Lenden berührte. In Amandils Augen stand das blanke Entsetzen, während er im Gesicht seiner Base nach einem Anzeichen dafür suchte, dass sie nur einen Scherz gemacht hatte – doch da war nichts. Sie meinte es tatsächlich ernst!
„Lass ihn in Ruhe! Was sollte Vaheris denn Schlimmes zustoßen? Da draußen gibt es meilenweit nichts als Gras und Buschland!“, mischte sich Anwyn ungehalten ein und schob Tiara sanft von sich, um Abiane Einhalt zu gebieten. Doch sie wurde von der dunklen Stimme ihres Vaters unterbrochen.
„Ganz so ungefährlich, wie du es darstellst, ist es für ihn nicht, das Anwesen zu verlassen, Tochter. Wenn das stimmt, was ich vor einigen Tagen erfahren habe, gibt es keinen Ort auf der Insel, wo er sicher wäre – außer hier in unserer Obhut.“ Galenor war unbemerkt eingetreten und blickte ernst in die Runde. Aller Augen richteten sich auf ihn, nachdem er diese Worte gesprochen hatte.
„Wie meinst du das? Was ist dort draußen?“, fragte Abiane leicht alarmiert, während sie den Dolch in die Scheide zurückschob.
„Es wird dir nicht gefallen, Abiane!“, warnte ihr Onkel, doch die Elfe ignorierte die Warnung.
„Rede Galenor! Wenn Vaheris in Gefahr ist, musst du mir es sagen!“, verlangte sie.
Der Elfenlord atmete tief durch, ehe er ihr antwortete: „Daleron wird seit zwei Wochen vermisst.“
Abianes Augen weiteten sich vor Überraschung und sie wollte zu einer Erwiderung ansetzten, doch ihr Onkel fuhr bereits fort: „Seit dem Tag, an dem ihr die Insel betreten habt, hat ihn niemand mehr gesehen. Ich habe meine Freunde in Isterigon kontaktiert und sie sind darüber zutiefst beunruhigt. Sie wissen zwar nicht, dass ihr hier seid, aber sie vermuten, dass Rakhal irgendetwas vor hat und denken, dass Dalerons Verschwinden damit zusammenhängen könnte. Ich selbst vermute, dass Rakhal von eurer Anwesenheit weiß - von Vaheris weiß – und ihn deshalb losgeschickt hat, deinen Schützling zur Strecke zu bringen.“
Abiane starrte Galenor ungläubig an. Was hatte sie da eben gehört? Daleron? Sie fühlte sich plötzlich furchtbar schwach und musste sich an der Wand abstützen, um nicht in die Knie zu gehen.
„Aber Daleron ist doch tot! Er ist damals mit dem Rest der Leibwache ums Leben gekommen!“, begehrte sie auf, auch wenn ihr ihr Herz sagte, dass Galenor die Wahrheit gesprochen hatte. Und damit einen Verrat enthüllt hatte, der den von Fermin bei weitem in den Schatten stellte.
„Nein, Abiane“, antwortete Galenor sanft, legte einen Arm um ihre Schulter und drückte sie behutsam auf einen Stuhl.
„Daleron lebt und steht jetzt gemeinsam mit dem Großteil deiner alten Kameraden auf Rakhals Seite. Er war es, der Idris verraten hat. Ohne ihn wäre Rakhal sein Umsturz niemals gelungen.“
Abiane schloss die Augen, um die Tränen der Wut und Enttäuschung zu verbergen, die sich in ihren Augen sammelten. Sie konnte es nicht glauben! Ausgerechnet Daleron…
Ihr Schwertmeister war ihr ebenso ein Vater geworden wie Idris, sie hatte ihm blind vertraut. Wie hatte sie sich dermaßen in ihm täuschen können?
„Ich weiß, was du denkst. Aber glaub mir – dich trifft keine Schuld! Wir haben uns alle in ihm getäuscht, niemand sah es kommen!“, versuchte ihr Onkel ihr Trost zu spenden. Doch Abianes Gedanken kreisten nur noch um eines: Daleron hatte sie und Floralys in den Tod geschickt. Er war für all den Schmerz und das Leid verantwortlich, das sie in den Jahren nach dieser blutigen Nacht durchlitten hatte!
Sie fühlte, wie sich die freundschaftliche Zuneigung, die sie für ihren Kommandanten empfunden hatte, langsam in brodelnden Hass verwandelte, während sie sich die Gesichter all jener ins Gedächtnis rief, die seinetwegen gestorben waren.
Ihre Hand schloss sich fest um den Griff ihres Dolchs. Das geschnitzte Elfenbein der Waffe drückte sich in ihre Handfläche. Die Klinge war ein Erbstück von ihrer Mutter.
Sie hatte sie nach ihrem Tod niemals anrühren wollen – bis sie hierher zurückgekommen war. Und in diesem Augenblick schwor sie sich, dass sie diesen Dolch in Dalerons Herz rammen würde, wenn sie ihm jemals wieder begegnen sollte!
„Warum hast du es mir nicht früher gesagt?“, flüsterte sie tonlos.
Galenor schwieg, als brauchte er Zeit, sich diese Frage erst einmal selbst zu beantworten.
Als er ihr antwortete, war nur noch Resignation und Trauer in seiner Stimme zu hören: „Ich … ich wusste nicht, wie ich es dir ... oder besser: was ich dir sagen sollte…“ Er wandte sich ab und ließ sich erschöpft in den nächstbesten Stuhl sinken. Vornübergebeugt, den Kopf in die Hände gestützt, verharrte er regungslos.
Zum ersten Mal wurde Abiane bewusst, wie alt Galenor sein musste. Weder er noch Iriel oder Galamee hatten je ein Wort darüber verloren, denn es war schlichtweg ein Thema, das ihr Volk im Allgemeinen mied.
Nun sah sie die Last der Jahrhunderte, die auf seinen Schultern ruhte und etwas wie Mitgefühl regte sich in ihr.
„Ich wollte nicht, dass es dir so ergeht wie deiner Mutter. Ich wollte nicht, dass du versuchst, dich an Daleron für Floralys‘ Tod zu rächen. Darum wollte ich dich auch wegschicken, als du hier aufgetaucht bist“, sagte er leise und ohne aufzublicken.
Abiane sah ihn verständnislos an und wich einen Schritt zurück. „Wie meiner Mutter? Wie meinst du das? Sie ist ausgeglitten und über die Klippe ins Meer gestürzt.“ Eine dunkle Vorahnung überkam sie und ließ sie noch einen Schritt rückwärts machen.
Galenor sah ihr in die Augen und lächelte müde. Dann schüttelte er langsam den Kopf. „Das war es, was Idris und ich verbreitet haben, um Rakhal in Sicherheit zu wiegen. Ich allein bin an ihrem Tod schuld, Abiane“, sagte er mit belegter Stimme.
Sie wollte etwas sagen, dagegen aufbegehren, doch Galenor gebot ihr zu schweigen und fuhr unbeirrt fort: „Ich habe ihr gegen Idris Rat von der Prophezeiung erzählt, die Cerwen Argendlethia gemacht hat. Sie besagte, dass Rakhal Idris töten würde, wenn die beiden hier gemeinsam aufwachsen sollten. Und als die ersten Gerüchte aufkamen, dass der Bruder des Fürsten finstere Pläne schmieden würde, da beschloss deine Mutter, sich dem Schicksal in den Weg zu stellen. Sie wollte Rakhal töten, bevor es soweit kommen konnte. Ich habe versucht, sie aufzuhalten, doch sie hatte den gleichen Dickkopf wie du! Sie erachtete es als ihre Pflicht, Idris und Amberlee zu beschützen.“
Abiane wurde schwindelig. Die Gegenwart verblasste neben der Vorstellung, was seine Worte bedeuteten. All die Jahre! Die ganze Zeit über hatte er sie belogen! Sie hörte kaum noch hin, als Galenor leise zu Ende erzählte:
“Sie starb in meinen Armen, Abiane. Ihr Pferd hatte sie hierher zurückgebracht, tödlich verwundet von einem Dolch – Rakhals Dolch. Ihre letzten Gedanken galten dir, bevor sie ins Mondlicht ging.“ Seine Stimme brach und er sah flehentlich zu ihr auf, als er schließlich leise hinzusetzte: „Deshalb habe ich es dir verschwiegen. Ich hatte Angst, du könntest dieselbe Dummheit wie sie begehen und versuchen, dich einem Feind zu stellen, dem du nicht gewachsen bist. Ich wollte nicht, dass du ihr auf diesem Weg nachfolgst! Ich könnte es nicht ertragen, auch dich in meinen Armen sterben zu sehen.“
Abiane fühlte sich, als würde ein schweres Gewicht auf ihrer Brust lasten und ihr das Atmen schwer machen. Keuchend stützte sie sich am Tisch ab und versuchte ihre Beine davon abzuhalten, unter ihr nachzugeben. Es waren Galenors Arme, die sie auffingen und sie sanft in den Stuhl drückten, in dem er selbst gerade eben noch gesessen hatte.
Sie hörte, wie er sich vor ihr in die Knie sinken ließ und fühlte seine Hand tröstend auf ihrer Schulter ruhen.
Sie blickte auf.
Galenors graue Augen erwiderten ihren Blick und sie glaubte, etwas wie Mitgefühl darin zu lesen und – Bedauern? All die Jahre! Er hatte ihr nie gesagt, wie er für sie empfand. Stets hatte er seine Gefühle tief in sich verborgen und hinter einer Fassade der Gleichgültigkeit weggeschlossen, auch wenn sie ihm oft den Schlaf geraubt hatten. Doch diese Maske war verschwunden und was sie jetzt in seinen Augen lesen konnte, machte es ihr unmöglich, ihm zu zürnen: echte Sorge und Zuneigung.

Doch plötzlich durchdrang Tiaras leicht panische Stimme den Nebel aus Trauer und Zorn, der sich um ihre Gedanken gelegt hatte und holte sie in die Gegenwart zurück: „Ich habe zwar keine Ahnung, wovon ihr beide da gesprochen habt, aber eines habe ich verstanden: Evan ist also tatsächlich in Gefahr?“
Bevor Abiane antworten konnte, schlug etwas Großes von außen gegen das Fenster und fiel dann zu Boden. Sofort waren alle in Alarmbereitschaft. Anwyn wisperte einen Zauber, der das Licht der Barinsteine an der Decke im Raum auf ein Minimum dämpfte. Abiane zog ihren Dolch und schlich zum Fenster. Dann stieß sie es auf und hechtete nach draußen.

