Eine Elfengeschichte

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Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Fr 15. Jul 2011, 10:32

)Hallo zusammen!

Nachdem ich hier so viele gute Geschichten gelesen habe, habe ich fast ein bisschen Manschetten, den Anfang meiner Geschichte zu posten :oops: . Ich hoffe, sie wird nicht gleich in der Luft zerfetzt :D . Zum Verständnis muss ich noch sagen, dass ich sie komplett in Herrn Hennes Welt umgesetzt habe, nur an Orten und mit Charakteren, die außerhalb der bisher veröffentlichten Karten liegen. Und nein, es ist kein Zufall, dass meine "Hauptelfe" mir den Nickname für das Forum geliehen hat - er gefällt mir einfach gut ;)
Ich hab derzeit 45 Seiten und werde wohl bei 300-400 Seiten landen, wenn ich den Plot so schreibe wie geplant, dann bin ich (vielleicht) in 5 Jahren fertig :D.

Also gut, genug gequatscht, bildet euch selbst ein Urteil (EDIT: neue Version nach Überarbeitung gemeinsam mit Sepia :D) :

Abiane lag versteckt in einem Dickicht am Rande einer kleinen Lichtung in der Nähe der Handelsstraße durch den großen Westwald. Sie hatte dem Drängen ihrer Stute nachgegeben und sich zur Quelle des Kampflärms tragen lassen, den sie von weitem gehört hatte. Das Tier hatte immer schon ein gutes Gespür dafür gehabt, wenn jemand in Not geraten war und jetzt wartete es absolut ruhig und regungslos hinter ihr. Sie konnte den warmen Atem des Pferdes in ihrem Nacken spüren, während sie das Geschehen auf der Lichtung beobachtete.
Dort war anscheinend gerade ein Überfall im Gange, denn sie zählte sieben vermummte Gestalten, die versuchten, einen jungen Mann und ein Mädchen zu überwältigen. Doch der Junge lieferte ihnen einen eindrucksvollen Kampf und hatte bereits drei von fünf getötet. Noch wollte sie nicht eingreifen, da der Junge seine Gegner ganz gut im Griff zu haben schien, doch sie hatte Bogen und Köcher griffbereit neben sich liegen. Irgendetwas an dem Jungen war merkwürdig und auch wenn sie noch nicht herausgefunden hatte, was genau ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, so empfand sie ein Gefühl der Vertrautheit, als hätte sie ihn schon einmal gesehen. Aber wo nur?
Bevor sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, hörte sie plötzlich einen leisen Schrei, dann ein Wimmern im Gebüsch, nur ein paar Meter von ihr entfernt. Dann sagte eine Männerstimme: „Komm schon, zier dich nicht. Es wird dir bestimmt auch Spaß machen!“ Ein hämisches Lachen als Antwort verriet ihr, dass sie zu zweit waren. Die beiden versuchten, sich über das Mädchen herzumachen, während ihre Kameraden anderweitig beschäftigt waren.
Die Kleine rief um Hilfe und versuchte dem groben Kerl zu entkommen, doch sein Kumpan hielt sie fest und sie war chancenlos gegen die beiden. Seelenruhig legte Abiane einen Pfeil auf die Sehne und zielte. Sie hatte nicht die mindesten Skrupel, dem Leben dieser beiden widerwärtigen Geschöpfe ein Ende zu setzen.
Sekundenbruchteile später fiel der erste der beiden, der sich als ungebetener Freier versucht hatte, gurgelnd zu Boden – in seinem Hals steckte Abianes Pfeil. Als der Zweite seinen Freund stürzen sah, ergriff er die Flucht, doch in seiner Panik rannte er in die falsche Richtung – er lief geradewegs auf Abiane zu, die bereits einen zweiten Pfeil auf der Sehne hatte und schoss.

Der Pfeil traf ihn mit voller Wucht mitten ins Herz. Er strauchelte und blieb regungslos liegen. Ein metallischer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Mit schwindender Kraft griff er nach dem Pfeil in seiner Brust. Dann tauchte das Gesicht einer Frau über ihm auf, die voller Verachtung auf ihn hinabsah. ‚Eine Frau? ‘ dachte er noch und tat seinen letzten Atemzug.

Abiane nickte zufrieden, denn auch wenn ihr das Töten an sich kein Vergnügen bereitete, so war es doch gut zu wissen, dass die Welt um ein wenig menschlichen Abschaum ärmer war. Als sie über den Toten hinweg stieg, um dem Mädchen zu Hilfe zu kommen, fiel ihr etwas Merkwürdiges auf: der abgerissene graue Mantel des Mannes war ein Stück zurückgeschlagen und darunter blitzte eine nietenbeschlagene Lederrüstung mit dem Wappen eines Adligen hervor. Abiane schlug den Mantel ganz zurück und kam zu dem Schluss, dass dieser Mann keineswegs ein gewöhnlicher Tagedieb war, sondern Soldat im Dienst von Lord Esteban, dem mächtigsten Fürsten dieser Gegend. Er war dafür bekannt, sehr ehrgeizig zu sein und nicht eben zimperlich mit seinen Gegnern umzugehen. Zweifel überkamen sie: wenn das Soldaten waren, warum hatten sie sich dann verkleidet und griffen in Überzahl zwei Reisende an? Hatten die beiden sich den Lord zum Feind gemacht? Irgendwie hatte sie das Gefühl, diese zwei jungen Menschen beschützen zu müssen. Ein Schluchzen ganz in der Nähe unterbrach ihre Gedanken.
Sie schlich geduckt zu dem Mädchen, das zitternd im Gebüsch hockte, und legte den Arm um sie. Ihre langen, schwarzen Haare hingen ihr wirr ins Gesicht und die dunkelbraunen Augen sahen ängstlich zu Abiane auf. Weinend warf sich die Kleine an ihre Brust und schluchzte: „Danke, ich hatte solche Angst!“, und mit flehendem Blick fügte sie hinzu: “Bitte, Ihr müsst Evan helfen! Sie werden ihn sonst töten!“. Abiane nickte und strich ihr beruhigend über das verfilzte Haar. Dann wickelte sie ihren Umhang um sie und bedeutete ihr, ruhig an Ort und Stelle zu bleiben, was auch immer passieren mochte. Sie pfiff leise nach ihrer Stute, ließ das Pferd hinlegen und lehnte das Mädchen an den warmen Hals des Tieres.
„Wie heißt du?“, fragte Abiane drängend.
Als Antwort kam ein geschluchztes „Tiara“.
Abiane erstarrte und sah ihr forschend ins Gesicht. Ja, der Name stimmte und die Ähnlichkeit war nicht zu verkennen, wenn man genauer hinsah! Sie hatte Lord Esteban nur ein einziges Mal vor einigen Jahren bei der Hinrichtung eines Verbrechers gesehen, aber sie war sich sicher, dass dies hier seine Tochter war.
„Hat er dich entführt? Sind die Soldaten deshalb hinter ihm her?“ fragte Abiane barsch.
„Nein, bitte, Ihr versteht das falsch! Ich… ich liebe ihn und… wir sind vor meinem Vater auf der Flucht. Bitte helft ihm!“, bettelte sie.
„Helfen werde ich ihm, alles weitere werden wir sehen.“ Damit war Abiane verschwunden.