Angespannt wartete Tiara auf ihre Rückkehr. Eine ganze Weile rührte sich nichts, doch plötzlich hörte sie ein überraschtes Aufkeuchen, dann einige geflüsterte Worte in der elfischen Sprache, die tief besorgt klangen. Was war dort draußen los?
Voller böser Vorahnungen klammerte sie sich an Anwyns Hand und wagte vor Anspannung kaum zu atmen. Nach endlosen Minuten tauchte Abiane wieder auf. In ihren Armen lag das seltsame Fuchswesen, diese Lutin, die sie damals im Bad mit Evan überrascht hatte. Wie hieß sie doch gleich? Nicka?
Die Elfe bedeutete Tiara mit einem Kopfnicken, Platz zu machen und legte ihre Last vorsichtig auf dem Diwan ab.
Die Koboldin war zu Tode erschöpft. Die Zunge hing ihr aus dem leicht geöffneten Maul, die Augen waren halb geschlossen und ihre Atmung war flach. Sie musste sich auf dem Weg hierher völlig verausgabt haben. Anwyn schob Tiara zur Seite und war sofort an der Seite ihrer Freundin. Beruhigend strich sie ihr über das zerzauste Fell.
„Nika, was ist passiert? Bist du verletzt?“, fragte sie beunruhigt.
Die Koboldin schüttelte schwach den Kopf.
„Hab … ihn …gefunden…“, flüsterte sie mühsam.
Abiane drängte sich an Anwyn vorbei und nahm Nikas kleinen Kopf in ihre Hände.
„Wo?“, fragte sie drängend, doch die Lutin zu erschöpft, um sofort zu antworten. Stattdessen erklangen auf dem gepflasterten Weg vom Tor herauf leise, schnelle Hufschläge.
Tiara war als Erste auf den Beinen und stürzte ins Freie, bevor sie jemand aufhalten konnte.
„Tiara, nicht, warte!“, rief ihr Abiane nach, doch die junge Frau hörte sie schon nicht mehr und verschwand Sekunden später in der Eingangshalle.
Die Elfe folgte ihr dichtauf und hörte ihren keuchenden Atem, als Tiara die große, doppelflügelige Türe des Haupthauses aufstieß und die vier breiten Stufen in den Hof hinunter hastete. Auf der letzten blieb sie wie angewurzelt stehen und starrte auf die grau gesprenkelte Stute, die nur drei Schritt entfernt schlitternd zum Stehen kam.

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Mo 18. Feb 2013, 16:02

* * * N E U * * *


Tiara ging nun schon seit endlosen Minuten vor der geschlossenen Tür zu dem Gemach auf und ab, das sie gemeinsam mit Evan bewohnte. Kein Laut drang von drinnen zu ihr heraus. Es war totenstill. Ihre Finger glitten über das warme Holz und zeichneten die geschnitzten Efeuranken nach, die im weichen Licht der Barinsteine im Treppenhaus beinahe lebendig erschienen.
Sie wusste selbst nicht, warum sie es trotz der großen Sehnsucht in ihrem Herzen nicht wagte, die Tür zu öffnen, hinter der sich ihr Geliebter vor den unzähligen Fragen verbarrikadiert hatte., mit denen ihn Abiane und Galenor empfangen hatten.
Sie selbst hatte seit seiner Rückkehr vor kaum einer Stunde noch kein Wort mit ihm gesprochen. Er war ihr regelrecht aus dem Weg gegangen und hatte nur etwas davon gemurmelt, dass er den Weg verloren hätte und dann von der Dunkelheit überrascht worden wäre. Doch das war eine glatte Lüge gewesen! Keiner, der in sein blasses Gesicht mit den dunklen Ringen unter den müden Augen geblickt hatte, hätte ihm diese Geschichte abnehmen können.
Am wenigsten Abiane. Die Elfe hatte ihn regelrecht verhört, um herauszubekommen, was er ihr verheimlichte, doch er war ihren drängenden Fragen ausgewichen. Je mehr Abiane nachgebohrt hatte, desto einsilbiger waren seine Antworten ausgefallen und schließlich hatte er sich unter dem Vorwand, der lange Ritt habe ihn ermüdet, in die Stille und Ruhe seines Gemachs geflüchtet.
Zuerst hatte Abiane ihm hinterherlaufen wollen, doch nach einigen heftigen Diskussionen hatte Tiara sie schließlich überzeugen können, dass es besser war, ihn nicht weiter unter Druck zu setzen und die Sache für den Moment auf sich beruhen zu lassen.
Doch insgeheim hegte die junge Frau die Hoffnung, dass er wenigstens ihr die Wahrheit sagen würde, wenn sie ohne großes Publikum mit ihm reden konnte.
Und hier stand sie nun.
Allein.
Und zweifelte an ihrem Entschluss. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Evan mochte ein Elf sein, doch er war unter Menschen aufgewachsen und verhielt sich auch so! Wenn es um Frauengeschichten ging, benahm er sich wie jeder andere junge Mann, den sie kannte: grenzenlos eifersüchtig.
Es musste ihn halb wahnsinnig gemacht haben, sie in Amandils Armen zu sehen. Sie war sich überhaupt nicht sicher, ob er ihr diesen einen Augenblick der Schwäche jemals vergeben würde. Diesen einen Moment, in dem sie sich von dem Falschen hatte trösten lassen. Wenn sie geahnt hätte, dass Evan oben am Treppenabsatz gestanden hatte, dann … Sie seufzte resigniert. Es war zu spät für Reue! Und die Selbstvorwürfe, mit denen sie sich quälte, halfen ihr auch nicht weiter. Jetzt blieb ihr nur die Hoffnung, dass die Eifersucht ihn nicht blind gemacht hatte für ihre aufrichtige Liebe. Und dass ihn sein verfluchter, grenzenloser Stolz nicht davon abhielt, ihre Hilfe anzunehmen!

Die junge Frau atmete tief durch. Dann straffte sie sich und klopfte leise.
Keine Antwort.
Vorsichtig drückte sie die Tür einen Spalt auf.
Ihr Geliebter saß zwischen dem Bett und dem Fenster mit hängenden Schultern auf einem Stuhl und starrte ins Leere. Er schien sie nicht zu bemerken.
Leise und mit klopfendem Herzen schlüpfte sie ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Obwohl er nun schon seit einer halben Stunde hier oben war, trug er noch immer die durchgeschwitzten und staubigen Kleider, mit denen er geritten war. Der Stoff seiner Hose war außerdem an den Oberschenkelinnenseiten mit weißen Pferdehaaren bedeckt und auf dem elfenbeinfarbenen Hemd prangten grün-braune Grasflecken. Das lederne Haarband hatte er wohl auf der Hochebene verloren und jetzt fiel ihm das vom Wind zerzauste Haar über die Schultern und in die Stirn, während er vornübergebeugt und den Kopf in die Hände gestützt auf die Bettdecke stierte.
Er reagierte immer noch nicht, nicht einmal, als sie sich auf der schweren Truhe am Bettende niederließ. Und dann sah sie, was seine Aufmerksamkeit so sehr fesselte, dass er nicht einmal seine unmittelbare Umgebung richtig wahrnahm:
Dort, fein säuberlich über der Bettdecke ausgebreitet, lagen die Kleidungsstücke, die ihm Galenor erst vor einigen Tagen zum Geschenk gemacht hatte. Evan hatte vor einigen Tagen von einem seiner Treffen mit dem Elfenlord ein Bündel blauen und weißen Stoffs mitgebracht und es einfach in die große Truhe geworfen, auf der sie jetzt saß. Ihren fragenden Blick hatte er mit einem mürrischen „Ein Geschenk – für den zukünftigen Fürsten“, beantwortet. Daraufhin hatte er sich umgedreht und sie mit tausend unausgesprochenen Fragen auf den Lippen allein gelassen. Erst jetzt konnte Tiara erkennen, dass es sich um einen weißen Waffenrock und einen blauen Umhang handelte.
Fasziniert betrachtete sie das Gewand. Der blendend weiße, glänzende Stoff war mit meerblauen Borten und goldenen Paspelierungen verziert. Auf der Brust war ein Wappen aufgestickt: ein verschlungenes Knotenmuster, in dessen Mitte ein stilisierter Pegasus seine Schwingen ausbreitete. Der Umhang, der dazugehörte, lag sorgsam gefaltet gleich daneben. Der feine Stoff hatte die Farbe von tiefem Wasser im hellen Sonnenlicht.
Sie betrachtete stirnrunzelnd das Bild, das sich ihr bot: die fast schon liebevolle Sorgfalt, mit der der Waffenrock ausgebreitet und glattgestrichen worden war, der akkurat gefaltete Umhang. Das passt nicht ganz zu Evan. Was war an diesen Kleidern außer ihrer Schönheit, das ihn so sehr fesselte?
Tiara musterte das feine Gewebe nochmals und diesmal entdeckte sie etwas, das ihr vorhin nicht aufgefallen war: auf der Vorderseite de Waffenrocks, knapp neben der linken Flügelspitze des Pegasus, war ein kleiner Riss zu sehen, kaum zwei Zoll lang und so kunstvoll geflickt, dass ihn nur ein suchendes Auge entdecken konnte. Und jetzt, wo sie den ersten Makel entdeckt hatte, sah sie auch einige weitere ausgebesserte Stellen. Auch der Umhang zeigte bei genauerer Betrachtung deutliche Gebrauchsspuren.
Tiara stutzte. Warum sollte Galenor Evan einen alten Waffenrock schenken? Und warum hatte Evan ihn ausgerechnet jetzt herausgelegt?
Fast ohne die silberblauen Fäden wirklich zu berühren, strich sie über die Stickerei.
„Das ist ein Pegasus, nicht wahr?“
Evan nickte kaum merklich, jedoch ohne sie anzusehen.
„Anwyn hat mir von ihnen erzählt. Sie hat gemeint, dass diese geflügelten Pferde wirklich existiert haben, doch irgendwie kann ich das kaum glauben.“
Ein trauriges Lächeln umspielte seine Lippen. „Sie waren schon lange nur mehr in Mythen und Legenden lebendig, als meine Eltern geboren wurden.“
Evans Finger glitten rastlos über die ovale Silberspange am Kragen, die ebenfalls von einem geflügelten Pferd in farbiger Emaille geschmückt wurde.
„Er sieht wunderschön aus“, begann sie in der Hoffnung, dass sie ein unverfängliches Thema gefunden hatte, mit dem sie ihn aus seiner Melancholie reißen konnte. Doch diese Hoffnung wurde beinahe augenblicklich zunichte, als Evan tonlos flüsterte: „Ja, er ist wunderschön. Stolz, mächtig, unbezwingbar. Wie mein Vater.“
Evan löste die emaillierte Spange von dem blauen Stoff und drehte sie nachdenklich zwischen den Fingern. Als er den Blick hob und sie ansah, schwammen Tränen in seinen Augen: “Das hier ist sein Waffenrock. Er trug ihn in der Nacht, als er starb.“
Mit diesen Worten sank er zurück in seinen Stuhl und vergrub das Gesicht in den Händen.
Und Tiara begriff, was diese ausgebesserte Stelle neben der Stickerei, direkt über dem Herzen bedeuten musste! Ein unscheinbarer kleiner Riss, kaum zwei Zoll breit. Und doch tödlich.
Tiara beugte sich vor und griff nach Evans Händen.
„Warum erzählst du mir das ausgerechnet jetzt? Das wusstest du doch schon seit Tagen. Was ist heute da draußen geschehen, Liebster?“, fragte sie sanft und strich ihm eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn. Dabei berührte sie zufällig seinen Hals.
Tiara erstarrte. Fassungslos blickte sie auf ihre Fingerspitzen.
„Was ist das? Evan du… du blutest!“, flüsterte sie erschrocken und bevor er sie aufhalten konnte, strich sie sein Haar vollends zurück und sah den langen, nur oberflächlich verschorften Schnitt, der sich an Evans linker Halsseite hochzog.
„Das ist nur ein Kratzer. Ich muss wohl irgendwo einen Ast gestreift haben“, murmelte er und verbarg die Verletzung wieder unter den langen blonden Strähnen.
Das war nicht sein Ernst! Für wie dumm hielt er sie?
„Seit wann haben Äste geschliffene Klingen?“, konterte Tiara spitz.
Evan machte sich von ihr los und wollte gehen. Doch sie ließ nicht locker.
„Was ist da draußen geschehen, Evan? Reicht es nicht, dass ich vor Sorge um dich fast verrückt geworden wäre? Musst du mich auch noch demütigen, indem du mir die Wahrheit verschweigst?“, machte sie ihrer Enttäuschung über sein abweisendes Verhalten Luft.
Das hatte gesessen. Einen Moment lang wirkte er unsicher.
„Du .... ich … ich wollte doch nicht …“, setzte er an und zuckte hilflos mit den Schultern. Aber schon Augenblicke später gewann die verzweifelte Wut wieder die Oberhand.
„Und selbst wenn … wenn es … anders gewesen wäre? Was würde es noch ändern: nichts!“, rief er aufgebracht uns setzte trotzig hinzu: „Ich werde die Wunde verbinden und in ein paar Tagen ist alles verheilt. Zufrieden?“
Nein, wollte Tiara schreien. Sie verbiss sich die ätzende Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag und ballte die Fäuste, während sie um ihre Selbstbeherrschung rang. Es war aussichtslos! Sie kannte seine Sturheit und wusste, dass sie nichts erreichen würde, wenn sie ihn weiter unter Druck setzte. Trotzdem kränkte es sie, dass er sich ihr nicht anvertrauen wollte, obwohl sie so viel für ihn aufgegeben hatte!
Wortlos stand sie auf und lehnte sich an das offene Fenster. Die Luft war warm und klar und eine leichte Brise spielte mit ihrem Haar. Tiara blickte in die samtschwarze Dunkelheit hinaus.
Am Nachthimmel zeigten sich die ersten Sterne, und auch der Mond lugte bereits als kleines bleiches Dreieck hinter dem Horizont hervor. Als sie angekommen waren, war er fast voll gewesen und hatte die Lichtung unter dem beseelten Baum mit seinem silbernen Licht erhellt.
Damals, vor einer gefühlten Ewigkeit.
Als sie eine Entscheidung getroffen hatte, deren Konsequenzen sie noch nicht hatte erfassen können. Die junge Frau seufzte schwer.
Wie spät es wohl sein mochte? Sie tat sich immer noch schwer damit, in dieser Welt mit ihren schnellen Wechseln zwischen Tag und Nacht, die Zeit einzuschätzen. Die Dämmerung war viel kürzer als in… Eine einzelne Träne bahnte sich ungewollt einen Weg aus ihrem Augenwinkel und blieb glitzernd auf ihrer Wange hängen.
Nein, sie durfte nicht daran denken!
Das hier war jetzt ihr Zuhause.
Sie konnte nicht mehr zurück.
Plötzlich hörte sie ein leises Rascheln von Stoff hinter ihrem Rücken. Dann legte sich eine warme Hand auf ihre Schulter.
„Es tut mir leid, Tiara. Ich wollte dich nicht kränken“, flüsterte Evan ihr leise ins Ohr. Seine Lippen berührten sacht ihren Hals.
Tiara schloss die Augen.
Ein warmer Schauer lief über ihren Rücken und ihr Körper antwortete auf die unausgesprochene Frage.
Es war ein Ablenkungsmanöver, das wusste sie, und doch… Seine zarte Berührung vertrieb die Trauer aus ihrem Herzen und erinnerte sie daran, dass sie nicht alles verloren hatte. Für einen Augenblick hielten sich ihr verletzter Stolz und die brennende Sehnsucht in ihrem Herzen die Waage, doch schließlich schob sie entschlossen seine Hand zur Seite.
„Lass das, Evan! Du bist mir noch eine Erklärung schuldig!“, verlangte sie, ohne sich umzudrehen und wischte schnell mit dem Handrücken über ihre Wange – sie wollte sein Mitleid nicht! Wenn er sich schon entschuldigte, dann nicht weil sie ihm leid tat! Doch ihre Worte hatten nicht halb so nachdrücklich geklungen, wie sie es beabsichtigt hatte.
Evan fasste sie an den Schultern und drehte sie zu sich herum.
Das Grün seiner Augen nahm ihren Blick gefangen und etwas tief in ihr reagierte, ohne dass sie es wollte oder etwas dagegen unternehmen konnte.
„Du hast Recht. Und niemand anderem als dir werde ich Rede und Antwort stehen! Aber nicht heute Nacht.“ Seine Hand glitt über ihren Rücken und suchte die Schnürung ihres Kleides. „Nicht!“ Tiara machte noch einen schwachen Versuch, sich ihm zu entziehen, doch ihr Körper wollte ihr nicht mehr gehorchen. Sie spürte, wie sich die Bänder, die ihr Kleid hielten, langsam lösten und seufzte auf. Ganz leise meldete sich die Stimme der Vernunft, die ihr sagte, dass sie ihn nicht gewähren lassen durfte, dass sie ihn nicht so davonkommen lassen sollte.
Doch es war so lange her, dass sie Zeit füreinander gehabt hatten! Seit dem Tag ihrer Ankunft war er jeden Abend todmüde in die Kissen gesunken und beinahe sofort in tiefen Schlaf gefallen. Endlose Tage, an denen sie mit Sehnsucht im Herzen neben ihm eingeschlafen war und auf seine leisen Atemzüge gelauscht hatte. Und jetzt wollte sie ihn. Wollte ihn so sehr, dass es beinahe schmerzte. Die Antworten konnten warten!