Inzwischen hatte sich der Kampf sehr zum Nachteil des Jungen entwickelt. Sie hatten ihn arg in Bedrängnis gebracht und dabei ermüdet. Seine Bewegungen waren schwerfällig geworden. Das nutzte einer der beiden jetzt aus: Er schwang sein Schwert nach oben und täuschte einen Hieb auf den Kopf des Jungen an, doch als dieser den Hieb parieren wollte, änderte er die Richtung des Schlags und stieß dem Jungen die Klinge mit aller Kraft durch die ungeschützte linke Schulter. Der Junge war einen Moment blind vor Schmerz, versuchte aber dennoch den Kampf wieder aufzunehmen. Grinsend sahen die beiden zu, wie ihm sein Schwert entglitt, er taumelte und schließlich schwer atmend und zitternd am Boden kauerte. Mit der rechten Hand umklammerte er die verletzte Schulter und Abiane konnte sehen, dass Blut zwischen seinen Fingern hindurch sickerte.
„Tja, Junge, jetzt sag Lebwohl zu deinem Flittchen. Wir werden ihr die Heimreise so angenehm wie möglich machen – oder uns.“ Ein hämisches Lachen machte klar, was er damit meinte. Das brachte den Jungen dazu, sich noch einmal aufzurappeln. Mit einem Schrei sprang er hoch und versuchte mit letzter Kraft, sich auf den Sprecher zu stürzen. Aber er war zu langsam. Der Soldat wich ihm mühelos aus und der Angriff ging ins Leere. Überrascht und wütend zugleich starrte er den Jungen an. Dann riss er ihn vom Boden hoch, zog er seinen Dolch und hielt ihn dem Jungen an die Kehle. „ Grüß den Teufel von mir, oder an wen immer du glaubst, du Missgeburt! Esteban hat gesagt ‚lebend oder tot‘ und ich denke, dass mir tot besser…“ Doch er kam nicht mehr weiter. Fassungslos starrte er die Pfeilspitze an, die aus seinem Hals ragte, dann ließ er sein Opfer los und fiel er vornüber. Seinem Kameraden erging es nicht viel besser. Als Abiane aus dem Dickicht auf die Lichtung trat, stürmte er auf blindlings auf sie zu. Sie hatte inzwischen ihr Schwert gezogen und parierte den wuchtigen, aber ungezielten Hieb ihres Gegners mühelos. Sie ließ die Klinge an ihrer eigenen abgleiten, drehte sich in derselben Bewegung einmal und enthauptete den letzten Angreifer.
Dann eilte sie zu dem verletzen Jungen, der regungslos mit dem Gesicht nach unten am Boden lag. Sie fürchtete, dass der Soldat es doch noch geschafft haben könnte, ihm die Kehle durchzuschneiden bevor er gestürzt war, doch als sie ihn umdrehte stellte sie erleichtert fest, dass er nur das Bewusstsein verloren hatte.

Sie kniete sich neben ihm ins weiche Gras und schnitt seine Kleidung auf, um die Wunde freizulegen. Dabei fiel ihr etwas merkwürdiges auf: sie hatte ihn für einen Jungen von vielleicht fünfzehn Jahren gehalten, doch als sie seinen nackten Oberkörper betrachtete korrigierte diese Schätzung um mindestens fünf Jahre nach oben – er war kein Junge, sondern bereits ein Mann. Seltsam daran war, dass er keinen Bart trug wie bei den Menschen dieser Gegend üblich, ja nicht einmal den geringsten Ansatz von Bartwuchs zeigte. Doch die Erklärung dafür würde warten müssen. Sie tastete nach seinem Puls. Sein Herz schlug noch, aber als sie die sich langsam ausbreitende Blutlache unter seiner linken Schulter sah, war sie sich sicher, dass dies nicht mehr lange der Fall sein würde, wenn sie nicht schnell handelte. Als sie sich die Wunde genauer ansah, wusste sie, dass ihre Sorge nicht unbegründet war: Die Klinge hatte seine Schulter durchbohrt und war unterhalb des Schulterblatts wieder ausgetreten. Sie musste ein größeres Blutgefäß durchtrennt haben, denn er hatte schon viel Blut verloren und blutete immer noch stark. Wenn sie ihn retten wollte, musste sie auf Magie zurückgreifen, aber sie hatte sich geschworen, ihre angeborene Gabe nicht zu benutzen, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie sah ihn an und da war wieder dieses Gefühl von Vertrautheit, das sie nicht einordnen konnte. Abiane war verwirrt: warum drängte es sie so sehr, das Leben dieses Fremden zu retten? Und auch wenn sie diese Frage für sich nicht beantworten konnte, wusste sie doch mit Gewissheit, dass sie ihn retten musste – jetzt gleich.

Also legte sie ihre Handflächen auf seine Schulter und sandte ihren Geist aus, um seinen Körper zu untersuchen. Zu ihrem Erstaunen stieß sie auf eine starke Barriere, die ihr den Zugang zu ihm verwehrte. Er leistete Widerstand gegen die Verbindung! Wie zum Teufel brachte er das fertig? Sie stemmte sich mit aller Kraft dagegen und schließlich hatte sie die Barriere überwunden, doch der latente Widerstand blieb bestehen. Sie versuchte sich zu erinnern, was sie vor vielen Jahren in den wenigen Lektionen über Heilkunst gelernt hatte und untersuchte den Schaden, den die Klinge des Soldaten hinterlassen hatte. Sie schauderte, als sie das ganze Ausmaß der Zerstörung erfasste: Offensichtlich hatte der Soldat seine Klinge gedreht, bevor er sie herausgezogen hatte! Einige wichtige Nervenverbindungen waren durchtrennt und sie fand mehrere zerrissene Venen und Arterien, aus denen ein beständiger Blutstrom kam, den sie sofort unterbinden musste.
Sie veranlasste die Gewebe, sich zu verbinden und zu erneuern und fügte so Blutgefäße und Nerven wieder zusammen. Allerdings machte ihr die Geschwindigkeit, in der dies geschah, zunehmend Sorgen: es ging zu langsam. Zu lange hatte sie ihre Gabe nicht benutzt und jetzt war sie zu ungeübt, um schnell genug handeln zu können! Sie atmete auf, als der Blutstrom endlich verebbte und sich der Kreislauf wieder stabilisierte – die unmittelbare Gefahr war gebannt.
Plötzlich riss die Verbindung ab und Abiane taumelte, dann verlor sie das Gleichgewicht und fiel rücklings ins Gras. Irgendetwas hatte sie weggestoßen! Schwer atmend setzte sie sich auf. Es dauerte einige Sekunden, bis sie begriff, was geschehen war: Ihre Kraft hatte nicht mehr ausgereicht, um die Gegenwehr des Jungen zu überwinden und er hatte sie buchstäblich zurückgestoßen! Wie war das möglich? Er war doch nur ein Mensch! Konnte es sein, dass es auch unter ihnen einige mit angeborener Begabung zur Magie gab? Sie hatte ihn nicht vollständig heilen können und hoffte inständig, dass wenigstens die Blutung zum Stillstand gekommen war, alles andere konnte auch auf herkömmliche Weise behandelt werden. Vorsichtig zog sie den Stoff des Hemds beiseite – ja, es hatte funktioniert. Zumindest vorerst kam kein frisches Blut mehr, auch wenn die Wunde immer noch ziemlich hässlich aussah. Die Wundränder waren zerfetzt und anstatt eines des glatten Schnitts, den sie erwartet hatte, klaffte immer noch ein blutiges Loch in der Schulter. Abiane seufzte. Heilen hatte nie zu ihren großen Talenten gehört!
Sie riss ein paar Streifen Leinen vom Hemd eines der Toten und legte einen strammen Verband an. Das würde reichen müssen, bis sie die beiden in Sicherheit gebracht hatte.
Als sie den letzten Streifen festzog, schlug der Junge plötzlich die Augen auf und sah sie an. Niemals in ihrem ganzen Leben würde sie diesen Augenblick vergessen! Seine Augen waren nicht blau oder braun, wie die gewöhnlicher Menschen, sondern hatten die Farbe von jungen Buchenblättern, durch die das Sonnenlicht scheint: reines, helles Grün mit goldenen Sprenkeln. Sie hatte noch nie einen Menschen mit solchen Augen gesehen!

Jäh keimte eine wilde Hoffnung in ihr auf: Konnte es sein, dass er…? Ihre Gedanken überschlugen sich, als sie sich die Geschehnisse der letzten Stunde ins Gedächtnis rief. Alles, was ihr merkwürdig erschienen war, schien sich jetzt wie ein Puzzle vor ihrem geistigen Auge zusammenzufügen: wie er mit dem Schwert umging, der fehlende Bartwuchs, der Widerstand, als sie versucht hatte ihn zu heilen, die scheinbare Vertrautheit, die sie gefühlt hatte und jetzt diese Augen. Sie musste Gewissheit haben! Sie streckte die Hand nach seinem schulterlangen, blonden Haar aus und wollte es hinter sein Ohr zurückschieben, doch dann sah sie die Angst in seinen Augen. Mit einer schwachen Bewegung versuchte er, ihre Hand wegzuschieben und flüsterte: „Nicht!“ Er versuchte ihr auszuweichen und sich aufzusetzen, doch Abiane konnte sehen, dass ihm diese Bewegung große Schmerzen bereiten musste und trat einen Schritt zurück, um ihn nicht weiter zu verängstigen. Sie musste sein Vertrauen gewinnen, sonst würde sie ihm nicht helfen können.
Schließlich entschloss sie sich, ihm zu zeigen, wer sie wirklich war und sprach ihn mit ruhiger Stimme an: „Du hast von mir nichts zu befürchten. Bitte vertrau mir, ich will dir nur helfen. Sieh her.“ Mit diesen Worten schob sie ihr Stirnband nach hinten, sodass er ihre spitzen Ohren sehen konnte. Grenzenloses Erstaunen und Verwirrung zeichneten sich auf seinem Gesicht ab, dann nickte er und ließ es zu, dass sie sein Haar zurückstrich. Abiane konnte es kaum fassen: der Junge war wirklich ein Elf! Doch statt vor einer Antwort stand Abiane nun vor neuen Rätseln: Wer war er, wo kam er her und vor allem – was hatte er hier zu suchen? Doch sie schob diese Gedanken beiseite, da er offenbar Lord Esteban in die Quere gekommen war und ihre Hilfe brauchte – fragen konnte sie später, und falls sich herausstellen sollte, dass er auf der falschen Seite stand, nun ja… Sie wollte gerade aufstehen, als sie einen leichten Druck in ihrem Rücken spürte. Der Junge starrte ungläubig auf eine Stelle hinter ihr.
„Hast du jetzt genug gesehen, um das Kopfgeld für Evan und mich bei meinem Vater einzufordern?“ fragte Tiara mit fester Stimme.

LG und in der Hoffnung auf Rückmeldungen
Abiane

P.S. Wenn es euch gefällt, ich hab noch mehr (das sollte keine gefährliche Drohung sein ;) )
Zuletzt geändert von Abiane am Mo 25. Jul 2011, 16:15, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Chrisantiss » Fr 15. Jul 2011, 10:57

Also mir gefällt die Story super und ich würde gern mehr lesen. Dein Schreibstil ist sehr schön und ausgereift. Zumindest klingt das Ganze nicht wie die üblichen Teeniestorys auf FF.de, sondern schon erwachsener.
Hast du wirklich sehr gut gemacht.

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von ollowain3 » Fr 15. Jul 2011, 11:01

Keine angst, keiner wird hier in der Luft zerfetzt :)
Ich finde die es gut geschrieben, wäre froh, wenn ich das so gut könnte^^
Über die Länge der Posts brauchst du dir keine Gedanken machen, so weit ich weiß hat das noch nie jemanden gestört, vor allem nicht bei den "Kreativen Werken". Also ich würde mich freuen wenn ich noch mehr von dir lesen könnte. Is mal was anderes, Geschichten zu lesen, die in der Welt von Herrn Hennen spielen.
Wenn wir brennen, dann brennen sie mit!

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Seara » Fr 15. Jul 2011, 11:48

Schreib weiter!!! Freu mich schon auf mehr! :D
Wer stets nur sagt,
was man so sagt,
der hat meist
nichts zu sagen.

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Fr 15. Jul 2011, 11:51

Chrisantiss hat geschrieben: Zumindest klingt das Ganze nicht wie die üblichen Teeniestorys auf FF.de, sondern schon erwachsener.
Hast du wirklich sehr gut gemacht.
Danke für das Kompliment, ich muss allerdings dazusagen, dass ich auch schon in den mittleren Jahren bin ;) . 34, um genau zu sein :D . Trotzdem ist dieser Text mein erster und daher hat es ein bisschen Überwindung gekostet, sich der "Öffentlichkeit" zu stellen.

@ alle die mit Spannung warten: hier dran oder neuen Thread anfangen????

LG bis bald
Abiane

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Seara » Fr 15. Jul 2011, 11:53

Von mir aus kannst du gern hier weiterschreiben... Hauptsache, es geht weiter!
Wer stets nur sagt,
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der hat meist
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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Fr 15. Jul 2011, 12:04

(EDIT: Neue Version!)

Abiane blickte ebenfalls über ihre Schulter. Hinter ihr stand das Mädchen und sah sie wütend an. Sie hatte eine der Waffen aufgehoben und drückte die Spitze zwischen ihre Schulterblätter. Sie schien zu allem entschlossen. Abiane schalt sich im Stillen eine unvorsichtige Närrin, weil sie sich von diesem jungen Elfen so sehr hatte fesseln lassen, dass sie die Kleine nicht bemerkt hatte.
Offenbar war Tiara noch nicht lange genug hier, um ihre Worte zur Gänze belauscht zu haben, außerdem hatte sie Abiane nur von hinten gesehen und konnte daher nicht wissen, warum ihr Geliebter einer Fremden sein Geheimnis preisgegeben hatte. Nach ihrer Miene zu urteilen vermutete sie, dass Abiane nichts Gutes im Sinn hatte. Seelenruhig stand Abiane auf und drehte sich vollends zu Tiara um.
„Also Schluss mit den Förmlichkeiten, wie?“, fragte Abiane spöttisch.
„Tiara, nicht, bitte!“, sagte Evan mit schwacher Stimme.
„Sie will uns an Vater verkaufen! Das werde ich nicht zulassen!“, schrie sie und ihre Stimme zitterte vor Aufregung.
„Bevor du mich als Kopfgeldjägerin beschimpfst, beantworte bitte eine Frage: warum hätte ich euch - und vor allem ihn - retten sollen, wenn ich euch an eure Feinde hätte ausliefern wollen? Ich hätte einfach nur abzuwarten und ihnen die Beute abzunehmen brauchen.“ Abiane nickte in Richtung der toten Soldaten.
Tiara war verwirrt. Die Fremde hatte Recht, das ergab keinen Sinn! Könnte es sein, dass sie wirklich nur hatte helfen wollen? Misstrauisch musterte sie die Unbekannte: Ihre Kleidung entsprach der eines gewöhnlichen Waldläufers, doch von dem langärmeligen Leinenhemd über die enge, ärmellose Lederweste bis zu den kniehohen, ledernen Stiefeln schien alles irgendwie zu fein gearbeitet zu sein, um diesen ersten Eindruck zu rechtfertigen. Zudem trug sie neben dem langen Bogen und einem Jagdmesser auch ein Schwert – eine Waffe, die hier Adeligen und Soldaten vorbehalten war. In den Königreichen im Süden war das anders, nur war ihre Haut zu hell, als dass sie von dort hätte stammen können. Tiaras Misstrauen wuchs, doch sie hatte keine andere Wahl. Allein würde sie Evan niemals von hier fortschaffen können, schon gar nicht mit den Schergen ihres Vaters im Rücken!