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Mo 18. Feb 2013, 16:04

* * * N E U * * *


Erryn lehnte sich gelangweilt an den Stamm der großen Silberweide und ließ ihren Blick über die kleine Lichtung schweifen, auf der Ithilias einziger Albenstern lag. Ihre Kameraden saßen in einem Halbkreis um einen der weißen Steine, die die Albenpfade markierten. Die schwarz gekleidete Wächterin grinste in sich hinein, als sie die drei verschiedenfarbigen Würfel über die flache, glatt polierte Oberfläche des Felsens springen sah. Typisch Tynien! Die junge Elfe war noch nicht lange bei der Garde und besaß einen ausgeprägten Hang zum Glücksspiel. Normalerweise hätte ihr das einen Tadel eingebracht, doch heute war es Erryn eine willkommene Ablenkung von den Grübeleien, die ihr Befehl ausgelöst hatte und…Sie runzelte die Stirn und zählte nochmals die Mitspieler in Tyniens Runde. Einer fehlte. Wo war Keldan?
Hastig sah sie sich um.
Erst auf den zweiten Blick entdeckte sie ihn: er saß mit dem Rücken zu ihr am anderen Ende des Steinkreises. Warum hatte er sich abgesondert? Normalerweise war er einem Würfel-Duell mit Tynien nicht abgeneigt und das erregte ihr Misstrauen. Erryn überquerte die Lichtung. Sie bewegte sich schnell und leise, ihre Stiefel verursachten im weichen Gras kaum ein Geräusch. Die zusammengekauerte Gestalt des Gardisten rührte sich nicht. doch sie war sich trotzdem sicher, dass er sie kommen gehört hatte. Der schwarzhaarige Elf gehörte wie sie selbst zu den wenigen, die von Daleron persönlich ausgebildet worden waren – ihr Kommen konnte ihm nicht entgangen sein.
Schweigend trat sie hinter ihn.
Keldans Haar und Uniform bildeten einen scharfen Kontrast zu dem weißen Felsen, auf dem er vornübergebeugt saß, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Gedankenverloren drehte er seinen langen Dolch zwischen seinen Fingern.
Ohne auszusehen ergriff er plötzlich das Wort: „Du weißt, was mit Merynian geschehen ist?“
Es war keine Frage. Es war mehr eine Feststellung und doch war sie misstrauisch.
Oh ja, sie wusste um Merynians Schicksal, aber wusste es Keldan wirklich auch? Oder war das nur eine Finte, um ihr Informationen zu entlocken? Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, schalt sie sich auch schon dafür, Keldan solcher Hinterhältigkeit zu bezichtigen! Sie hatte wohl schon zu lange unter Rakhal gedient…
Doch sie ahnte, worauf ihr Freund hinauswollte, schließlich hatte sie sich selbst dieselben Gedanken gemacht, nachdem sie erst gestern von einem Vertrauten unter Rakhals Kammerdienern erfahren hatte, dass Merynian angeblich tot war. Und da war die Nachricht schon einen Tag alt gewesen.
Von Dalerons Schülern waren noch drei übrig: Sie selbst, Keldan und Kerion. Von ihnen allen hatte Kerion dem Schwertmeister am nächsten gestanden und Merynian war der letzte gewesen, der die Ausbildung absolviert hatte. Es war nicht schwer, sich auszumalen, wer als nächster an der Reihe sein würde – oder als nächste.
Erryn seufzte und schüttelte den Kopf.
„Wen mochte er mehr? Dich oder mich?“, fragte sie leichthin und versuchte ein scherzhaftes Lachen, das jedoch schon im Ansatz kläglich scheiterte. Sie konnte Keldan gut verstehen, schließlich hatte sie diese Frage letzte Nacht um den Schlaf gebracht. Aber der Elf winkte unwirsch ab.
„Das ist doch belanglos! Er wird nicht hierher kommen. Vor diese Wahl würde er uns niemals stellen, das weißt du ebenso gut wie ich“, meinte er plötzlich.
Erryn wusste, dass er von Daleron sprach – und dass er Recht hatte.
„Nein, das wird er nicht“, seufzte Erryn und setzte sich neben Keldan ins Gras.
„Was tun wir dann die halbe Nacht hier draußen? Wir vergeuden hier nur unsere Zeit! Wir sollten etwas gegen diesen Irrsinn unternehmen!“, empörte sich der Krieger.
Die Elfe seufzte erneut. Keldan war ein guter Kämpfer, der stets einen kühlen Kopf bewahrte, wenn er sich einem Gegner stellte, aber er hasste es, wenn er wie eine Schachfigur benutzt wurde. Dann war er fähig, eine große Dummheit zu begehen! Sie musste ihn irgendwie von diesen verrückten Gedanken abbringen.
„Jetzt beruhige dich! Das kannst du nicht ernst meinen. Du weißt, wie gefährlich es ist, sich dem Fürsten in den Weg zu stellen. Und tot sind wir Daleron keine Hilfe! In einer halben Stunde sind wir hier ohnehin verschwunden“, meinte Erryn beschwichtigend, doch ihre Worte verfehlten ihre Wirkung. Keldans dunkle Augen funkelten sie zornig an, als er so leise, dass die anderen es nicht hören konnten, weitersprach: „Es geht hier nicht um dich oder mich, Erryn. Ich mache mir Sorgen um Kerion. Rakhal hat ihn kurz vor unserem Aufbruch hierher zu sich rufen lassen.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. „Genauso war es mit Merynian auch. Es geht das Gerücht um, dass Rakhal ihn dazu gezwungen hat, Daleron zu jagen. Und jetzt ist er tot.“
Erryn wurde blass, als sie begriff, was ihr Kamerad da gerade angedeutet hatte.
„Nein! Das würde er nicht wagen! Daleron würde daran zerbrechen, wenn gezwungen wäre…“, protestierte sie halbherzig, doch Keldan schnitt ihr mit einer unwilligen Geste das Wort ab.
„Wer sagt, dass Rakhal nicht genau das damit bezweckt? Du weißt, dass sich unser Schwertmeister mit seinen Worten sehr oft sehr weit aus dem Fenster gelehnt hat, und dass er Rakhal mehr als einmal die Stirn geboten hat. Vielleicht ist er ja vor zwei Wochen endgültig zu weit gegangen. Es würde zu unserem verehrten Fürsten passen, ihn auf diese Weise zu bestrafen, findest du nicht?“
“Das… das …“, stammelte sie ungläubig, doch tief in ihrem Inneren spürte sie, dass Keldan Recht hatte. All ihre Überlegungen waren sinnlos gewesen. Es gab keine Reihenfolge. Nur Rakhals Rache an seinem ehemaligen Befehlshaber.
„Und wir sitzen hier herum und tun nichts!“, zischte der Elf gepresst und rammte den Dolch zornig in den Boden.
Lange Zeit starrten sie beide in gespanntem Schweigen auf den aufgehenden Vollmond.
Das leise Geplauder der Spieler hinter ihnen schwebte leise über die Lichtung, ansonsten war es totenstill. Erryn biss sich auf die Lippe. Keldan hatte Recht – sie mussten etwas unternehmen! Aber was?
Die Finger der Gardistin spielten beinahe unbewusst mit dem Stück Pergament, das den Befehl enthielt, den sie mehrere Male hatte lesen müssen, um ihn wirklich zu glauben: Sie sollten alle zurückkehren, sobald die ersten Mondstrahlen auf den östlichsten der weißen Felsblöcke auf der Lichtung fielen, was in etwa einer halben Stunde der Fall sein würde. Eine Wachablöse würde es nicht geben. Keldan hatte nicht unrecht: Rakhal schien langsam den Verstand zu verlieren.
Erryn schüttelte unwillkürlich den Kopf. Sie konnte noch immer nicht vollständig glauben, dass ihr Lehrer und Anführer tatsächlich zum Verräter geworden sein sollte. Das passte so ganz und gar nicht zu ihm! Er musste einen triftigen Grund gehabt haben, um…
Die Elfe fuhr herum, jede Faser ihres Körpers angespannt und die Hand am Schwertgriff, während sie angestrengt auf die Mitte der Lichtung starrte.
Anscheinend hatte sie sich geirrt, was den Albenstern betraf: irgendetwas hatte sich dort verändert. Keine sichtbare Veränderung, mehr ein Gefühl, als ob sich ein bisher schlaff durchhängendes Seil plötzlich zum Zerreißen gespannt hätte.
Ein leises Knirschen von Leder dicht neben ihr sagte ihr, dass sich auch Keldan erhoben hatte – er hatte es also auch gespürt: Irgendetwas näherte sich über die Albenpfade!
Nun waren auch die anderen in Alarmbereitschaft und verteilten sich auf ein Zeichen von Erryn in einem lockeren Kreis rund um die Lichtung.
Dann hob sich ein schillernder Lichtbogen aus dem Boden, der ein Loch in der Wirklichkeit zu umgeben schien. Keiner der sechs Elfen, die das offene Tor auf dem Albenstern gebannt anstarrten, hatten so etwas jemals gesehen. Und die Beschreibungen derer, die bereits über die Albenpfade gereist waren, nahmen sich harmlos aus gegen das, was sie hinter den purpurnen Lichtschlieren erkennen konnten: schwärzer als die dunkelste Nacht war die Leere zwischen den Welten.
Einsam. Kalt. Bedrohlich.
Und auf dem goldenen Pfad, der aus diesem Nichts auf die Lichtung bewegte sich etwas – und kam schnell näher.
Erryn zog ihr Schwert. Keldan tat es ihr gleich und nahm neben ihr Aufstellung. Nicht so dicht, dass er sie im Kampf behindert hätte, aber nah genug, um ihr den Rücken frei zu halten, falls es notwendig sein sollte. Es tat gut, seine Gegenwart zu spüren und zu wissen, dass sie sich im Ernstfall voll auf ihren Kampfpartner verlassen konnte.
Endlose Sekunden wartete die Elfe. Jede Faser ihres Körpers war zum Zerreißen gespannt. Sie hielt den Atem an, während sich der undeutliche Punkt auf dem Albenpfad in etwas Großes, von hellem Fell Bedecktes verwandelte. Und dann brach ein völlig missgestaltetes Wesen durch das Tor und stürmte mit einem schrecklichen, tiefen Brüllen genau auf die beiden zu. Es lief wie ein Pferd auf vier Beinen, doch war es größer als ein solches und es bewegte sich derart ungelenk, dass es den Eindruck erweckte, jeden Moment über seine eigenen Beine zu stolpern. Auf seinem Rücken war ein hoher Sattel befestigt, an dem wiederum allerlei Decken und Bündel aus buntem, grob gewebtem Stoff hingen. Der viel zu kleine Kopf saß auf einem schlangengleichen, schlanken Hals und die Zügel, die daran befestigt waren, hingen lose und flogen wild hin und her, während das Tier mit weit aufgerissenen Augen und scheinbar in Panik über die Lichtung stürmte.
Erryn warf einen Seitenblick auf Keldan. Der Elf stand mit entschlossener Miene und gezogenem Schwert neben ihr, doch in seinen Augen spiegelte sich die gleiche Unsicherheit und Verwirrung, die auch sie verspürte. Was war das für ein Wesen? Sie hatte noch nie von so einem Tier gehört. Da änderte das seltsame Buckelpferd plötzlich die Richtung und rannte genau auf Keldan zu, der wie gebannt auf das Knäuel aus Beinen, Fell und buntem Stoff starrte und sich nicht rührte.
„Zur Seite!“, schrie Erryn und gab ihm einen groben Stoß, damit er wenigstens nicht überrannt werden würde. Dann warf sie sich selbst im letzten Moment zu Boden und entging so mit knapper Not den wild schlagenden Beinen, als das Tier über sie hinwegsetzte.
Die Gardistin rappelte sich auf und starrte diesem merkwürdigen Tier hinterher. Es hatte seinen Lauf ein wenig verlangsamt und verschwand gerade zwischen den dicht an dicht stehenden Bäumen. Dabei streifte der Sattel einige Äste. Eines der bunten Stoffbündel löste sich dabei und stürzte zu Boden. Dann war das Tier auch schon im Wald verschwunden.
„Was war das?“, hörte sie Tyniens ängstliche Stimme. Erryn war der hysterische Unterton in ihrer Stimme nicht entgangen und sie wandte sich verärgert um. Die junge Kriegerin war totenblass und sah aus, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen. Sicher hatte ihr niemand gesagt, dass zu einer Gardistin mehr gehörte als nur gefahrlose Patrouillen in den Schlossgängen! Für den Einsatz war sie definitv unbrauchbar!
Erryn verbiss sich die scharfe Bemerkung, die ihr bei Tyniens Tonfall auf der Zunge gelegen hatte und erwiderte im Befehlston: „Was immer es ist, Keldan und ich werden es allein verfolgen. Tynien, du holst die Pferde. Dann nimmst du ihn da mit…“, sie zeigte auf den Krieger, der der jungen Elfe am nächsten stand und dessen Name ihr in der Aufregung entfallen war, und fuhr dann fort: „… und reitest zum Schloss zurück und meldest Kerion diesen Vorfall! Er wird wissen, was zu tun ist.“
Die junge Elfe salutierte kurz und beeilte sich, zu den Pferden zu laufen, die nur wenige Schritt außerhalb der Lichtung im Wald angebunden waren. Als sie wieder zurück war, wandte sich Erryn dem Rest ihrer Wachmannschaft zu.
„Und ihr zwei“, sie deutete auf die beiden verbliebenen Gardisten und verfluchte sich wieder einmal für ihr schlechtes Namensgedächtnis. „Ihr bleibt hier. Sollten wir in einer halben Stunde nicht zurück sein, folgt ihr Tynien so schnell ihr könnt!“
Mit diesen Worten warf sie Keldan einen auffordernden Blick zu, den er mit einem kurzen, entschlossenen Kopfnicken erwiderte, und schwang sich in den Sattel.
Niemand nahm noch Notiz von dem Bündel Decken, das sich vom Rücken des Buckelpferdes gelöst hatte und jetzt unbeachtet in einem großen Weißdornbusch lag.