Die Fremde schien ihre Gedanken zu erraten. Sie hob die geöffneten Handflächen und sagte:
„Ich versichere dir, dass ich keine Gefahr euch bin. Ich kenne euch nicht, aber was ich gesehen habe hat mich neugierig gemacht und jetzt möchte ich mehr über euch beide erfahren. Bitte lass mich euch helfen!“
Langsam ließ Tiara das Schwert sinken und Abiane entwand ihr die Waffe mit einer schnellen Bewegung.
„Wer bist du?“
„Niemand von Bedeutung“, murmelte Abiane und machte sich an Evans Verband zu schaffen.
„Ich habe von einer Einsiedlerin gehört, die in diesen Wäldern leben soll, aber niemand hat je eine Hütte oder so etwas gefunden. Sie zeigt sich angeblich nur wenigen und wenn dann nur wenn die in höchster Not sind. Es heißt auch, dass sie zaubern kann. Ich hielt das für abergläubischen Unsinn, aber jetzt…“
„Ich werde euch in Sicherheit bringen, dann werde ich mir eure Geschichte anhören“, sagte Abiane, ohne die unausgesprochene Frage zu beantworten und pfiff nach ihrer Stute.

Der heimliche Beobachter, der sich im Gebüsch verborgen und vom ersten Moment an die ganze Szene beobachtet hatte, verließ nun ebenfalls seinen Posten und schlich davon. Was er gerade gesehen und gehört hatte, war zu wertvoll, um es für sich zu behalten. Gewiss würden die richtigen Leute eine erkleckliche Summe für diese Informationen herausrücken. Außerdem eröffnete es ihm neue Möglichkeiten seine Mission zu beenden, ohne sich die Finger schmutzig machen zu müssen. Allein der Gedanke daran zauberte ein selbstzufriedenes Lächeln auf sein Gesicht.

_______________________

Sie hatten über eine Stunde gebraucht, um Abianes Versteck tief im entlegensten Teil des Waldes zu erreichen und die Elfe hatte sich mehr als einmal Tiaras Beschwerden über den anstrengenden Ritt anhören müssen.
Tiara war ganz und gar nicht damit einverstanden gewesen, dass Abiane die Einzige war, die den Weg kannte und dass sie sich immer weiter von der Siedlung am Waldrand entfernt hatten. Ihrer Meinung nach wäre Evan dort besser aufgehoben gewesen und so hatte sie nach einiger Zeit erneut zu glauben begonnen, dass Abiane sie beide nur gegen Lösegeld wieder gehen lassen würde. Hoffnungslosigkeit und Wut hatten sich in ihr breit gemacht, besonders nachdem Evan erneut das Bewusstsein verloren hatte und beinahe aus dem Sattel gestürzt wäre. Diese merkwürdige Frau hatte sich trotz Tiaras Bitten geweigert, umzukehren oder Rast zu machen, und ihn stattdessen einfach am Sattel festgebunden. Nun musste sie ihn schon seit einer Ewigkeit stützen, ihre Arme und ihr Rücken taten weh und sie verfluchte ihre Retterin im Stillen. Doch es sollte noch schlimmer kommen.
Als die Stute nämlich endlich anhielt, traute sie ihren Augen nicht: diese Fremde hatte sie tatsächlich in eine Falle gelockt! Von einer Behausung, oder wenigstens einem Unterstand, war weit und breit nichts zu sehen, und auf drei Seiten erhoben sich steile Felswände. Lediglich ein großer Geröllhaufen, der einmal ein gewaltiger Felssturz gewesen sein musste, erhob sich am Fuß der steinernen Wand vor ihr.
„Wo sind wir hier? Das ist keine Hütte, sondern…“
„Mein Zuhause“, unterbrach Abiane sie.
Ohne weitere Erklärung ging sie auf den Geröllhaufen zu und berührte eine größere Steinplatte, die senkrecht daran angelehnt war. Zu Tiaras Überraschung glitt die Steinplatte beiseite und öffnete den Blick auf eine dahinter liegende Höhle. Erst später sollte sie dahinter kommen, dass es keineswegs Magie brauchte, um die Platte zu bewegen, sondern nur sehr sorgfältig platzierte Scharniere und Angeln, die den Stein um seinen Schwerpunkt drehen ließen. Abiane verschwand in der Öffnung und kam kurz darauf mit zwei Stangen und einigen langen Lederriemen zurück. Also wollte sie sie wirklich hier gefangen setzen!
„Normalerweise transportiere ich damit meine Jagdbeute, aber ich denke, dass es auch für unsere Zwecke geeignet sein müsste.“ Sie warf Tiara einen ungeduldigen Blick zu.
„Los, absteigen! Ich brauche deine Hilfe, um Evan hineinzutragen.“
Mit diesen Worten begann sie, die Riemen zu lösen, mit denen Evans Beine am Sattel festgebunden waren. Tiara sah sie hasserfüllt an und reckte trotzig den Kopf in die Höhe.
„Du hast mir gar nichts zu befehlen! Eher sterbe ich, als dass ich mich von dir wie Vieh festbinden und verkaufen lasse. Du wirst mich schon zwingen müssen!“, rief sie.
Abiane begann die Geduld zu verlieren. Nur mit Mühe beherrschte sie sich, dieses trotzige kleine Gör nicht auf der Stelle zu erwürgen, doch sie ließ sich nichts anmerken und erwiderte in fast gleichgültigem Tonfall: “Wie du willst. Ich schaffe es auch alleine, aber so wird es ihm Schmerzen bereiten.“
Damit griff sie nach Evans Hüfte und zog ihn langsam vom Rücken der Stute. Sie hatte es fast geschafft, als sich sein rechter Fuß im Sattelzeug verhedderte und er kopfüber aus dem Sattel rutschte. Abiane war gezwungen, seinen Oberkörper mit einer Hand loszulassen, um ihn zu befreien. Sie wollte gerade nach oben greifen, als der junge Elf plötzlich frei war und in ihre Arme stürzte.
„Vielleicht sollte ich dir doch helfen – aber bilde dir nichts ein, ich mache es nur seinetwegen!“, zischte Tiara und glitt ebenfalls aus dem Sattel.
„Gut, dann pack mit an und binde die beiden Stangen mit den Riemen zu einer Trage zusammen. Dann können wir ihn gemeinsam hineintragen.“
Tiara gehorchte und sah dabei immer wieder verstohlen zu Abiane hinüber, die Evan vorsichtig auf den Boden gelegt hatte und nun mit geschlossenen Augen neben ihm kniete. Ihre Handflächen lagen auf seiner Stirn und seinem Handgelenk. Sie hatte keine Ahnung, was sie da tat, aber allmählich kamen ihr Zweifel an ihrer Theorie über diese fremde Frau und ihre Absichten. Vielleicht hatte sie sich doch in ihr getäuscht?
Der Geröllhaufen entpuppte sich bei genauerer Betrachtung als das mit Steinen getarnte Dach einer Hütte, die an die Felswand gebaut war und den Eingang zu einer geräumigen Höhle bildete. Links vom Eingang befand sich eine kleine Kochstelle, die steinernen Wände waren mit Tierfellen verhängt, um die Kälte abzuschirmen. Viele Möbel gab es nicht. Ein großer Tisch, ein paar grob gezimmerte Stühle und ein Bett in einer Felsnische tiefer in der Höhle. Tiara glaubte etwas wie einen Tunnel zu erkennen, der von der hinteren Höhlenwand aus tiefer in den Felsen führte. Von dort schien das leise Plätschern von Wasser zu kommen, das sie beim Eintreten bemerkt hatte.
„Hier, hierher mit ihm.“ Abiane deutete mit dem Kopf in Richtung des Tisches während sie sich langsam rückwärts in die Höhle vortastete. Der Boden war uneben und sie wollte unbedingt vermeiden zu stürzen. Vor dem Tisch bedeutete sie Tiara, die Trage hinzustellen. Jetzt musste alles schnell gehen – ihr lief die Zeit davon! Während Tiara mit der Trage beschäftigt gewesen war, hatte sie Evans Zustand überprüft und festgestellt, dass ihn der Ritt sehr viel von seiner verbliebenen Kraft gekostet hatte. Ein Blutgefäß wieder aufgebrochen und er hatte noch mehr Blut verloren. Das hatte sie sofort behoben, doch der Schmutz, der mit der Klinge in die Wunde gelangt war, begann bereits seine tödliche Wirkung zu entfalten. Dagegen war sie machtlos, so weit war sie in der Heilkunst nie ausgebildet worden. Sie musste die Wunde trotzdem reinigen und so verhindern, dass sie brandig wurde. In seinem geschwächten Zustand konnte Wundbrand tödlich enden, das wusste sie nur zu gut. Selbst den Fähigkeiten einer Elfe waren Grenzen gesetzt.
Vorsichtig schob sie ihre Arme unter seinen Körper und hob ihn auf den Tisch.
„Was machst du da? Hier kann er doch nicht liegen bleiben! Oder geht es dir um Fleisch für deine Vorratskammer?“, höhnte Tiara.
Das war zu viel für Abiane. Mit einem schnellen Schritt war sie bei Tiara, packte sie mit beiden Händen am Kleid und stieß sie grob gegen die Wand hinter ihr. Dann zog sie ihr Jagdmesser und presste es an die Kehle des Mädchens. In ihren Augen loderte der blanke Zorn. Dann sagte sie leise und mit mühsam beherrschter Wut: “Sag so etwas nie wieder zu mir. Du kennst mich nicht, weißt nicht, wozu ich imstande bin, wenn mich jemand wie du mit einem Troll vergleicht! Hörst du, Menschentochter, nie wieder!“
Verängstigt nickte Tiara.
Als Abiane die Angst in ihren Augen sah, schalt sie sich wegen ihrer Unbeherrschtheit. Sie hatte sich hinreißen lassen und im Zorn mehr von sich preisgegeben, als sie je vorgehabt hatte. Sie steckte das Messer wieder ein, trat einen Schritt zurück und rieb sich mit den Fingerspitzen die Nasenwurzel.
„Ich hole sauberes Wasser, bleib bei ihm.“ Mit diesen Worten verschwand sie im hinteren Teil der Höhle.
Dann war Tiara mit ihrem geliebten Evan allein. Seit ihrer Kindheit kannte sie den kleinen Jungen, der oft mit seinem Vater mitgekommen war, wenn dieser bei Lord Esteban eine Bestellung auszuliefern gehabt hatte. Später hatten sie zärtliche Gefühle füreinander entwickelt und er hatte sie oft heimlich besucht. Diese Zeit schien eine Ewigkeit zurückzuliegen! Sie strich ihm sanft das Haar aus der Stirn und streichelte zärtlich über sein Gesicht. Dann drückte sie einen Kuss auf seine blassen Lippen und vergrub ihr Gesicht an seiner unverletzten Schulter. Oh, wäre doch alles so gekommen, wie sie beide es sich in den vielen kurzen Momenten der Zweisamkeit ausgemalt hatten! Als sie sich des Nachts heimlich aus dem Schloss geschlichen hatte, um Evan zu treffen. Sie hatten alles genau geplant gehabt, alles war vorbereitet gewesen. Doch ihr Vater hatte herausgefunden, dass seine einzige Tochter mit dem Sohn des Dorfschmieds weglaufen wollte und hatte ihnen eine Falle gestellt. Sie hatten ihren Plan während der Vorbereitungen überstürzt in die Tat umsetzen müssen. Mit knapper Not war ihnen dennoch die Flucht geglückt, aber die Freude hatte nur einen Tag gewährt, dann hatten sie ihre Häscher gestellt und jetzt saß sie in der Höhle einer fremden Einsiedlerin fest, Evan war schwer verwundet und schwebte zwischen Leben und Tod. Die Verzweiflung übermannte sie endgültig und sie konnte nichts mehr tun, als haltlos zu weinen.
Zuletzt geändert von Abiane am Mo 25. Jul 2011, 16:20, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Chrisantiss » Fr 15. Jul 2011, 17:56

Auch dieses Kapitel gefällt mir gut. Schöne Wortwahl und Satzbau, daß schafft eine gute und lesbare Athmosphäre.

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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Sa 16. Jul 2011, 05:24

(EDIT: Neue Version!)

Als Abiane mit zwei Eimern Wasser von der Quelle zurückkam, fand sie Tiara schluchzend über Evan gebeugt am Tisch kauern. Sanft berührte sie ihre Schulter und sagte: “Es tut mir leid, ich hätte dich nicht so erschrecken dürfen.“
„ Das ist es nicht!“, schluchzte Tiara.
„Wenn es wegen Evan ist, ich bin sicher, dass…“
„Nein, ich weiß auch nicht genau, aber ich, ich… Es ist so, als ob alles rund um mich zusammenstürzt und mir bleibt von meinem Leben nichts als ein Haufen Trümmer. Seit gestern Nacht hat sich alles geändert, nichts ist mehr wie es war und doch nicht so, wie es sein sollte!“
Abiane nahm ihre Hände in ihre eigenen und sah ihr fest in die Augen. So etwas wie Mitleid schwang in ihrer Stimme mit, als sie sagte: “Beruhige dich, Mädchen. Mit der Zeit wirst du dich damit abfinden können, du wirst sehen!“
Als sie bemerkte, wie wenig ihre Worte Tiara trösten konnten, nahm sie sie in den Arm und drückte ihren Kopf an ihre Brust. Tiara erwiderte die Umarmung und allmählich ebbte das Schluchzen und Zittern des Mädchens ab.
„Ich habe das auch schon erlebt. Ich weiß wie sehr es schmerzt und es wird nie ganz vergehen. Aber ich weiß auch, dass der Schmerz mit der Zeit erträglicher wird“, sagte sie leise und mehr zu sich selbst. Dann nahm sie Tiara an den Schultern, schob sie auf Armeslänge von sich weg und sah sie an.
„Du darfst jetzt nicht aufgeben! Vor allem seinetwegen nicht! Wenn er dich so sehr liebt wie du ihn, wird er dich brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen. Wenn du jetzt die Hoffnung verlierst, wird er sterben!“ Bei diesen Worten deutete sie mit dem Kopf auf den reglos daliegenden Evan und sah Tiara dann fest in die Augen.
„Ich werde jetzt seine Wunden versorgen. Dazu brauche ich Ruhe und außerdem könnte es hässlich werden. Du solltest nicht zusehen. Weiter hinten in der Höhle gibt es eine Quelle. Da kannst du dich waschen.“
Abiane wühlte in einem kleinen Schrank. Als sie gefunden hatte, was sie gesucht hatte, drückte sie Tiara ein Bündel Stoff in die Hand. „Hier, zieh das danach an. Bitte vertrau mir, es ist besser so.“
„Aber…“, protestierte Tiara.
Abiane sah sie eindringlich an.
Etwas freundlicher und mit einem Lächeln fügte sie hinzu: “Die Sachen sind sauber und wesentlich bequemer als das zerrissene Kleid, das du anhast. Nun geh, ihm läuft die Zeit davon.“
Tiara murmelte etwas wie „kein kleines Kind mehr“ und „kann das aushalten“, während sie widerwillig den Tunnel betrat, aus dem Abiane zuvor mit den Eimern gekommen war.