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Mo 18. Feb 2013, 16:05

* * * N E U * * *


Der kühle Nachtwind wehte durchs Zimmer und bauschte den meerblauen Umhangs, der über Evans Schultern fiel und im silbrigen Licht des vollen Mondes leicht schimmerte. Reglos stand er neben dem großen Bett sah und auf die junge Frau hinab, die sich leicht im Schlaf bewegte.
Ob sie etwas ahnte? Vielleicht war diese merkwürdige Verbindung zwischen ihnen ja tatsächlich imstande, sie zumindest vage fühlen zu lassen, was er vorhatte… Zwei Tage war es her, dass er von der Hochebene zurückgekommen war. Zwei Tage, in denen er beständig unter Beobachtung gestanden hatte. Zwar hatten sich der Hausherr und seine Familie nach seinem abendlichen Ausbruch mit offenen Fragen zurückgehalten, doch Evan hatte sie gespürt – die prüfenden Blicke, die jede seiner Bewegungen begleitet hatten. Und sie hatten ihn beinahe in den Wahnsinn getrieben, während sie wie ein Rudel Wölfe um ihn herum geschlichen waren. Anwyn eingeschlossen. Ganz besonders die zierliche Elfe hatte ihn behandelt wie ein rohes Ei und sich trotz seiner nachdrücklichen Bitten geweigert, ihn weiter im Umgang mit der Magie zu unterrichten. Am schwersten aber hatte ihn Tiaras abweisendes Verhalten getroffen. Nachdem sie sein leeres Versprechen als das erkannt hatte, was es gewesen war – ein Ablenkungsmanöver, um Zeit zu gewinnen – hatte sie ihn gemieden und jeden seiner verzweifelten Versuche, sich zu erklären, mit einer bissigen Bemerkung zunichte gemacht. Aber vielleicht war es besser so. Vielleicht würde es für sie leichter sein, wenn sie einen Grund hatte, wütend auf ihn zu sein.
Evan sah auf seine geöffnete Handfläche. Das Siegel der Schwertschmiedegilde von glänzte im blassen Licht des Mondes. Er würde es nicht mitnehmen. Es war ein Symbol für das, was er in einer anderen Welt gewesen war und was er heute Nacht nicht sein durfte. Mit einem traurigen Lächeln ließ er das glänzende Oval aus Metall auf das Kopfkissen gleiten, das er extra für diesen Zweck zurechtgezogen und glattgestrichen hatte. Sie würde es finden.
Dann fiel sein Blick auf Tiaras schlafende Gestalt. Sie lag immer noch in dem tiefen, ruhigen Schlaf, in den sie die Erschöpfung geworfen hatte. Ein kindisches, selbstzufriedenes Kichern stahl sich über seine Lippen, während er seine Finger über ihr glänzendes schwarzes Haar gleiten ließ und in seinem Inneren den letzten Resten der betäubenden Schwäche nachspürte, die auch er empfunden hatte.
Evan wusste, dass er Tiara mit seinem Vorhaben das Herz brechen würde, aber es gab keine andere Möglichkeit. Diese Bestie würde sie alle vernichten, wenn er sich nicht freiwillig fügte! Rakhal hatte ihn einen kurzen Moment die gewaltige Macht spüren lassen, über die er verfügte. Da war ihm klar geworden, dass Abiane unrecht gehabt hatte: er würde niemals gegen einen solchen Gegner bestehen können. Nicht in hundert und nicht in tausend Jahren. Seine einzige Chance, die zu retten, die ihm am Herzen lagen, bestand in dem Handel, auf den er sich eingelassen hatte!
Tiara seufzte leise im Schlaf. Sie würde leiden, ja. Aber sie würde leben. Abiane würde dafür sorgen, dass sie zu ihrem Vater zurückkommen und ihr altes Leben wieder aufnehmen konnte. Alles würde ein gutes Ende nehmen, zumindest für die Frau, die er liebte…
Er sah aus dem Fenster. Der Mond stand bereits hell am Himmel. Es wurde Zeit, zu gehen.
Evan strich noch einmal über Tiaras Haar und hauchte vorsichtig einen zarten Kuss auf ihre Stirn, um sie nicht versehentlich zu wecken. Dann schlich er sich beinahe lautlos aus dem Zimmer.

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Mo 18. Feb 2013, 16:08

* * * N E U * * *

Immer noch starrte Tynien ungläubig in die eisblau glitzernden Augen. Ihre Hände umklammerten ihren Hals, in dem sinnlosen Versuch, die klaffende Wunde zu schließen und das Leben festzuhalten, das in einem pulsierenden Strom zwischen ihren Fingern hervorquoll. Irgendetwas war entsetzlich falsch gelaufen, doch ihr erlöschender Verstand war nicht mehr in der Lage, ihr eine Antwort auf dieses Rätsel zu geben. Ihre Gedanken drehten sich nur mehr im Kreis, ließen sie wieder und wieder die Ereignisse durchleben, sie hierhergeführt hatten.
Da war die Lichtung gewesen.
Der sich öffnende Albenstern.
Erryns Befehl und dann der wilde Ritt durch den Wald.
Etwa eine Meile vor dem Fürstensitz hatte sie in der Ferne drei Reiter ausgemacht, die in schnellem Galopp durch das Haupttor und dann die Anhöhe herunterpreschten.
Von Eile getrieben und ihren Befehl noch im Ohr, hatte sie die kleine Gruppe zunächst ignoriert. Aber dann hatte sie den schlanken, schwarzen Hengst des Fürsten und Kerions graubraune Stute erkannt.
Kerion. Ihr neuer Befehlshaber. Der Mann, den sie so dringend suchte, aber sie wusste nicht mehr, was genau sie ihm hatte sagen wollen. Erryn hatte sie geschickt …
Sie erinnerte sich noch an das Unbehagen, sich der kleinen Gruppe zu nähern. Aber ihr Wunsch, ihre Aufgabe zu erfüllen, und ihre Anführerin wenigstens dieses eine Mal nicht zu enttäuschen, hatte sie alle Vorsicht vergessen lassen. Hatte sie vergessen lassen, wie ihre erste Lektion in Erryns Trupp gelautet hatte: komm dem Fürsten niemals unaufgefordert unter die Augen! Erst das Aufblitzen der Dolchklinge und der scharfe Schmerz hatten ihr – viel zu spät – diese Worte wieder in Erinnerung gerufen.
Trotz allem verstand sie nicht – konnte sie nicht verstehen – was sie falsch gemacht hatte!
Kein Wort war gefallen.
Sie hatte noch nicht einmal zu einem Gruß, geschweige denn einer Erklärung angesetzt, als die Klinge in Kerions Hand gedankenschnell vorgestoßen war und ihre Kehle durchtrennt hatte, kaum dass ihre Stute neben ihm zum Stehen gekommen war. Im verzweifelten Bemühen, eine logische Erklärung für diese Tat zu finden, drehten sich ihre Gedanken immer noch um die eine, eiserne Regel, die ihr Erryn stets eingebläut hatte: Meide den Fürsten, wenn du kannst!
Tynien hatte diesen Ratschlag immer befolgt - bis zu dem einen verhängnisvollen Augenblick, der ihr Schicksal und das ihres Kameraden gesiegelt hatte.
Ihre blutigen Hände glitten kraftlos von ihrem Hals, selbst ihre Gedanken schienen jetzt immer leiser zu werden.
Meide den Fürsten … meide den Fürsten … meide den fürsten…Ohnmächtig rutschte sie aus dem Sattel. Die entsetzten Schreie ihres sterbenden Begleiters hörte sie nicht mehr, da waren nur noch diese Augen. Kerions Augen. Oder waren es die des Fürsten? Blau und kalt wie ein Wintersturm. Dann verschwanden auch sie und es blieb nur die endlose Finsternis.