Nachdem sie Tiara zur Quelle geschickt hatte, kümmerte sich Abiane um Evan. Sie war sich ganz sicher, dass dies nicht sein richtiger Name war und entschlossen, die Wahrheit herauszufinden. Doch für eine erneute Verbindung von Geist zu Geist fehlte es ihnen beiden an Kraft. Sie durfte nicht riskieren, dass er seine letzten Reserven bei einem unbewussten Abwehrmanöver gegen sie verschwendete. Also schob sie die Fragen, die ihr im Kopf herumspukten, beiseite und machte sich daran, ihn nochmals gründlich zu untersuchen, um eventuell verborgene Verletzungen aufzuspüren und zu behandeln. Doch zu ihrer Erleichterung blieb es bei der Schulterverletzung und ein paar kleineren Schnittwunden und Prellungen, die sie rasch und mit geübten Handgriffen verbunden hatte. Nun blieb ihr nur noch eines zu tun und sie zwang sich, nicht an den Geruch von verbranntem Fleisch zu denken, als sie eine schmale Eisenstange in die Glut des Feuers schob und Holz nachlegte. Sie würde etwas warten müssen, bis das Eisen heiß genug war.

Abiane versuchte sich von den Gedanken an Evan abzulenken und schloss die Augen. Aus dem Dunkel tauchte augenblicklich ein Gesicht auf – Floralys. An ihn hatte sie nicht denken wollen, da ihr die Erinnerung alles noch viel schwerer machen würde. Doch er ließ sich nicht fortschicken. Er sah sie mit seinen dunkelbraunen Augen lächelnd an und widerstand allen ihren Versuchen, sein Gesicht wieder in die Tiefen ihrer Erinnerung zu verbannen, wohin sie ihn all die Jahre gesperrt hatte. Floralys war Mitglied der Leibwache von Fürst Idris gewesen und der einzige Elf am Hof, der ihr etwas bedeutet hatte. Sie hatte mit ihm mehr als einmal das Bett geteilt. Er hatte sie sogar zu seiner Gefährtin machen wollen und ihr ernsthaft und so hinreißend ungeschickt den Hof gemacht! In der Nacht vor dem Anschlag hatte sie seinem Werben nachgegeben und sie hatten sich gegenseitig die goldenen Armbänder als Zeichen ihres Versprechens umgelegt, bevor sie ihre Seelen aneinander gebunden hatten.
Gedankenverloren berührte sie das warme Metall unter ihrem Ärmel. Sie konnte Tiara gut verstehen, auch ihre Welt war an einem einzigen Tag zusammengebrochen, all ihre Hoffnungen und Pläne zerstört worden! Sie rief sich die letzten Minuten vor ihrer Flucht ins Gedächtnis: Sie hatte mit Floralys Rücken an Rücken gegen die Attentäter gekämpft, die Rakhal auf die Fürstenfamilie angesetzt hatte. Daleron, ihr Befehlshaber, hatte die Wachen aufgeteilt und Fürst Idris mehr als die Hälfte mitgegeben, bevor er selbst das Kommando über den Rest übernommen hatte, um Fürstin Amberlee und ihren Sohn in Sicherheit zu bringen. Abiane und Floralys hatten zu Dalerons Truppe gehört, doch sie waren mit Amberlee und dem Kind durch einen Hinterhalt von ihren Kameraden abgeschnitten worden. Daleron hatte erfolglos versucht, sich zu ihnen durchzukämpfen und nun standen sie allein gegen mehr als zehn der schwarz gekleideten Gestalten. Sie wussten, dass sie im offenen Kampf unterliegen würden, also hatten sie Amberlees Drängen nachgegeben und sich bis zum Thronsaal zurückgezogen. Doch dieser hatte nur einen Ein- und Ausgang und so war ihr Schicksal in dem Moment besiegelt gewesen, in dem sie den Balken von innen vor die Tür gelegt hatten.
Dort hatte ihnen Amberlee ihren Plan offenbart, den sie im Bewusstsein von Rakhals Machtgier bereits vor einiger Zeit geschmiedet hatte: Sie beide sollten mit Vaheris durch ein Tor zwischen den Welten fliehen, um wenigstens das Kind zu retten. Die Fürstin selbst wollte zurückbleiben, um ihre Flucht zu verschleiern und Rakhal irgendwie davon abzuhalten, ihnen sofort zu folgen. Keiner von ihnen hatte Amberlee im Stich lassen wollen und so hatten sie sich darauf geeinigt, dass nur einer mit Vaheris fliehen würde, der andere blieb bei Amberlee und sollte helfen, die Verfolger von ihnen abzulenken oder sie zumindest aufzuhalten. Doch keiner hatte den anderen verlassen wollen und so hatte das Los über ihr Schicksal entscheiden müssen. Abiane hatte gewonnen und gleichzeitig alles verloren. Wie oft hatte sie sich später gewünscht, sie wäre an seiner Stelle dort geblieben! In dem Blick, den er ihr zum Abschied geschenkt hatte, hatte all seine Liebe und all sein Schmerz gelegen. Er hatte gewusst, dass er sterben würde. Aber Abiane hatte auch seine Entschlossenheit gesehen, ihr die Flucht zu ermöglichen, damit wenigstens Vaheris am Leben blieb. Sie hatte ihn sterben gesehen und sterben gefühlt, als sie durch das Tor gegangen war. Am Ende hatte sie nicht einmal Vaheris beschützen können – er hatte sich in Panik losgerissen, kurz bevor sie ihr Ziel erreicht hatten und war seither verschollen. Fünfzehn Jahre hatte sie nun schon gesucht! Vergebens!
Mit Gewalt drängte sie ihre Erinnerungen zurück und öffnete die Augen. Sie schüttelte nochmals den Kopf, um die letzten Geister der Vergangenheit abzuschütteln und machte sich dann daran, die Reste von Evans zerfetztem Hemd zu entfernen. Jetzt brauchte dieser junge Elf ihre Hilfe und wer immer er auch war, sie würde ihn nicht sterben lassen! Sie würde nicht noch einmal versagen und ein ihr anvertrautes Leben verlieren!
Als sie seinen Oberkörper komplett entblößt hatte, band sie seine Hand- und Fußgelenke mit starken Lederriemen an die Tischbeine, schob ihm ein Stück Holz zwischen die Zähne, damit er sich nicht selbst verletzen konnte und ging dann zum Feuer, um ihr Werkzeug aus der Glut zu ziehen. Die Spitze der Stange war tiefrot - genau richtig, um die Wunde schnell und effektiv auszubrennen.
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Re: Eine Elfengeschichte

Beitrag von Abiane » Sa 16. Jul 2011, 05:25

Vorsichtig tastete sich Tiara durch die Dunkelheit in die Richtung, die Abiane ihr gewiesen hatte. Sie hörte das Geräusch fließenden Wassers, das mit jedem Schritt immer klarer und lauter wurde. Ein paar Mal wäre sie beinahe auf den glitschigen Steinen in dem schmalen Tunnel ausgerutscht, aber dann sah sie vor sich einen Lichtschimmer und ging trotz des unsicheren Untergrunds schneller. Das Licht wurde heller, und als sie seine Quelle erreicht hatte, wäre sie vor Überraschung fast doch noch gestürzt: Vor ihr tat sich eine Höhle auf, auf deren Grund sich ein Becken mit glasklarem Wasser befand. Dieses Becken wurde von einer Quelle gespeist, die sich ein wenig darüber in der Felswand befand. Der ganze Raum war von einem warmen, goldenen Lichtschein erhellt, der von etlichen faustgroßen Steinen ausging, die an der Wand, im Becken und in der Decke in den Felsen eingelassen waren. Fasziniert trat sie näher an den ihr nächsten Stein heran und betrachtete ihn genauer: in seinen Tiefen schien ein goldenes Feuer zu lodern und er war von Schlieren durchzogen, die sich wie Seidenbahnen im Wind bewegten. Sie konnte keine Kerzen oder Fackeln erkennen, der Stein schien aus sich selbst zu leuchten, ohne Wärme abzustrahlen. Langsam griff sie nach dem Stein und berührte ihn nach langem Zögern endlich mit den Fingerspitzen. Er war warm, glatt und hatte nichts Bedrohliches an sich. Ob sie ihn mitnehmen sollte? Nein, nach allem was geschehen war, war sie mittlerweile überzeugt, dass die Fremde nichts Böses im Schilde führte und sie wollte ihr ihre Hilfe nicht mit einem Diebstahl vergelten.
Erst jetzt fiel ihr ein, dass sie nicht einmal den Namen ihrer Gastgeberin kannte. Überhaupt war einiges an ihr mehr als seltsam. Sie war sich fast sicher, dass sie und die geheimnisvolle Einsiedlerin, von der sich die abergläubischen Bauernweiber in den Dörfern ringsum erzählten, ein und dieselbe Person waren. Wer war sie? Und woher kam sie? Sie kannte keine Frauen, die in Hosen herumliefen, geschweige denn so gut mit dem Bogen umzugehen wussten oder den Schwertkampf beherrschten. Bestimmt stammte sie nicht aus der Gegend, eine solche Person wäre aufgefallen wie ein bunter Hund. Und außerdem musste sie jemand unterrichtet haben, das wusste sie von Evan. Er hatte alles von seinem Ziehvater, dem Dorfschmied, gelernt. Sie wusste, dass sie das Rätsel lösen konnte, wenn sie sich nur genau an alles erinnerte, was seit dem Überfall im Wald passiert war. Irgendetwas war da gewesen, etwas, was die Fremde zu ihr gesagt hatte, doch jedes Mal, wenn sie den Gedanken fassen wollte, entwand er sich ihr wieder wie ein schlüpfriger Fisch und verschwand im Dunkel.
Während sie grübelte, zog sie sich aus und stieg in das Wasserbecken. Nach all den Wundern, die sie hier vorgefunden hatte, hatte sie erwartet, dass das Wasser warm war, doch das war ein Irrtum – es war so bitterkalt wie jede andere Quelle! Trotzdem tauchte sie kurz unter und genoss das Gefühl, als die Kälte ihre Gedanken klärte und das Wasser mit dem Schmutz auch alle Hoffnungslosigkeit und Trauer wegzuwaschen schien.

Und plötzlich fiel es ihr wieder ein! Etwas, das die Frau vorhin zu ihr gesagt hatte: Menschentochter.

Konnte es sein, dass sie kein Mensch war? Waren die Geschichten über Trolle und Elfen doch nicht nur Geschwätz von alten Weibern? Es konnte nicht sein, und doch ergab alles mit einem Mal Sinn, alle Puzzleteile fügten sich ineinander und ergaben ein Bild, das zu akzeptieren sich ihr Verstand sträubte. Sie musste Gewissheit haben, und zwar schnell! Tiara beendete ihr Bad so rasch sie konnte und schlüpfte in die Kleidung, die sie bekommen hatte. Es war ein merkwürdiges, aber nicht unangenehmes Gefühl, Hosen zu tragen und sie stellte fest, dass Männerkleidung durchaus nicht so unbequem war, wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Dann machte sie sich auf den Rückweg.

Langsam senkte Abiane die glühende Spitze des Eisens in die Wunde. Es zischte, als die Hitze das Fleisch versengte und der Geruch war für sie kaum zu ertragen. Für einen Moment gab der Schmerz Evan genug Kraft, um die Augen zu öffnen. Sein Körper bäumte sich auf, doch die Lederriemen hielten ihn fest.
„Es tut mir leid, es muss sein! Es ist gleich vorbei!“ sagte sie, während sie die letzten Stellen ausbrannte. Doch Evan hörte sie nicht mehr. Die Anstrengung und der Schmerz hatten ihn schnell wieder das Bewusstsein verlieren lassen. Abiane hatte damit gerechnet, so war es fast jedes Mal gewesen, wenn sie diese unsägliche Prozedur hatte durchführen müssen. Verdammte, primitive Welt, in die sie das Schicksal verschlagen hatte! Zu Hause hätte ihn ein Heiler binnen Minuten und fast schmerzlos vollständig wiederhergestellt, aber hier…
Sie wollte das Eisen gerade aus der Wunde ziehen, als hinter ihr ein Schrei ertönte: „ Evan, nein! Du Hexe, das wirst du büßen!“

Tiara war aus dem Tunnel getreten und hatte gesehen, dass Evan an den Tisch gefesselt war. Über ihm stand die Einsiedlerin mit einer Lanze in der Hand und murmelte etwas, während sie die Waffe in seine Brust senkte. Evan hatte versucht sich zu wehren und zu schreien, aber diese Hexe hatte ihn geknebelt, damit Tiara nichts bemerken würde! Dann war er plötzlich still gewesen und hatte sich nicht mehr bewegt. Sie nahm eines Holzscheite, die in einer Ecke aufgestapelt waren und wollte diese schändliche Verräterin niederschlagen, doch die parierte ihren Schlag mühelos mit der Waffe, die Evan getötet hatte. Mit zwei schnellen Schritten war sie hinter Tiara und verdrehte ihr den Arm auf den Rücken, bis sie ihre Gegenwehr aufgab. „Jetzt bin also ich an der Reihe, wie? Willst du mich auch an den Tisch binden wie Schlachtvieh? Mörderin!“ rief sie voller Verachtung und versuchte nach hinten auszutreten.