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Mo 18. Feb 2013, 16:10

* * * N E U * * *


Fermin unterdrückte ein schmerzerfülltes Stöhnen, als er versuchte, sich möglichst lautlos aus der unangenehmen Haltung zu befreien, in die er beim Sturz vom Sattel des Gamals geworfen worden war. Doch das war nicht so einfach. Bei der kleinsten Bewegung bohrten sich die langen, harten Dornen des Gebüschs weiter durch den Wollteppich und tiefer in seine Haut. Außerdem bestand dann die Gefahr, dass er entdeckt werden würde und das gehörte nicht zu seinem Plan. Er wusste wohl, dass der Albenstern bewacht werden würde und wollte nicht, dass Daleron vor der Zeit erfuhr, dass er wieder auf der Insel war. Dann wäre das Überraschungsmoment verloren und es würde erheblich schwieriger werden, an den Schwertmeister heranzukommen.
Deshalb biss er die Zähne zusammen und lag ganz still, als unmittelbar neben dem Gebüsch, in dem er lag, eine gebieterische Frauenstimme erklang. Sie sprach in der elfischen Sprache und kam ihm irgendwie bekannt vor, doch er konnte sich weder an einen Namen noch an ein Gesicht dazu erinnern. Momentan gab es auch Wichtigeres für ihn: er zählte im Geiste mit, während er den Worten der Elfe lauschte, die anscheinend hier das Sagen hatte.
Fermin lächelte siegessicher in sich hinein: Es waren sechs Wachen. Zwei wollten das Gamal verfolgen, zwei sollten im Schloss Bericht erstatten und nur zwei lächerliche Gardisten, die am Albenstern zurückbleiben sollten.
Der Trick mit dem Gamal hatte bestens funktioniert! Auch wenn es ein wenig schwierig gewesen war, das vollkommen verängstigte Tier über die Albenpfade zu führen. Das letzte Stück hatte er es einfach laufen lassen müssen und inständig gehofft, dass das ungeschickte Vieh nicht im letzten Moment noch einen Fehltritt tun und ihn ins Nichts reißen würde. Doch das Risiko hatte sich ausgezahlt: er war wieder in seiner Welt – endlich!
Er wartete noch, bis die Hufschläge verklungen waren und die Stimmen der beiden zurückgebliebenen Elfen sich ein wenig entfernt hatten, dann schlug er vorsichtig die stinkende Schafwolldecke zurück, in der er sich versteckt hatte.
Einen Moment lang lag er einfach nur da und sog die kühle Luft des Waldes ein, die den unverwechselbaren Geruch seiner Heimat mit sich trug – Ithilia. Sie füllte seine Lungen und zum ersten Mal seit fünf Jahren fühlte er sich wirklich lebendig. Erst da wurde ihm bewusst, wie sehr er diesen einsamen Felsen im südlichen Meer vermisst hatte!
„Was meinst du, was das war?“, erklang nicht weit von ihm eine unvertraute Stimme.
„Keine Ahnung, ich habe so etwas noch nie gesehen und ehrlich gesagt bin ich froh, dass Erryn darauf bestanden hat, es selbst zu verfolgen“, ließ sich eine zweite Stimme vernehmen, der die Erleichterung über den Befehl der Elfe anzuhören war. Fermin verzog angewidert das Gesicht: diese feigen Ratten! Rakhal musste wirklich ziemlich verzweifelt sein, wenn er so etwas in den Reihen seiner Garde duldete!
Doch der Name ihrer Vorgesetzten kam ihm bekannt vor: Erryn.
Vor seinem geistigen Auge tauchte ein fein geschnittenes, ernstes Gesicht auf, das von streng zurückgekämmtem, glattem Haar umrahmt wurde. Wenn er sich nicht vollkommen irrte, war sie früher einmal Dalerons Schülerin gewesen.
Und dann fiel ihm ein Detail ein, etwas, das sie gesagt hatte und das er zuvor nicht so wichtig genommen hatte: Diese Tynien sollte Kerion Bericht erstatten. Also musste dieser zumindest im Augenblick das Kommando führen. Wo war dann Daleron? Welchen Grund hatte er gehabt, das Kommando an seinen Lieblingsschüler abzugeben?
Fragen, auf die er keine Antwort hatte.
Noch nicht.
Vorsichtig wand er sich aus dem groben Stoff und spähte durch die dichten Zweige hindurch auf die Lichtung mit dem unverkennbaren weißen Steinkreis. Dort vorne standen zwei schwarz gekleidete Elfen beisammen. Sie waren in der dunklen Nacht schwer auszumachen, doch Fermin hatte genügend Übung darin, seine Beute selbst in der lichtlosen Finsternis einer Neumondnacht aufzuspüren. Lautlos schlich er sich näher heran, bis er nur mehr die Hand auszustrecken brauchte, um einen von ihnen zu berühren.
Der Jäger spürte, wie ihn erneut das Jagdfieber packte und sich seine Hand beinahe unbewusst auf den Dolchgriff legte. Er würde sich schwer zusammenreißen müssen, wenn er noch Antworten von ihnen haben wollte!
Seine Finger glitten rastlos über den glatten Holzgriff, während er die beiden minutenlang beobachtete. Sie hatten ihn immer noch nicht bemerkt und waren in ein leises Gespräch vertieft – völlig ahnungslos, in welcher Gefahr sie sich befanden. Er würde Rakhal einen Gefallen tun, wenn er ihm diese beiden unfähigen Gardisten vom Hals schaffte!
Entschlossen zog er die Klinge aus der Scheide und spannte sich zum Sprung.
Genau in diesem Moment wandte sich einer der beiden Elfen zufällig zu ihm um.

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Mo 18. Feb 2013, 16:11

* * * N E U * * *


„Danke, ich habe heute keinen Hunger. Und außerdem schreckliche Magenschmerzen! Du kannst dir getrost allein den Bauch vollschlagen.“, wehrte Ropuk die Schüssel mit dem graubraunen Wurzeleintopf ab, die ihm Daleron hinhielt. Seit Merynians Tod vor gut zwei Tagen und dem darauf folgenden Gespräch, in dem sich der Schwertmeister ohne es bewusst zu wollen seinen Schmerz von der Seele geredet hatte, waren alle Förmlichkeiten zwischen ihnen vorbei. Aber die Gestaltung der Mahlzeiten hatte sich sehr zu Ropuks Nachteil verändert. Daleron hatte seinen Bogen nicht mehr angefasst und weigerte sich seither schlichtweg, zu so etwas wie Normalität zurückzukehren und für den Fleischanteil ihrer Mahlzeiten zu sorgen. Stattdessen versuchte der Elf, Ropuk vergeblich von der Essbarkeit diverser Wurzeln und Beeren zu überzeugen. Und alle Versuche des Kobolds, ein Fallensteller zu werden, waren bisher kläglich gescheitert. Entweder war erst gar kein Wild in die Falle gegangen, oder seine abenteuerlichen Entwürfe für Kaninchenfallen fielen bei der ersten Berührung durch die begehrte Beute auseinander. Er seufzte laut, während er sehnsuchtsvollen Gedanken an gerösteten Kaninchenrücken nachhing.
„Wirklich nicht?“, fragte Daleron nach und nahm die Schale nach einem heftigen Kopfschütteln des Kobolds, der sich demonstrativ den Bauch hielt, wieder an sich. „Schade, ich hatte gedacht, du magst meine Kochkünste“, meinte er und wandte sich von der kleinen Feuerstelle ab, um im Dunkeln des Unterstands nach etwas zu suchen. „Nun, dann werde ich das Hauptgericht wohl oder übel allein essen müssen“, seufzte Daleron enttäuscht.
Ropuk wurde hellhörig.
Hatte er da so etwas wie ein unterdrücktes Grinsen in Dalerons Zügen gesehen? Nein, das konnte nicht sein. Wenn er jemals geglaubt hatte, Elfen wären gegen Schwermut immun, dann war Daleron der lebende Beweis, dass dem nicht so war. Und doch … da war so ein Unterton gewesen, der in ihm die Hoffnung weckte, heute nicht mit knurrendem Magen einschlafen zu müssen.
Ropuk war immer hungrig. Egal zu welcher Tageszeit, der Kobold fand für die meisten wirklich essbaren Dinge immer irgendwo Platz in seinem Magen. Besonders, wenn es sich dabei um Gebratenes handelte. Und irgendetwas in der Stimme des Elfen hatte ihn misstrauisch gemacht.
„Wovon zum Kuckuck sprichst du?“, hakte er ungeduldig nach, doch Daleron gab keine Antwort.
Stattdessen hängte der Elf wortlos ein gehäutetes Kaninchen über das Kochfeuer und lehnte sich mit einem süffisanten Grinsen zurück.
Ropuks Augen wurden groß. Das war doch die Höhe! Hektisch sah er zwischen dem Braten und Daleron hin und her. Es musste doch einen Weg geben, seine vorschnelle Ausrede von vorhin irgendwie zurückzunehmen, ohne das Gesicht vor Daleron zu verlieren. Aber wie er es auch drehte und wendete, es wollte ihm nichts Vernünftiges einfallen. Schließlich setzte er eine verzweifelte Miene auf und stammelte: „Ich … Ähm … das schaffst du doch niemals allein!“
Daleron lächelte. „Ich dachte, du hättest Magenschmerzen?“ Er genoss es offenbar, dem Kobold zuzusehen, wie er in seiner eigenen Falle zappelte.
„Magenschmerzen? Ähm … ja … ja das stimmt schon. Aber… ach verflucht! Du hast gewonnen!“, gab Ropuk säuerlich zu. Er ließ sich eigentlich nicht gern vorführen, vor allem nicht von arroganten Elfen, aber bei Daleron lag die Sache anders. Irgendwie war er froh, den Schwertmeister wieder lächeln zu sehen, nachdem zwei Tage lang buchstäblich nichts mit ihm anzufangen gewesen war. Entweder hatte er wie verrückt mit seinem Schwert geübt oder aber vor Erschöpfung geschlafen. Es war schön, wieder vernünftige Gesellschaft zu haben. Also beschloss Ropuk, Dalerons kleines Spielchen mitzuspielen. „Ich gebe es zu! Ich hasse deine Wurzel-und-Beeren-Kreationen!“, fügte er mürrisch hinzu und schnupperte genüsslich, als ihm erste sanfte Bratendüfte in die Nase stiegen.
Daleron lachte leise und zurückhaltend. Als ob es sich für ihn selbst ebenso ungewohnt anhören würde wie es für die Ohren des Kobolds klang. Und doch war es nach diesen Tagen bedrückten Schweigens reine Musik für Ropuk.
„Mit deinem Appetit würdest du einem Kentauren Ehre machen, Kleiner Mann!“, meinte Daleron und beugte sich nach vorn, um den Bratspieß ein wenig zu drehen. Dabei reflektierte das warme Licht des kleinen Kochfeuers in seinem gelb-grünen Auge und verlieh ihm einen unheimlichen Glanz, der Ropuk unwillkürlich an ein Raubtier denken ließ. Schnell schob er den Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf den unwiderstehlichen Geruch nach geröstetem Fleisch, der ihm immer intensiver in die Nase stieg.
Seine Zunge fuhr genüsslich die schmalen Lippen. Was hatte Daleron noch mal gesagt? Er war so mit dem furchterregenden Leuchten in den Augen des Schwertmeisters beschäftigt gewesen, dass er nur mit einem Ohr zugehört hatte. „Kentauren?“, fragte er deshalb nach, ohne die Augen von dem langsam bräunenden Fleisch zu nehmen. „Meist du diese kuhbeinigen Zwitterwesen in Isterigon?“
„Ja, genau die. Aber du solltest niemals einem von ihnen sagen, dass du sie für kuhbeinig hältst. Das könnten sie dir übel nehmen und du willst keinem wütenden Kentauren gegenüberstehen, glaub mir!“, erwiderte Daleron mit einem hintergründigen Lachen. Ropuk entschloss sich, lieber nicht nachzufragen, was der Schwertmeister an der Reaktion eines beleidigten Kentauren so lustig fand. Aber etwas anderes interessierte ihn schon.
„Sag, woher weißt du eigentlich so genau, womit man einen Kentauren beleidigen kann?“, konterte der Kobold und zauberte aus seiner Tasche eine kleine Tonflasche, die der von Lorin damals im Kellergewölbe sehr ähnlich sah. Auch der Inhalt war ähnlich – nur stärker, dachte Ropuk und ließ den scharfen Schnaps in seinen Mund laufen.
Er hatte die Flasche noch nicht wieder abgesetzt, als er plötzlich den stechenden Blick des Elfen auf sich ruhen fühlte. Voller Unbehagen und die Augen fest auf die Flasche gerichtet, verkorkte er seinen Schatz wieder und sah dann auf. Einen kurzen Augenblick nur. Länger vermochte er Daleron nicht standzuhalten.
„Neugier ist eine gefährliche Eigenschaft. Besonders wenn sie mit einem losen Mundwerk gepaart ist. Du solltest endlich lernen, deine Zunge im Zaum zu halten, sonst werden dich deine unbedachten Fragen eines Tages teuer zu stehen kommen, Ropuk“, stellte Daleron fest, den Blick unverwandt auf den dünnen Zweig gerichtet, mit dem er in der Glut des Kochfeuers herumstocherte.
Ropuk stutzte.
Mit offenem Mund starrte er Daleron überrascht an. Angekautes Fleisch fiel dem Kobold aus dem Mund und landete mit einem leisen Zischen auf einem glosenden Scheit am Rand des Feuers. Erst dieses Geräusch brachte den Kobold wieder zur Besinnung. Weder konnte er Dalerons plötzlichen Stimmungsumschwung deuten, noch wollte er Verständnis dafür aufbringen. Er fühlte sich ungerecht behandelt. Was bildete sich dieser arrogante Elf eigentlich ein? Nach allem, was er für ihn getan und was er seinetwegen ohne Widerworte ertragen hatte! Dass er seine Rettung aus Rakhals Kerker streng genommen dem Schwertmeister zu verdanken hatte, kam ihm nicht eine Sekunde in den Sinn, als er seiner Empörung Luft machte: „Was soll das jetzt wieder? Erst rette ich dir das Leben, dann bedankst du dich, indem du mich beleidigst und mich etliche Male Wasser holen schickst, bloß damit du dich in Ruhe deiner Schwertfuchtelei widmen kannst. Schließlich werde ich deinetwegen fast erschlagen und was passiert? Du quatschst mich mit irgendwelchen haarsträubenden Geschichten voll und redest danach zwei volle Tage kaum ein Wort mit mir. Ich habe deine Launen so satt, Elf! Such dir einen anderen, dem du auf die Nerven gehen kannst!“
Ropuk erhob sich, so würdevoll er konnte, und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er reichte dem sitzenden Elfen zwar immer noch kaum bis zur Schulter, aber was ihm an Körpergröße fehlte, machte er durch sein zorniges Auftreten mehr als wett. Diesmal wich er Dalerons Blick nicht aus und bemerkte mit nicht wenig Schadenfreude das Erstaunen im Gesicht seines Gegenübers.
Ha! Damit hatte dieser egozentrische Elf nicht gerechnet!
Ropuk war sehr zufrieden mit sich und genoss den süßen Geschmack seines Triumphs über den arroganten Schwertmeister. Dalerons Schweigen, während er seelenruhig den Rest des Kaninchens einsammelte und zu ihrem Unterstand zurück stolzierte, verbuchte er als weiteren Punkt für sich selbst.

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Mo 18. Feb 2013, 16:12

* * * N E U * * *


Daleron ließ die Schimpftirade des kleinen Kobolds schweigend über sich ergehen. Was hätte er diesem zornigen kleinen Mann auch noch sagen sollen? Er hatte ihm in diesem einen Augenblick der Schwäche nach Merynians Tod ohnehin schon viel zu viel erzählt.
Er schloss die Augen und ließ sich von der Erinnerung an die viel zu kurze Zeit, die er mit den Kentauren durch die Steppe gezogen war, forttragen.
Geistesabwesend drehte der Elf den leeren Bratspieß zwischen den Fingern, während er in Gedanken mit Euristeus durch das trockene Sommergras preschte. Die Kentaurenstämme des Windlands, die hoch im Norden Albenmarks als Nomaden mit ihren Büffelherden durch die Steppe ziehen, waren ein wildes und ungezähmtes Volk – laut, streitlustig, nicht besonders taktvoll. Dafür kannten aber auch ihre Gastfreundschaft, ihre Ausdauer und ihr Mut keine Grenzen. Und sein junger Kentaurenfreund hatte da keine Ausnahme gemacht. Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht, als er an ihre Begegnung mit einer kleinen Gruppe marodierender junger Trolle dachte. Euristeus hatte darauf bestanden, die fünf Ungetüme, die zwei Büffel aus seiner Herde erlegt hatten, allein mit seinem Speer bewaffnet anzugreifen. Es hatte ihn viel Mühe gekostet, den zornigen Jungen davon abzubringen, sein Leben für zwei von über vierhundert Büffeln wegzuwerfen.
Trotzdem hatte er ihn verstehen können.
Dort draußen, in der weiten Steppe, wo der Wind niemals schlief, war das Leben karg und ohne die Annehmlichkeiten der Prunkpaläste, die das Elfenvolk von Arkadien baute. Ein gefährliches Land, das alles Leben, das seinen hohen Ansprüchen nicht genügte, mitleidlos ausmerzte. Ob Büffelkalb oder Kentaurenfohlen - wer mit den Herden nicht schritthalten konnte, wurde zurückgelassen, denn auf Nachzügler zu warten, würde bedeuten, die Nahrungsgrundlage des gesamten Stammes aufs Spiel zu setzen. Herrenlose Herden fanden sehr schnell neue Besitzer. Wie Euristeus horteten die meisten Kentauren keine Schätze, denn sie hatten gelernt, dass Besitz etwas sehr Flüchtiges war – und einen nicht warmhalten konnte, wenn die eisigen Winterstürme aus der Snaiwamark an den Zeltwänden zerrten oder die Gluthitze der Sonne die letzten Wasserstellen für die Tiere in morastige Schlammlöcher verwandelte. Ihr einziger Reichtum bestand in den Herden, denen sie Jahr für Jahr von einer Weide zur nächsten folgten.
Der Elf wandte sich um und sah Ropuk dabei zu, wie er die Decke, die ihre Lager voneinander trennte und wenigstens die Illusion von ein wenig Privatsphäre aufrechterhielt, mit grimmiger Miene so zwischen die dünnen rohen Stämme des Dachs stopfte, dass er vor den Blicken seines Gefährten geschützt war. Daleron hörte ihn noch eine Weile in seiner kleinen Koje rumoren und spielte kurz mit dem Gedanken, seine Worte von vorhin zurückzunehmen und dem Kobold von Eristeus zu erzählen.
Aber das war nur ein flüchtiger Augenblick, mehr Wunschdenken als echte Absicht. Er wusste, dass er das nicht durfte. Der Kobold war schon viel zu tief in seine Fehde mit Rakhal verstrickt, um hier auf der Insel noch auf ein friedliches Leben hoffen zu können. Doch auf dem Festland hätte er nichts zu fürchten.
Das würde sich ändern, wenn er sich ihm auf seiner Suche nach Vaheris anschloss. Und wenn Daleron eines wusste, dann dass dieser sturköpfige kleine Kerl ihm bis ans Ende dieser und aller anderen Welten folgen würde, wenn er auch nur den geringsten Grund zu der Annahme haben sollte, er hätte in ihm einen Freund und Beschützer gefunden. Nein, es wäre besser für sie beide, wenn alles so blieb, wie es war. Keine Vertraulichkeiten, keine Verpflichtungen.
Daleron rieb sich die Arme. Ihm war plötzlich ziemlich kalt geworden.
Er warf Holz in die schwelende Glut und fachte das schwache Glimmen zu einem wärmenden Feuer an. Dann legte er den Zauber um sich, der die Wärme seines Körpers auf seiner Haut festhalten würde und der ihm im rauhen Klima des Nordens zur zweiten Natur geworden war. .
Wieder wanderten seine Gedanken zurück ins Windland.
Es war ein Land, mit dessen wilder Schönheit sich in Dalerons Augen nichts, was sein eigenes Volk jemals geschaffen hatte, messen konnte. Es gab von den Felsenburgen der Normirga bis zum Sitz der Königin und der abgeschiedenen Hafenstadt in den Mangrovenwäldern des Waldmeers viele Orte, die unter den Albenkindern als vollendete Kunstwerke gepriesen wurden.
Er hatte im Dienst seines Vaters viele davon mit eigenen Augen gesehen, war an manchen ein wenig länger geblieben und hatte andere nur gestreift. Doch seit er sich erinnern konnte, hatten weder die prunkvollen Bauten des Herzlands und Arkadiens, noch das strahlende Relimee selbst oder die steinernen Hallen von Phylangan jemals die gleiche Sehnsucht wecken können, die der Glanz des Schnees auf den fernen Gipfeln der Slanga-Berge im tiefen Winter in seinem Herzen wachrief. Und die kunstvollen Steinmetzarbeiten in Vahan Calyd verblassten in seinen Augen neben den Formen, die die ungezähmten Elemente aus den schroffen Felsen im Herzen des Windlands geschnitten hatten. In seinem Zimmer in Reilimee hatte ein Gemälde gehangen, auf dem ein Künstler aus Yaldemee versucht hatte, die Schönheit einer blühenden Steppe nach den ersten Frühlingsregenfällen auf Leinwand zu bannen. Und doch war es nur ein blasser Abglanz der Farbenvielfalt gewesen, mit der ihn das Windland in der Verbannung willkommen geheißen hatte.
Und mitten in diesem Farbenmeer war es auch gewesen, als er zu ersten Mal auf Eristeus getroffen war …
Ein leises Knacken aus der Dunkelheit knapp außerhalb Lichtkreises riss ihn aus seinen Gedanken. Daleron blieb äußerlich völlig ruhig sitzen, doch seine gesamte Aufmerksamkeit galt jetzt der stetig flackernden Grenze zwischen Licht und Schatten am Rand der Lichtung. Irgendetwas war dort, beobachtete und taxierte ihn.
Es hielt sich mit Bedacht außer Sichtweite, doch der Elf konnte seine Nervosität und Unentschlossenheit spüren. Verflucht sollte er sein, dass er seine Waffen nicht angelegt hatte! Daleron angelte scheinbar ahnungslos nach einem weiteren Holzstück und warf es ins Feuer. In der gleichen Bewegung verlagerte er sein Gleichgewicht und blieb dann sprungbereit hocken, das Feuer zwischen sich und dem Eindringling.
Hinter ihm wurde plötzlich die Decke zurückgeschlagen, dann näherten sich Ropuks unbeholfene und mehr als geräuschvolle Schritte. Er hatte die gestaltlose Bedrohung also auch gespürt.
„Was ist los?“, flüsterte der Kobold ängstlich. Daleron gebot ihm mit einer raschen Geste zu schweigen und hoffte, dass Ropuk sich wenigsens dieses eine Mal würde beherrschen können. Angestrengt starrte sein gelbgrünes Auge in die Finsternis jenseits des Lichtkreises.
Und dann starrte plötzlich ein Augenpaar in derselben Farbe zurück.