Doch Abiane wich dem Tritt aus und schob Tiara wortlos zum Tisch. Dort nahm sie die rechte Hand des Mädchens und drückte sie links neben dem Brustbein auf Evans Brust. „Was fühlst du hier?“ fragte sie.
In Tiaras Augen spiegelten sich sowohl Überraschung als auch Unglaube, als sie Evans Herzschlag unter ihren Fingerspitzen fühlte.
„Aber, ich dachte…“
„Du dachtest ich hätte ihn erstochen, nicht wahr?“ sagte Abiane bitter. „Ich musste die Wunde ausbrennen, damit sie nicht brandig wird. Der Schmerz war zu groß und er ist ohnmächtig geworden. Meine Kraft reichte nicht mehr aus, um ihm das zu ersparen.“
„Aber dann hast du ja…“
„Ja, ich versuche sein Leben zu retten. Ebenso wie deines. Vielleicht fängst du ja jetzt endlich an, mir zu vertrauen. Ihr Menschen seid wirklich nicht leicht zu verstehen!“ seufzte Abiane und begann die Wunde zu verbinden.
„Wir Menschen? Bist du denn keiner?“ fragte Tiara lauernd. Wie es schien, war der Augenblick günstig, die Wahrheit über diese Frau zu erfahren.
Abiane seufzte resigniert. Sie hatte schon zu viel verraten, da konnte sie auch gleich die ganze Wahrheit sagen – auch wenn sie Tiara nicht gefallen würde.
„Nein, ich bin kein Mensch. Ich bin eine Elfe.“
„Eine Elfe? Aber solltest du dann nicht Flügel haben und in Seidengewänder gekleidet sein?“
„Das erzählt man sich hier über uns?“ Ein leises Lachen kam über Abianes Lippen. Dann sagte sie: „Du hast mich noch nicht nach meinem Namen gefragt. Oder haben wir in euren Geschichten keine Namen?“
„ Doch, schon, ich… bitte verzeih mir. Das war unhöflich.“
„Schon gut. Mein Name ist Abiane. In einem jedoch haben eure Geschichten recht.“ Mit diesen Worten nahm sie das breite Stirnband ab, das ihre spitzen Ohren verborgen hatte.
Tiara keuchte auf und stammelte: „Deine Ohren sehen aus wie die von Evan! Heißt das, dass er auch..?“
„Ja“, sagte Abiane ruhig „er ist einer meines Volkes. Ich habe es schon auf der Lichtung bemerkt. Alles an ihm ist elfisch. Seine Bewegungen beim Schwertkampf, seine Augen, seine Ohren. Hast du dich nie gefragt, wieso er kein einziges Haar auf seiner Brust oder im Gesicht hat oder warum seine Augen so grün sind?“
Plötzlich fiel es Tiara wie Schuppen von den Augen: Evan war keine Missgeburt mit entstellten Ohren, als die er immer betrachtet worden war. Er war ein Elf, Abianes Argumente waren nicht von der Hand zu weisen, auch wenn ein Teil von ihr die Wahrheit nicht glauben wollte.
Sie sank auf einen Stuhl und tiefe Hoffnungslosigkeit umfing sie. Elfen waren unsterblich, sie dagegen nicht. Er war plötzlich unerreichbar für sie geworden.
Abiane senkte den Kopf, als sie die Trauer und Verzweiflung des Mädchens auffing. „Er liebt dich.“ sagte sie leise zu Tiara. „Er hat sein Leben für dich riskiert und wird es verlieren, wenn du das Vertrauen in ihn verlierst.“
Tiara sah sie verwirrt an. „ Er wird mich nicht mehr wollen, wenn er erfährt, was er ist – wie er ist. Nein, ich sollte gehen bevor er aufwacht, dann ist es leichter für ihn!“
„Auch wenn er nicht weiß, was er ist, so hat er doch Fähigkeiten, die über die normaler Menschen weit hinausgehen. Er kann fühlen, was du fühlst und wird sich aufgeben, wenn du ihn aufgibst.“
Die Worte trafen Tiara wie ein Schlag. Sie wusste nicht mehr, was sie tun oder sagen sollte und blickte die Elfe hilfesuchend an.
„Du bist seine Gefährtin. Ich weiß es. Ich habe das Band zwischen euch gespürt, als ich ihn im Wald versuchte zu heilen. Auch wenn du das Ausmaß dieser Verbindung nicht verstehen wirst, ich will versuchen, es dir zu erklären.“ Wieder berührte sie den Goldreif unter ihrem Ärmel, dann fuhr sie fort: „Wenn ein Elf eine Gefährtin erwählt, dann bindet er seine Seele an sie und sie an ihn. Stirbt einer, stirbt auch ein Teil des anderen und wenn dieser andere so schwach ist wie Evan, dann… Ich habe es selbst erlebt, als mein Gefährte getötet worden ist. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich wieder die Kraft fand um weiterzuleben. Jahre, in denen mich nur mein Pflichtgefühl und ein Eid, den ich einst geleistet habe, am Leben erhalten haben. Bedenke das, dann entscheide, ob du bleiben oder gehen willst. Beides steht dir frei.“
Die Elfe fuhr fort, Evans Wunden zu verbinden, doch sie beobachete Tiaras Reaktion auf ihre Worte aus dem Augenwinkel genau. Zunächst sagte sie gar nichts, sie starrte nur ungläubig auf einen Punkt in weiter Ferne und versuchte, das zu verarbeiten, was sie in den letzten Minuten erfahren hatte. Alles hatte sich geändert, nichts war mehr so wie zuvor, nicht einmal ihr Geliebter war der, der er zu sein schien. Und außerdem lastete jetzt auch noch die Verantwortung für Evans Leben auf ihren Schultern. Abiane rechnete halb damit, dass das Mädchen jeden Augenblick ohnmächtig vom Stuhl sinken würde, doch Tiara fing sich bald wieder. Sie stand langsam auf. „Ja, ich liebe ihn – immer noch. Und deshalb kann ich es nicht ertragen, ihn nicht dazu zwingen, mir beim Altwerden und Sterben zuzusehen.“ Sie sah Abiane an und ihr Blick schien sie anzuflehen, sie zum Bleiben zu überreden, doch Abiane sagte nichts. Tiara schenkte Evan einen letzten, sehnsuchtsvollen Blick, dann verließ sie die Hütte und trat in die warmen Strahlen Nachmittagssonne hinaus. Es war dieser Blick, der der Elfe jede Hoffnung raubte, dass Tiara zurückkehren würde, denn genauso hatte Floralys sie angesehen, als sie getrennt worden waren. Seufzend löste sie die Lederriemen von Evans Armen und Beinen und hob ihn vorsichtig vom Tisch in ihr Bett hinüber. Sie strich ihm sanft über das schweißverklebte blonde Haar und flüsterte: “Sie kommt wieder, du wirst sehen.“ In diesem Augenblick fiel ihr Blick auf eine kleine Narbe an seinem Hals. Sie hatte die Form eines Halbmonds und war fast unter seinem Haaransatz verborgen. Sie kannte diese Narbe – sie selbst hatte damals den Jungen verbunden, der sich bei einer Kletterpartie in der großen Eiche im Schlosshof verletzt hatte. Nun war sie sich sicher, wer dieser junge Elf war und sie würde nicht ruhen, bis er seinen rechtmäßigen Platz eingenommen hatte.

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