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Mo 18. Feb 2013, 16:14

* * * N E U * * *


„So spät noch unterwegs, Hoheit?“, erklang eine spöttische Stimme unmittelbar hinter Evan, kaum dass er die Finger vom Türgriff gelöst hatte. Erschrocken fuhr er herum. Durch den schmalen Spalt, den er zu öffnen gewagt hatte, hatte das Treppenhaus im Dämmerlicht der gedämpften Barinsteine still und verlassen dagelegen. Wo war diese Stimme hergekommen? Nervös ließ er den Blick über die Galerie schweifen, doch er konnte nichts entdecken.
„Bitte verzeiht, dass ich mich einfach so in Eure Angelegenheiten mische, aber ich halte nicht für klug, was Ihr vorhabt“, schnarrte die Stimme, jetzt direkt neben ihm. Aus den Schatten neben der Tür löste sich eine kleine Gestalt: Nika. Die Lutin lehnte mit verschränkten Armen nur eine Handbreit neben seiner Zimmertür so lässig an der Wand, als wäre es das Normalste auf der Welt, dass sie kurz vor Mitternacht hier herumlungerte. Wie hatte sie es nur geschafft, seine Augen zu täuschen? Sie blickte ihn aus ihren glitzernden, schwarzen Augen forschend und zugleich amüsiert an. Die kleine Hand der Koboldin strich über die Holzverkleidung hinter ihr und verharrte dann über einem der Blumenornamente, das das Zentrum und die Spitzen eines großen Sterns aus hellem Ahorn zierten. Erst als sich daraufhin der schmale Spalt schräg neben ihr schloss, erkannte Evan seinen Fehler. An die Koboldgänge, die in diesen Gebäude ebenso vorhanden waren wie in jedem anderen größeren Gebäude seines Volkes, hatte er nicht gedacht
„Was hast du hier zu suchen?“, flüsterte Evan atemlos und blickte sich gehetzt um.
„Könnt Ihr Euch das nicht denken?“, fragte sie leise kichernd und fügte dann etwas ernsthafter hinzu: „Keine Angst, außer mir ist niemand hier. Und niemand weiß, dass ich hier bin. Ihr könnt also getrost weiterhin so tun, als wäre ich nicht anwesend.“ Nika musterte ihn langsam von Kopf bis Fuß. „Und Ihr solltet auch nicht hier sein.“ Sie stieß sich von der Wand ab und kam langsam auf ihn zu. Der junge Elf wich vor dem ausgestreckten Zeigefinger des Fuchswesens zurück, bis er das Treppengeländer im Rücken spürte.
„Was willst du von mir?“ zischte er, doch Nika entblößte bloß ihr eindrucksvolles Gebiss zu einem Lächeln.
„Nur, dass Ihr nachdenkt, ob Ihr das Richtige tut. Abiane war mir immer eine treue Freundin, falls es so etwas wie Freundschaft zwischen unseren Völkern geben kann. Ich schulde ihr mein Leben und noch viel mehr, müsst ihr wissen“, erklärte sie seelenruhig. Die Lutin stand jetzt direkt vor ihm und musste den Kopf weit in den Nacken legen, um ihm noch in die Augen blicken zu können. Doch sie hatte nicht vor, dieses Ungleichgewicht auf sich beruhen zu lassen. Sie schloss die Augen und murmelte ein paar leise Worte, dann löste sich ihre Gestalt in wabernden roten Nebelschwaden auf.
Evan keuchte entsetzt auf. Er hatte vergessen, dass Lutin Gestaltwandler waren, und als er plötzlich einer Elfe mit fuchsrotem Haar gegenüberstand, musste er sich sehr zusammennehmen, um nicht laut aufzuschreien. Sie war etwas kleiner als er und sehr zierlich gebaut, doch was ihn noch viel mehr irritierte, als ihre bloße Anwesenheit, war die Tatsache, dass Nikas Kleider für diese Gestalt viel zu klein waren und Einblicke gewährten, die absolut unschicklich waren. Beschämt wandte er den Blick ab.
„Was?“, neckte ihn Nika und strich mit ihren schlanken Fingern über seine Wange. „Gefalle ich Euch nicht, mein junger Fürst?“ Sie lachte leise und einnehmend, doch das verstärkte Evans Unbehagen nur noch. Er bekam eine Gänsehaut bei diesem Geräusch, das sich in seinen Ohren so falsch anhörte wie Vogelgezwitscher in einem Schneesturm. „Und jetzt erklärt mir, warum Ihr zu dieser nachtschlafenen Zeit in den Kleidern Eures Vaters und mit dem Schwert Eurer Mutter an Eurer Seite heimlich aus dem Haus schleichen wolltet“, flüsterte Nika mit einem koketten Augenaufschlag. Ihre Stimme war dunkel und samtig und zog ihn gemeinsam mit den glitzernden, nachtschwarzen Augen in ihren Bann. Nika lächelte, trat ganz dicht an ihn heran und hauchte ihm sanft ins Ohr: „Mir könnt ihr es sagen. Vertraut mir…“
Evan starrte sie an. Gefangen vom Zauber ihrer schmeichelnden Stimme und dem Glitzern der dunklen Augen, öffnete er langsam den Mund und stammelte. „Ich … ich wollte …“
Erst im allerletzten Moment wurde ihm bewusst, dass er sich im Netz ihres Zaubers verfangen hatte und drauf und dran war, dieser hinterhältigen kleinen Koboldin zu verraten, was er seit zwei Tagen selbst seiner Geliebten verschwiegen hatte. Wütend riss er sich los und brachte Abstand zwischen sich und diese widernatürliche Erscheinung.
„Wie kannst du es wagen!“, fauchte er und rieb sich die Wange, als könnte er ihre Berührung wegwischen. Die Lutin jedoch kicherte nur amüsiert. Sekunden später war sie wieder das Fuchswesen, als das er sie kennengelernt hatte. „Einen Versuch war es wert!“, flüsterte sie und zwinkerte ihm verschwörerisch zu. „Aber Ihr solltet hier nicht so herumschreien, sonst waren all die Heimlichkeiten vergebens, oder?“, erinnerte sie ihn und legte demonstrativ einen Finger an die Lippen.
Evan wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Bebend vor unterdrückter Wut und mit hilflos geballten Fäusten stand er einfach nur da und funkelte Nika böse an, die sich wieder auf ihren Platz an der Wand zurückgezogen hatte ihn mit blitzenden Zähnen angrinste. Er wollte sich am liebsten auf diese impertinente Koboldin stürzen und ihr den Hals umdrehen. Aber er wusste, dass er niemals schnell genug sein würde. Ein einziges lautes Wort, ein kurzer Schrei würde genügen, um Abiane zu wecken und seine Pläne zunichte zu machen. Dann wären sie alle zum Untergang verdammt. Wortlos wandte er sich ab.
„Ich sehe, Ihr habt die Aussichtslosigkeit Eurer Situation erkannt“, stellte Nika befriedigt fest und fing sich damit einen weiteren finsteren Blick des jungen Thronfolgers ein. Doch sein Zorn, den selbst sein Ziehvater gefürchtet hatte, schien einfach an ihr abzugleiten. „Ich will es euch einfach machen: Sagt mir den Grund, warum ihr Euch auf ein solches Abenteuer einlassen wollt. Vielleicht lasse ich Euch dann ziehen“, schlug sie vor. Mit einem Mal war das schelmische Glitzern aus den Augen der Lutin verschwunden. Nur die ihrem Volk eigene Neugierde war geblieben.
Evan seufzte leise. Er wusste, dass sie Recht hatte – er hatte keine andere Wahl. Er musste ihr zumindest einen Teil der Wahrheit verraten, wenn er sein Wort gegenüber Rakhal halten und damit das Unheil verhindern wollte, das ihnen drohte. Und auch in dieser Hinsicht hatte er keine Wahl.
„Ich versuche das Leben derer zu retten, die mir am Herzen liegen“, sagte er leise und drehte Nika den Rücken zu. „Auch wenn das bedeutet, sie – euch – alle zu hintergehen und mich meinem Schicksal allein zu stellen.“ Er hatte gehofft, dass sie diese Worte zufriegenstellen würden, doch als die Lutin schwieg und er weiterhin ihre bohrenden Blicke im Rücken spürte, fuhr er nach einer kurzen Pause fort: “Deine Herrin meint, ich hätte unendlich viel Zeit, um zu lernen, aber das ist ein fataler Irrtum! Der Thronräuber weiß, dass ich hier bin und er weiß, wer mir geholfen hat.“
Immer noch beharrliches Schweigen.
„Verstehst du denn nicht?“, flehte er, „Ich kann nicht zulassen, dass er alle vernichtet, die mir etwas bedeuten! Ich muss mich ihm allein stellen. So kann ich vielleicht verhindern, dass er euch alle vernichtet…“
Evan machte eine lange Pause und versuchte seine aufgewühlten Gefühle wieder unter Kontrolle zu bekommen. Diese Wahrheit auszusprechen, war ihm sehr schwer gefallen. Er wollte weder Tiara noch Abiane, Galenor und all die anderen, denen er nicht nur einmal sein Leben schuldete, hintergehen, aber er sah keinen anderen Ausweg, um die Situation noch zu retten. Und er hoffte, dass die Lutin das ebenso sehen würde.
Langsam drehte er sich zu Nika um.
Die Koboldin hatte ihm schweigend zugehört, aber er ihr Fuchsgesicht verriet nicht, wie sie über seine Worte dachte. Die Verzweiflung, die er tief in seinem Herzen fühlte, schwang in seiner Stimme mit, als er sie fragte: „Ist dir das Grund genug, kleine Lutin?“
Nika antwortete zunächst nicht.
Den Kopf leicht schräg gelegt und die Augenbrauen zu einem Stirnrunzeln zusammengezogen, musterte sie ihn unablässig aus ihren klugen, dunklen Augen.
Sie schwieg so lange, dass Evan zu befürchten begann, sie würde ihm widersprechen, doch dann nickte die Koboldin schließlich nachdenklich und meinte: „Ihr habt eure Wahl getroffen. Und mir bleibt nur zu hoffen, dass es die richtige ist.“
Sie hatte diese Worte mit einer Ernsthaftigkeit gesprochen, die seiner Ansicht nach so gar nicht zu diesem ständig zu Scherzen und Streichen aufgelegten Koboldmädchen mit dem beißenden Humor passen wollte. Dann verneigte sie sich knapp und verließ die Galerie in Richtung der Dienstbotenquartiere.
Evan blieb verwirrt zurück. Damit hatte er nicht gerechnet. Einen Augenblick lang stand er verwirrt am Treppenabsatz und versuchte sich einen Reim auf Nikas Verhalten zu machen. Aber der plötzliche Sinneswandel der Lutin blieb ihm ein Rätsel
Schließlich gab er es auf und hastete die Treppe hinab. Glück zu hinterfragen führte nur dazu, dass es einen verließ. Und das konnte er jetzt am allerwenigsten brauchen.

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